Monate: Mai 2014

virtuell real

Die Frage, wie viel wir zeigen, wenn wir glauben, wenig von uns zu zeigen, was zeigbar ist und was nicht, was das Ausgewählte sagt. Was scheint und was nicht, was durchscheint, anders scheint, erscheint. Über virtuell und real: „Es gibt Erinnerungen an das Nicht-Geschehene, das Ausgeschlossene und Verworfene, den unmarked space, die unmarkierte Seite, wie die Systemtheorie sagt. Denn jede Entscheidung ist eine Unterscheidung. Vieles von dem, was wir nicht verwirklicht haben, stört unsere Lebenskreise nie mehr. Anderes begleitet uns ein Leben lang, sei es in glücklicher oder in unglücklicher Hinsicht. Das sind die virtuellen Biografien, … …Virtuell stammt aus dem Französischen und bedeutet „fähig zu wirken“, „möglich“. …Virtuell ist also ein Vermögen, eine Kraft, die nicht physisch vorhanden ist, aber dennoch Auswirkungen hat. Virtuell wäre daher von Begriffen abzugrenzen, mit denen es vorschnell vermischt oder gleichgesetzt wird: fiktiv, fiktional, imaginär, potenziell, irreal – und nicht zu vergessen: möglich, von dem es abgeleitet, von dessen Wortbedeutung es sich aber gelöst hat. Nach Deleuze lautet der Gegenbegriff zu virtuell „aktuell“ und nicht etwas „real“. Und zwar deshalb, …

inszeniert

Der neuste Walser. Es geht um einen Regisseur, von dem es heißt, er sei mit „Prominenz gepanzert“ und das sagt schon viel, wenn nicht gar alles, was es vor Lektüre dieses Buches zu wissen gilt. Nach einem Schlaganfall liegt er im Spital, verliebt sich in seine Nachtschwester, arbeitet weiter an der Inszenierung „der Möwe“, wird von seiner Ehefrau besucht und seiner Assistentin. Es ist ein Roman erzählt in Dialogen und Briefen. Die Geschichte zwischen ihm und diesen Frauen und einem Freund und dessen Frauengeschichte. Es verschwimmt. Es ist so herrlich verworren. Es ist inszeniert. Was dargestellt wird, das ändert auch etwas in einem selbst. Bei mir zumindest hat es das getan. Zuerst überwog die Wut auf diesen affektierten Herrn, leid war ich seiner Liebesschwüre und seinem Klagen, nur um dann doch zu sehen, dass Seite um Seite der Ausgang des Stücks nicht so vermeintlich klar, die Seiten nicht schwarz und weiß, sondern verschwimmend sind. Und so wird dieses dumpfe Gefühl im Bauch und das klare Bild im Kopf verdrängt durch ein Verständnis für die andere und dafür, dass …

grau in grau

„Grautöne bedeuten aber nicht, dass man zu wenig weiß. Sondern dass es Widersprüche gibt, die sich nicht auflösen lassen. Dass ein Rest Ratlosigkeit bleibt… Ich will meine eigenen Urteile treffen; und manchmal will ich auch keine treffen. Oder zugeben, dass ich keine treffen kann. Weil die Welt komplizierter ist. Weil fast alles grau und fast nichts schwarz oder weiß ist.“ aus dem Zeitmagazin Nr. 23 von Yassin Mausharbash über dieses Buch und doch auch irgendwie so viel mehr.

