Monate: Januar 2014

Minzgeduldsfaden

Lebenslektion: Das Kandieren von Minzblättern fordert so viel Konzentration, dass das dumpfe Gefühl im Magen wegen des blöden Telefonats, der Ärger über schon wieder ein falsch-Parken-Ticket und alle Müdigkeit sich mit jedem Eiweißpinselstrich in Luft auflösen.

Buchboutique

Von außen ist diese Buchhandlung wie jede andere. Und würde ich nicht in diesem Viertel wohnen, vielleicht hätte ich sie nie besucht. Die Auswahl ist gut und sie ist schön verwinkelt, auf diese herrliche Art vollgestellt und heimelig klein. Aber was diesen Ort zu einem Besonderen macht, ist der Eigentümer. Ein hagerer, langer Mann, der in seiner Strickjacke genau hierher und nirgends anders hin gehört. Der manchmal Handschuhe trägt. Wegen der Druckerschwärze wohl. Aber sie passen so.  Zu ihm und zu diesem Ort. Und zu der Art, wie er Bücher einpackt. Ich gehe immer nur mit einem zur Kasse, weil es der schönste Moment ist. Es ist wie beim Kauf eines teuern Kleides. Wenn die Verkäuferin das Stück Stoff vorsichtig in das schöne, knisternde Seidenpapier einlegt und es dann ganz sorgsam in die schwere Papiertasche gleiten lässt, die dann über den Tresen reicht, ist der Gedanken, dass das da schon ganz schön viel Geld ist, ganz schnell verflogen.  Nicht zu vergleichen mit dem schnellen, hastigen Sale-Einkauf, beim dem die Teile eilig in die Plastiktüte geschoben …

viel erwarten von Stoner

Stoner. Ich weiß nicht, wann mich ein Buch zuletzt so berührt hat. Berührt, aufgewühlt, bewegt und tief gerührt. In jeder freien Minute habe ich darin gelesen und will es in ein paar Wochen unbedingt noch einmal tun. Stoner. Ein Buch, das aufgrund des Covers und Titels nie den Weg zu mir nach Hause gefunden hätte. Es sah so nach Krimi aus und die lese ich nicht gerne. Die Geschichte ist einfach und schnell erzählt. Die des Buches und die von William Stoner. Universitätsprofessor, verheiratet, ein Kind. Ein Leben auf 356 Seiten. Eine mittelmäßige Karriere legt Stoner hin, lehrt an der Universität tagein und aus, leidet unter seiner Frau und beruflichen Intrigen. Die Ehe fügt mehr Leid als Freude zu und doch fehlt der Mut, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Ein Leben, das mit großen Träumen begann und irgendwann endet. Seine Träume sind nicht zerplatzt. Sie sind ganz einfach mit den Jahren versandet, kleiner geworden, haben sich verwässert und sind schließlich ganz verblasst. Normalerweise sammle ich Sätze. Bei Stoner sind es auch viele, aber es ist …

gut gelernt

„You don´t have to get a job that makes others feel comfortable about what they percieve as your success. You don´t have to explain what you plan to do with your life. You don´t have to justify your education by demonstrating its financial rewards. You don´t have to maintain an impeccable credit score. Anyone who expects you to do any of those things has no sense of history or economics or science or the arts. You have to pay your own electric bill. You have to be kind. Your have to give it all you got. You have to find people who love you truly and love them back with the same truth. But that´s all. …. I hope when people ask you what you´re going to do with your English and/ or Creative writing [oder Philosophie oder Buchdruck oder Masterstudium oder Soziologie oder Literaturwissenschaften oder was auch immer] degree you´ll say: Continue my bookish examination of the contradictions and complexities of human motivation and desire; or maybe just: Carry it withe me, as I …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Das manchmal Montagmorgensgefühl. Die Welt bitte noch nicht sehen, wünschen, dass noch Sonntag wäre. Aber mich mit diesen Jeans für alles und jeden gerüstet sehen. Auch fürs tabula rasa machen.

Cheers

Meine Damen und Herren, es darf gefeiert werden. Was, weiß ich nicht so genau oder einfach die Tatsache, dass ich noch das Champagnerflaschenweihnachtsgeschenk in der hintersten Kühlschrank-Ecke entdeckt habe, die deutsche Sprache, die Wortschöpfungen wie Champagnerflaschenweihnachtsgeschenkfeier möglich macht oder das Leben oder was auch immer. Hauptsache Cheers. In diesem Sinne.

kandierte Walnuss-weiße Schokolade-Schnecken-Remix

Ich mag Remixe. Da denke ich, ich kenne ein Lied in- und auswendig, bin es fast ein wenig über, es hat sich abgenutzt und auf einmal überrascht es mich wieder. Ich muss zwei Mal hinhören, doch ja, das ist es. So neu verpackt, dass ich wieder ganz neu hin und weg bin. So gerade geschehen mit dem guten alten Heartbeats. Zimtschnecken sind ein wenig wie ein all-time-Favorit-Lied. Funktionieren zuverlässig. Schon so oft gegessen, immer noch gut, aber die Anfangsfaszination ist ein wenig verblasst. Bis heute. Denn Clara rief zum Remix auf und was dabei herausgekommen ist, mag ich sehr. Meinen Zimtschnecken-Remix. Der wird jetzt wieder aufgelegt. Wie bei jedem guten Remix, habe ich das Beste vom Alten belassen. Der saftige, dicke Hefeteig. Dazu kommt etwas Neues. Kandidierte Walnüsse. Die mag ich sehr. Normalerweise in Vanilleeis. Hier mit weißer Schokolade. Und ein wenig Kardamon. Und wegen des Wiedererkennungswertes: Ein Hauch Zimt. Reinbeissen, überraschen lassen. Merken, ja, das ist es. Irgendwie anders. Aber so, so gut. für den Teig: * 75 Gramm Butter * 250 ml. Milch * 25 Gramm Hefe …

