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im Laufe der Zeit

_MG_4548„Da ruht ihr nun also, ein Paar mit liebestoten Körpern allnächtlich im gemeinsamen Zimmer, ausgenommen die kurzen Reisen wie jetzt. Da wohnt ihr nun also. Ob es eine Wohnung ist oder ein Haus, eingerichtet so oder so, wahrscheinlich antik-modern mit der üblichen Lampe japanischer Konfektion, jedenfalls ist da ein gemeinsames Bad, der tägliche Anblick von Utensilien für die unterschiedliche Pflege zweier Körper, eines weiblichen, eines männlichen. Da sehnt ihr euch manchmal. Keines von euch hat einen vertrauteren Menschen, nein, nicht einmal in der Erinnerung, nicht einmal in der Hoffnung. Kann man sich verbundener sein als ihr? Mann kann´s nicht. Aber manchmal sehnt Ihr euch also? Wonach? Da schaudert es euch. Was eigentlich? Da lebt ihr die endlos-raschen Jahre liebesvoll, ein Paar, zärtlich, ohne es vor Gästen zu zeigen, denn ihr seid es wirklich, ein wirkliches Paar mit zwei liebestoten Körpern, die einander nur selten noch suchen. Nur nach einer Reise etwas, einer Trennung von der Dauer eines Kongresses kommt es vor, dass ihr am hellichten Tag, kurz nach der Ankunft, ehe die Koffer ausgepackt und das Nötige berichtet ist, einander umarmt. …

Da habt ihr noch einmal, wie einst, einen stundenlosen Tag im Morgenrock und mit Platten. Dann wieder der sanfte Schwund aller Neugierde beiderseits, nicht ausgesprochen und kaum gezeigt; nur getarnt hinter den Forderungen des Tages. Da lebt Ihr so hin. Eure Briefe, wenn ihr einmal getrennt seid, erschrecken euch fast, beseligen euch selbst, indem ihr schreibt mit einem Sturm vergessener Worte, mit einer Sprache, die ihr verlernt habt. Aus einem Hotelzimmer mit leerem Doppelbett ruft ihr an, Kosten nicht scheuend, aus London oder Hamburg oder Sils, um zu plaudern mitten in der Nacht, dringlich vor Liebe. Da hört ihre eure vergangenen Stimme noch einmal, da zittert ihr. Bis zum Wiedersehen zuhaus. Was bleibt, ist die Neigung, die stille und tiefe und fast unerschütterliche Neigung. Ist das vielleicht nichts? Ihr habt schon fast alles überstanden, ausgenommen das Ende, es ist nicht neu, dass eins von euch davonläuft in der Nacht, dass Zorn sich wider gibt, dass es nichts hilft, wenn ihr zwei Tage schweigt, Ihr seid ein Paar, jederzeit frei, aber ein Paar. Da ist nicht viel zu machen. Manchmal der Gedanke: Wieso gerade Du? Ihr seht euch nach anderen Männern um, nach anderen Frauen. Da kommt nicht viel in Frage oder alles. Nichts wird wilder sein als eure Liebe damals, bestenfalls ebenso. War sie wild? Davon sprecht ihr nicht. In zärtlicher Schonung der Gegenwart. Oder es denn mit Vorwurf, der falsch ist wie jeder Vorwurf an das Leben. Wer kann denn etwas für die Gewöhnung? 

….allein noch einmal das wilde Gefühl für das andere, das maßglose Gefühl.

Der Rest ist Neigung, eigentlich ein großes Glück; nur Wahnsinn wagt daran zu rütteln. Da entstehen dann, während das andere schon schläft, Pläne, wie Gefangene sie machen, da seid ihr nächtlich entschlossen zu jeglicher Wendung, zum Ausbruch, verwegen und kindisch, es ist nicht Begierde, aber die Sehnsucht nach Begierde…

Ihr seid ein Paar, im Grund gewiss, dass ihr euch nimmermehr verliert, ein Paar und da hilft kein Kofferpacken; ein Anruf der lieben Stimme genügt, da kehrt ihr zurück, um zu gestehen oder nicht, da lebt ihr wieder im Alltag, der nämlich die Wahrheit ist…

da versteht ihr einander, ohne einverstanden sein zu müssen. …

Da hat die Ehe euch wieder, und ihr gebt euch einen Kuss, der wie ein Punkt ist. Ihr sehnt euch: nicht nach einander, denn ihr seid ja da, ihr sehnt euch über euch hinaus, aber gemeinsam. Ihr sprecht von einer Reise im Herbst, einer gemeinsamen, ihr seht euch plötzlich nach einem Land, das es übrigens gibt, ihr braucht nur hinzufahren im Herbst. Niemand wird euch hindern daran. Ihr braucht keine Strickleiter, um euch zu küssen, und kein Versteck, und da ist keine Nachtigall und keine Lerche, die zum Jetzt und Aufbrauch mahnt, keine Häscher drängen euch zusammen, kein Verbot ….

Ihr fragt euch nicht nach eurer Geschichte, die ist ja bekannt sozusagen. Der Kalender eurer Vergangenheit ist längst bereinigt; eine erste und in ihrer Lückenhaftigkeit kühne, dann sorgsam ergänzte Auswahl von Namen und Daten und Orten ist abgeschlossen seit Jahren. Warum solltet ihr jetzt, zwei Uhr nachts vor einem strengen Wochentag, nochmals nach eurer Vergangenheit forschen? Das Bekennen mit seinen Wonnen ist aufgebraucht, das Vertrauen lückenlos, die Neugierde vertan; das Vorleben des anderen ist ein Buch, das man wie einen Klassiker zu kennen meint, etwas verstaubt schon, und nur bei Umzügen angesichts der leeren Zimmer, die hallen, nimmt man solche Bücher nochmals zur Hand, um zu staunen, mit wem man all die Jahre gelebt hat. Man kann nicht all die Jahre staunen. Jetzt löscht ihr die Zigarette. Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern….“

aus: Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein

3 Kommentare

  1. Izzy sagt

    Danke! Ich habe gerade Max Frisch für mich (wieder) entdeckt!

  2. Liebe Izzy, ich bin ein großer Max Frisch-Fan und finde er wird total unterschätzt als Schullektüre. Die Tagebücher, Montauk – so wunderschön und wahr und klar.

  3. Es liest sich ein bißchen gruselig, wenn man von diesem Gefühl schonmal gekostet hat, es dann wieder vergessen hat und jetzt wieder daran erinnert wird.
    Ich freue mich schon auf unsere Max Frisch Wanderung <3

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