alles sonst so, denken
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aufgeräumt

173 Was in meinem Kopf kreist ist meist nicht sonderlich geordnet. Es springt wild hin und her. Und ich habe mir heute nicht die geringste Mühe gemacht, darin aufzuräumen. Dieser Post und jener waren der Auslöser.

Über perfekt und wahr, unordentlich und aufgeräumt, die Realität und den schönen Schein, das Internet und Wohnzimmer.

Gwyneth Paltrow schreibt einen Blog. Er heißt goop und es ist die perfekte-weiße-gesunde-wunderschön-alles-heile Welt. Mit Vsco lässt sich ein Filter über Fotos legen und auf einmal sehen sie nicht mehr so kalt und hart aus, sondern warm und weich einladend. So ist goop von Gwyneth Paltrow. Es ist die moderne Barbie-Welt, alles blitzeblank, die Frau schön und intelligent, sie kann kochen (und auch gleich ein Kochbuch schreiben), hat eine super Figur, zwei Kinder, ist beruflich erfolgreich und eine gute Mutter. Selbst so etwas Hässliches wie eine Scheidung hat in dieser Paltrow-Welt keinen Platz. Deshalb nennt sie es auch „concious uncoupling„, was als bewusste Trennung übersetzt werden könnte, wenn sie und Chris Martin gerade das Ende ihrer Beziehung verkünden.

Ich störe mich nicht daran. Ich lese diesen Blog manchmal gerne.
Weil ich ihn einordne, als das was er ist. Das Resultat journalistischer Arbeit. Wie Zeitschriften sind sie kein Abbild der Realität, sondern zeigen eine Wunsch- und Traumwelt. Und die mag ich. Nicht weil ich selbst so leben möchte, sondern weil es diese kleinen Auszeiten im Alltag gibt, in denen ich einfach nur schöne Bilder sehen möchte. „Ich bin mal kurz in der digitalen Welt“, hat ein Freund letzt gesagt, sich damit entschuldigt und auf dem Handy bei instagram und pinterest gesurft. Ein „Bilderbad nehmen“ nenne ich es. Kurze zehn Minuten Auszeit (aus denen dann Stunden werden können) und eintauchen in schöne Wohnungen, gutes Essen, Welten. Ich weiß, dass das nicht die Realität ist, wie solche Fotos zustande kommen, dass jedes zufällig drapierte Küchentuch nicht ein Ausdruck dafür ist, dass da wirklich gekocht wurde, sondern das im nachhinein einer künstlichen Welt ein Anschein von Realität gegeben wird. Ich komme aber nicht auf die Idee, diese beiden Welten miteinander zu verwechseln. Das ab und an daran erinnert werden muss, zeigt mir, dass dieser Post gerade sehr gelobt wird.

Und daran, dass es gerade so etwas wie eine Gegenbewegung gibt. Garbage girls. Wobei ich den Unterschied zu den perfekten Bildern nicht sehe. Statt des weißen Cottage-Tisches wird hier eben Trash kunstvoll arrangiert. Da ist es dann nicht das Ergötzen am Schönen, sondern das Provozieren eines Ekelmomentes. Gab es schon einmal im Nachmittagsfernsehen-Messie-Hype vor ein paar Jahren.

Vielleicht denken wir, weil das Internet doch so viel näher ist und da „echte Menschen“ dahinterstecken, dass ein Blog das wahre Abbild eines Lebens ist? Das „echte“ Leben zeigt?
Das hier ist ein Ausschnitt. Ein Ausschnitt meines Lebens. Keine 24-Stunden-Kamera, die jede Ecke beleuchtet. Ich drücke bewusst auf den Knopf „veröffentlichen“. Und es gibt Momente, da tue ich es nicht. Manchmal, weil es einfach uninteressant ist. Wenn am Anfang des Bloggens die Kritik der Irrelevanz stand und sich darüber sogar Bücher schrieben liesen wie „no one cares what you had for lunch„, dann weil es vielleicht einfach stimmt, dass nicht jedes Gericht, das ich zu mir nehme, interessant ist (wobei ich gerade nahe dran bin bei instagram diese These zu widerlegen). Und manches wird nicht veröffentlich, weil es zu persönlich wäre, zu nah. Weil ich weiß, dass es das Internet ist und das hier auch Menschen lesen, die ich nicht kenne und solche die ich kenne, die aber nicht jede meiner Schwäche wissen müssen und sollen, weil ich sie beruflich kenne oder professionell oder schlicht und ergreifend, weil es mich jetzt schon manches Mal Überwindung kostet, jemanden zu treffen, der mich über den Blog kennt. Ich frage dann anfangs immer ganz viel, um diesen Informationsvorsprung, den ich dem anderen über mich mit diesem Blog gegeben habe, wieder auszugleichen. Es kostet mich manches Mal Überwindung, so viel zu zeigen.
Ich möchte mir ein Stück Schutzschicht bewahren, aber auch ehrlich sein und das was man gemeinhin authentisch nennt, aber das so leicht gesagt und so schwer gelebt ist.