graue Tage

Die Tage sind ein wenig grau. Grau-weiß. Und das ist eigentlich eine herrliche Farbe. Meine Spitzenliebe ist in grau {1} noch zarter, ein wenig Cappuccino braun-grau {2} auf den Nägeln kann nicht verkehrt sein. Mal keine braune, blaue oder schwarze Tasche – sondern eine graue {3}. Dieses Armband {4} von schlichter, grauer Größe. Die graue Gazelle{5} und eine metallgraue Keksdose {6}. Facettenreiches Grau, weil eigentlich ein ganzes Buch {7}. So kann man sagen, dass man Ulysses noch nicht ganz gelesen, aber täglich gesehen hat. Auf herrlich grau-graue Tage.

lebensklug

„Ich werde mit den Jahren nicht klüger, im Gegenteil, es könnte sogar sei, dass ich auf eine reine und allumfassende Dummheit zusteuere.“ aus: Gehen: oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen von Tomas Espedal

noch einmal

Noch einmal Macarons kaufen und ganz lange auf das Schild an der Tür schauen. Macarons de Stephane. Fast. Da fehlt doch nur ein klitzekleines i. Macarons de Stephanie. Noch einmal hier viel zu viel Geld lassen für mehr Geschenkpapier als ich je werde Geschenke verschenken können, Seifenschalen, Kerzen, Vasen, doch diese dunkle Seidenbluse mit Punkten? Noch einmal in Küchenliebe und Schwesternherz Backformen bestaunen, in Kochbüchern blättern und meine Weckglas-Sammlung vergrößern. Einmal noch hier hin. Weil ich mich dieses Mal wirklich an Hawai wagen würde. Einmal noch im Cortado sitzen und vor lauter Portugiesisch mein eigenes Wort nicht mehr verstehen, mir überlegen ob ich liebe die Lemonbars oder noch einen frisch gepressten Orangensaft nehmen soll.  Einmal noch über den Wochenmarkt am Boxhagener Platz schlendern und mich vor lauter Auswahl nicht entscheiden können aber Blumen und Käse mitnehmen, weil man damit nie etwas falsch machen kann. Einmal noch im „Eat Crepes not Crap“ ein Croissant mitnehmen, die schöne französische Verkauferin bestaunen und mich fragen, wie sie es nur schaffen in einem schlabbrigen T-Shirt und mit zersausten Haaren so wahnsinnig …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag.Dieses Photo. Girl at Record Player. Aus dem Jahr 1970 von Claar Pronk. Weil die Suche nach der richtigen Platte zeitlos ist. Und diese Bob Dylan Platte [2], die, ich weiß auch nicht warum, gerade genau die richtige Musik ist für graue Januartage.

Intim und privat: Von Wohnzimmern und Marktplätzen

„Blogs sind etwas Intimes, wie Unterwäsche“, hat Ingrid Sischy, Chefredakteurin des Andy-Warhol Interview Magazins, einmal gesagt. So habe ich es nie empfunden. Vielleicht weil ich Unterwäsche nie gezeigt habe. Dafür aber meine Wohnung, mein Frühstück, meine Bücher, meine Einkäufe, unaufgeräumte Schubladen, herumliegende Schuhe. Wo ich sonst immer eher zurückhaltend und zögerlich bin, da gewähre ich jedem den freien Blick frei in meine Wohnräume. Die Schönheit des Alltäglichen ist es, die ich mag, die mein Auge schult, die ich festhalte und ja, die ich auch teile. Und darüber manchmal auch vergesse, wie viel ich damit von mir zeige. Bei manchem Herz-Seelenschmerz-ausschüttendem Text zucke ich innerlich zusammen und frage mich, wie kann jemand so etwas Persönliches im Netz Preis geben. So denke ich mir. Ich, die ich jedes Abendessen zur Schau stelle. Sagt das nicht ebenso viel aus? Für mich ist es immer noch ein weiterer Schritt auf der Freundschaftsskala und ein Vertrauensbeweis, wenn ich jemanden zu mir nach Hause einlade. Das will erarbeitet sein. Da darf nicht jeder gleich rein. Gleichzeitig habe ich mir einen Platz im …

verstanden

„Und als er die langen Tage und Abende beschrieb, die er allein in seinem Zimmer verbracht hatte, berichtete, wie er gelesen hatte, um jene Grenzen zu überwinden, die ihm sein deformierter Körper setzte, und wie er allmählich ein Gefühl von Freiheit gewann, das wuchs, je deutlicher ihm das Wesen dieser Freiheit wurde, da empfand William Stoner eine Nähe zu ihm, mit der er nicht gerechnet hatte; […] Er wusste, er hatte die gleiche Verwandlung erlebt, die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ…“ aus: Stoner von John Williams und Bernhard Robben