die leckerste Pampe der Welt

Es ist die herrlichste Sauerei. Es ist eine einzige Schokaladenmatsche, die aus Kakao, Datteln und Cashews besteht. Also gesund ist. Mit dem aus Kindheitstagen bekannten Glück von Matschpampe in den Händen, habe ich sie in eine Kuchenform gepresst, aber auch Riegel daraus gemacht. Und vor allem, habe ich das diese Woche schon zwei Mal getan, weil es ab jetzt heißt: Schokoladenkuchen zum Frühstück. Und zwar mit den Händen gegessen. Schokoladenmatschglück [hier bei Joanna entdeckt] Wie das mit Matsch eben so ist. Mal mehr, mal weniger. Will heißen: die Mengenangaben sind grobe Richtwerte. Mal mehr von dem, mal was von jenem. * 2 Tassen Datteln * 1 Tasse Cashewnüsse * 1 Tasse Walnüsse * 1/2 Tasse Mandelmus * 1/2 Tasse Kakao Pulver * 1 Messerspitze Vanille * 1 Prise Salz …………………………….. * 1 1/2 Tassen Datteln * 1/2 Tasse Cashewnüsse * 1-2 Tassen Wasser * 3 Esslöffel Kakao Pulver * 1 Teelöffel Vanille * 1 Prise Salz   Die Nüsse in einem Mixer klein hacken und dann nach und nach die Datteln dazu geben und schließlich alle weiteren Zutaten. Die …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Hintergründig, im Hintergrund bleiben, Verstecktes entdecken [1 von Alek Lindus] und dann einfach genau das Gegenteil tun und mit roten Lippen [2] die Welt begrüßen. Ein hintergründig leises Lied, dass mehr Menschen in dieser Welt hören sollten.

Charakterschwach

„Man muss die Fähigkeit kultivieren, Aufgaben von aufgeblähter Bedeutung und mit unrealistischen Terminen zu erkennen, anzunehmen und sich gleichzeitig einzureden, dass diese Aufgaben tatsächlich wichtig und dringend sind. Aber das ist überhaupt kein Problem, sind doch so gut wie alle Aufschieber in hohem Maße mit der Gabe der Selbsttäuschung gesegnet. Und was gäbe es Eleganteres, als den einen Charakterfehler mit einem anderen auszuhebeln?“ aus: Einfach liegen lassen von John Perry

aufgelistet: in die Vollen gehend

Es war eine volle Woche. Eine, die voll und satt macht im guten Sinne. Die mich herausgefordert und mir einiges abverlangt, aber mir auch so viel zurückgegeben hat. Was in den nächsten Wochen die gleiche Wirkung haben könnte. Coconami. Einmal bei einem Konzert erlebt und es war um mich geschehen. Zwei Japaner, gestrandet in München. Zwei Kulturen miteinander verwoben in einer Musik, die ruhig ist und still, manchmal verspielt und einfach wunderschön. Am Montag im Konzert wird die neue Platte gefeiert. auf der Art Muc gibt es Brot und Wasser und Kunst. mich mit einer Tasse Kaffe auf dieser Seite verloren. So schön, dass ich es nicht verstehen muss. toller Blog, in einer Sprache, die ich ebenfalls nicht verstehe. Aber im Juli sind sie in Berlin, dank Fräulein Sonntag. diese Blumeninstallation ist so unglaublich, weil einfach anders gedacht und dadurch so bestechend. eine der schönsten Wohnzimmersendungen. Senore Matze Rossi besonders, der so unbekümmert Sozialpädagogik lehrt, mit seiner Punkband tourt, aber auch als Songwriter ganz leise Lieder aufnimmt, Yogalehrer ist und drei Kinder hat. Und diese Unbeschwertheit und Selbstverständlichkeit, …

Sommerabendkonzert

Es sind oft die kleinen Dinge, die einen Abend groß machen. Ich weiß nicht, ob es dieses Gefühl der ersten warmen Frühlingstage war. Noch ganz unwirklich, ohne Jacke spazieren zu gehen, das Gras zwischen den Zehen fühlen zu können. Die Luft, sie ist so aufgeladen und diese Energie, die nach draußen drängt, weil die Tage drinnen zu lange waren, die ist so spürbar und zum Greifen nah. Die Augen sind dieses übergrüne Grün noch nicht gewöhnt, dieses neue Farbspektrum. Das Gras riecht so. Noch frisch. Noch ist alles frühlingsneu. Und an einem dieser Abende ein Konzert. Ein kleines, feines. Im Englischen Garten unter freiem Himmel. Papierschiffe leuchten und schwimmen im Teich. Dann auf der Wiese am See zu sitzen, ein selbstmitgebrachtes Bier zu trinken und Musik zu hören, die ohne Verstärker immer nochmals tiefer geht, mehr unter die Haut. Lieder, die berühren, weil sie schlicht sind und schön und die Frühlingsstimmung doch schon so elektrisierend, dass nichts passender sein könnte, als diese leisen Töne. Das ist groß. Alles andere wäre zu wenig.