Die Grenze wahre ich, durch manches nicht sagen. Weil dies kein Ort ist, um das Herz auszuschütten und das ganze Elend der ich-schaffe-heute-gar-nichts-Tage auszubreiten. Ich deute es an, wenn mir danach ist. Aber das volle Programm, das mache ich bei denen, denen ich direkt in die Augen sehen kann und die mich so kennen, dass sie einschätzen können, ob es gerade die Hormone sind, meine ewiges Zaudern und Zweifeln, mein Hang zur Melancholie oder etwas Ernsthaftes.

Ich lasse hier ein wenig einblicken, gewähre einen Blick ins Schlüsselloch. Lade ab und zu ein in mein Wohnzimmer. Über das Internet sind das dann mehr Menschen, als in Wirklichkeit reinpassen würde. Ich mache das, weil ich an „sharing is caring“ glaube und dass, wenn man gibt, man so viel mehr zurückbekommt. Ich lade ein, weil ich so vieles über andere bekommen habe und etwas zurückgeben möchte, weil ich mich an „done is better than perfect“ festhalte und hier schreibe und fotografiere, auch wenn das nicht mein Beruf ist, weil ich mir hier ohne Grenzen ausprobieren kann.

Jemand hat mir gesagt, dass er nur das schreibt, was er jedem auch bei ein oder zwei Bier erzählen würde. Und das ist vielleicht eine gute Grenze. Es sind sogar drei, weil ich am Anfang manchmal auch zur leichten Schüchternheit tendiere und so vieles, das man sich hier über mich zusammenlesen kann, mehrere Bierabende benötigen würde. Aber ich möchte teilen, über was ich nachdenke, was ich mag und das ist oft Schönes, manchmal Trauriges und Nachdenkliches (was auch wieder schön ist). Perfekt ist es nicht. Aber das ist niemand.

Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, als was man Blogs betrachtet. Ob als Abbild einer Realität oder als Ausflug aus dem Alltag, als Bilderschaumbad. Das ist Realität, aber immer mit einem Filter. Da ist ein wenig Hudson drübergelegt und ein Weichzeichner. Weil es bei den zwei Bier geblieben ist. Es gibt genug Unperfektes, Unaufgeräumtes. Aber ich möchte Schönes sehen, das andere dabei nicht aussparen.

Diese falsche Koketterie des „Entschuldigt bitte, hier ist gar nicht aufgeräumt“ beim Betreten der perfekt gesäuberten Wohnung oder des „Ich habe nur kurz etwas Kleines gemacht“ beim Auftafeln des sieben Gänge Menüs  – die findet sich doch auch in dem, was man das „echte Leben“ nennt und ist wahrlich kein Internet-Phänomen. Das ist zuviel Filter. Der steckt in mancher Designerwohnung, in manchem Auftritt und spricht für sich. Weil Hudson und nochmals Vsco drüber, macht mich eher misstrauisch, weil das wäre doch gar nicht nötig gewesen.

Auf der anderen Seite ist auch zu fragen, warum es  mich manches Mal doch berührt, das vermeintlich perfekte Leben der anderen. Martin Walser hat das mal über Leserbriefe gesagt, die er erhält. Dass ihm da Menschen immer sagen möchten, was er geschrieben hat, aber dass sie viel mehr darüber schreiben, was sie darin gelesen haben. Das Phänomen, dass das was man versteht und glaubt gehört zu haben, mehr über einen selbst aussagt, als über das Gesagte. Es trifft auch hier. Stört mich das vermeintlich Perfekte am anderen, weil ich selbst gerne so wäre? Und wer kann dann etwas dafür, der andere oder ich? Könnte ich bloggend die Verantwortung dafür übernehmen, wie es beim anderen ankommt?

Wenn ich die unaufgeräumten Ecken nicht zeige, dann nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil ich sie nicht jedem zeigen möchte. Über die perfekten instagram-Poster kann ich hinwegsehen, in ihnen blättern, wie in Zeitschriften. Weil ich weiß, dass ein Bild, in dem sich zwei Menschen im perfekten Lichteinfall am Seeufer fläzen, nicht mit dem ersten Auslöser festgehalten wird, sondern mindestens fünfzehn braucht. Wenn es dann noch die Bildunterschrift trägt „unser erster Abend seit Baby zu zweit“, dann will ich das zum Beispiel nicht. Manches Mal muss ich mich auch selbst wieder daran erinnern. Wenn ich merke wie ich unzufrieden bin beim Picknick am Isarufer, mich frage warum und dann feststelle, dass ich so ein Kinfolk-Arrangement im Kopf hatte und zwar die Wassertemperatur stimmt, aber der Treckingrucksack des Mannes und sein Shirt sogar nicht ins Bild passt. Die hat der Stylist aber nicht falsch rausgesucht, die sind in meinem Leben. Dann muss ich mich selbst kneifen und mir sagen, dass das aber real ist, zum Anfassen und damit um Welten besser. Wenn hier etwas verschwimmt, dann wird es gefährlich.
Das Leben übers Arrangieren vergessen, niemals mehr Wert darauf zu legen, wie etwas scheint, als was es ist. Das hat überhaupt und gar nichts mit dem Internet oder Blogs zu tun. Sondern ist eine Lebensaufgabe. Und solange ich es schaffe, mich und mein Leben nicht als Magazin zu inszenieren, aber schöne Momente festhalte und teile, mich zeige, ein wenig auch das Melancholische und Nachdenkliche in mir durchscheinen lasse, solange ist bei mir alles in bester Ordnung.

19 Kommentare

  1. Liebe Stephanie,

    könnte ich so schön schreiben wie Du, ich würde es nicht anders ausdrücken. Freuen wir uns an dieser perfekter Web-welt, geniessen wir die wunderbaren gefilterten Fotos, doch vergessen wir nie unsere echte Welt. Echt fühlt sich immer noch besser an.
    LG
    Claudine

  2. Dein Post gefällt mir sehr gut, inklusive der Links! Vor allem der Absatz „Aber auch die Grenze wahren…“ Da erkenne ich sehr viel meines eigenen Denkens wieder. Nur ich hätt’s nicht so schön ausdrücken können 🙂

  3. ariane sagt

    dein blog ist eins meiner liebsten. gerade weil du ausschnitte zeigst, anregungen gibst, aber scheinbar nie was vormachen willst! danke für so viel inspiration!

  4. Ein Fräulein sagt

    ganz ganz ganz ganz wunderbar.

  5. Liebe Stephanie,

    vielen Dank, toll geschrieben!

    Viele Grüße
    Steffi

  6. „Das Leben übers Arrangieren vergessen, mehr Wert darauf zu legen, wie etwas scheint, als was es ist.“ Danke. <3

  7. Welche kluge Gedanken so schön arrangiert. Danke! Würde gern weiter daran mit dir nachdenken. Herzlich, I.

  8. So, hier noch mal korrekt. Das muss sein:

    Welch kluge Gedanken so schön arrangiert. …

    Sorry!

  9. Anonymous sagt

    blogs oder instagram sind für mich oft das erste, was ich anschaue, wenn ich aus einer stressigen situation herauskomme. sie sind wie eine rituelle waschung, sie machen meine seele wieder rein und waschen das stressige, traurige, dumme, ärgerliche, was man oft über sich ergehen lassen muss, aus. ziehen die falten im gesicht sozusagen wieder glatt. zaubern ein lächeln aufs gesicht.
    deine fotos sind wunderbar, viele deiner buchempfehlungen auch.
    und dass wir anders sehen oder wahrnehmen durch das, was wir auf bildern oder einer bühne gesehen, in büchern gelesen, in einem lied gehört haben – c’est la vie, n’est-ce pas?
    danke für deine posts. danke für deine wunderbaren photos, für die links.
    eskapismus gehört doch auch zum leben.
    ach ja, und dann gibt es ja da noch diese wunderbare weisheit:
    Alles beginnt mit der Sehnsucht.

  10. nina sagt

    hmm. ich unterscheide da nicht so – und finde, das netz ist genauso echt wie die realität unecht sein kann. insofern ist mir die kollektive gegenbewegung, die gerade hochschwappt, mindestens so befremdlich wie die überinszenierung. nicht verunsichern lassen: eigener kopf, eigenes tempo. und das kann ich mir aussuchen, genauso wie die blogs. natürlich muss nicht alles auf den bildschirm – kann aber. denn wer weiß schon, ob das „virtuelle ich“ nicht doch existiert … oder vielleicht ist die antwort darauf auch gar nicht wichtig? ich glaube, ein klares (nicht unbedingt reines) fahrwasser zählt – für einen selbst. dann wäre zumindest für mich alles in bester ordnung 😉

  11. Tol!! Ich finde dich (was du uns zeigst) und deinen Blog einfach klasse!

  12. Ein wunderbarer Post. Wie schön, dass es gerade heute mein „Bloglovin‘-Portal geschafft hat, Deine Beiträge anzuzeigen, das klappte nämlich viele Monate lang nicht. Und so wurden meine Besuche bei Dir seltener, was mich selbst immer etwas wurmte. Deine klugen Gedanken sind fein aufgeschrieben. Welche Samstagabendfreude!

  13. ich finde, hier und bei dem bild, was du von dir preis gibst (und es ist so wichtig nicht alles und jedem zu offenbaren), scheint wirklich alles bester ordnung. authentisch, menschlich wirkst du. darum lese ich hier so gerne. und schaue mit. auf essen, gedankenansätze, ganz gleich ob mit oder ohne filter. mir gefällt es und es ist so wichtig nie zu vergessen, dass es bewusste gewählte ausschnitte sind und ein raum zum ausprobieren und sich damit gut fühlen sein darf!

  14. Wunderbar und so wahr! Ich gehe dann mal ein Bilderbad nehmen 😉

  15. Liebe Frau Sowieso, ja. Sehnsucht ganz groß und die kleinen Alltagsfluchten sind mir heilig. Und doch habe ich manchmal Angst oder möchte Obacht geben, dass Wunschbild und Flucht nicht zur Realität werden. Und ob ich eine Verantwortung habe – das frage ich mich schon.
    Aber ja, gerade an Zitaten merke ich, dass jeder seines reinliest. Und das könnte unterschiedlicher nicht sein und ist meist etwas ganz anderes als das, was ich darin gelesen habe.

  16. Anonymous sagt

    bei einem buch haben wir gelernt, dass es „nur ein buch“ ist, wir unterstellen medien wie büchern, filmen etc. viel fiktionalität. bei photos ist das ganze schon brüchiger, es ist schwerer zu wissen, wie viel davon inszenierung und wie viel realität ist (siehe den unterschied zwischen photos von jeff wall und nan goldin zum beispiel). bei blogs kombinieren sich photos mit einem schreibstil, der n a h sein soll. nicht nur individuell in einem ästhetischen sinn, sondern wirklich nah. und dann gibt’s da sogar noch die kommentarfunktion, die unmittelbar noch mehr nähe erzeugen kann.
    ich habe den post noch einmal gelesen und finde den bezug zu leserbriefen interessant. mir scheint, dass dieses impulse-aufnehmen, aber etwas anderes draus machen, immer passiert – auch im persönlichen gespräch. und letzten endes tragen immer wir, die aus dem impuls durch unsere handlungen etwas machen, die verantwortung.
    sonnige grüße aus berlin

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