so will ich sein

Nicht, dass der Bücherstapel zu klein wäre. Zwei neue liegen obenauf, entdeckt im Bikini in Berlin. Und heute die Buchempfehlungen von Okka. Sogleich den Einkaufskorb gefüllt. Mit „Wie sollten wir sein?“, dass ich schon in der Hand hatte, aber dann wieder weggelegt, weil es nicht gleich Klick gemacht hat. Wie sollten wir sein? Über die Autorin heißt es „… eine angenehme, sehr neugierige, virtuos sprunghaft denkende, sich auf die Welt werfende Frau mit Open-Source-Ethik.“ Ohne das Buch gelesen zu haben: So wäre ich gerne.

über den Weg

„Häufig verfallen Aufschieber auf genau die falsche Strategie. Sie schrauben ihre Verpflichtungen auf ein Minimum herunter in der irrigen Annahme, wenn sie nur noch wenig zu tun hätten, dann würden sie aufhören zu zaudern und ihre Aufgaben abarbeiten. Aber dieses Strategie läuft ihrer Natur vollkommen zuwider und zerstört ihre wichtigste Motivationsquelle. Die wenigen auf der Liste verbliebenen Aufgaben sind natürlich von hoher Priorität; um ihnen aus dem Weg zu gehen, bliebe nur noch Nichtstun übrig. So wird man zur Couchpotato, nicht aber zu einer leistungsfähigen Persönlichkeit.“ aus: Einfach liegen lassen von John Perry

langanhaltend satt

Bis Eindrücke sich setzen, bis ich Gesehenes und Erlebtes einordnen kann, das dauert. Wie oft sage ich den Satz: Ich muss eine Nacht drüber schlafen. Besser wären zwei oder drei. Weil erst dann Gedanken und Bauchgefühl und überhaupt alles Sinn macht, sich langsam setzt und zu einem Bild fügt. Seit ich die Ausstellung von Schlingensief  in Berlin besucht habe, habe ich schon viele Nächte geschlafen. Damals erschlagen von zu viel Videos, was naturgemäß zu erwarten war, aber der Kopf war schon zu voll und konnte all dies nicht fassen. Dennoch fasziniert und immer wieder nachträglich tauchen jetzt die Gedanken daran wieder auf. Heute sein Satz: „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte“, dem alleine nächtelang nachzuhängen wäre. Oder dieses herrliche Video über seine Erfahrungen bei der Parsifal-Inszenierung und ich weiß: Das wird noch lange bleiben.

ganz frisch

Geschrieben für die Öffentlichkeit oder auch nicht. So genau ist das nicht klar. „Ich weiß nicht mehr, was darin steht, viel Krudes, so vermute ich, viel Selbstgerechtigkeiten…“, so schreibt er. Nicht gegen seinen Willen veröffentlicht, aber doch unterlag es einer Sperrfrist von zwanzig Jahren. Es liest sich anders als seine sonstigen Notizen. Diese scheinbar zufällige Alltagsbeobachtungen, die feinen Analysen – zusammenhangslos und doch ineinander verwoben und verflochten. Während des Schreibens kam ihm eine Liebe dazwischen, die Ausgangspunkt war, für eines meiner liebsten Bücher von ihm: Montauk. Er selbst sagt, dass sich die Hefte „nur noch mit Marianne beschäftigen, bis zum Begräbnis meiner Hoffnung, dass eine nacheheliche Freundschaft möglich sei.“ Viel Politisches ist auch drin. Die DDR, wie er sie erlebt, als Schweizer, als einer, der aus dem Westen immer nur auf Durchreise ist. Und auch wenn es so ganz anders geraten ist, als all seine anderen Werke, so sind doch immer wieder einzelne Sätze darin, die mich treffen, in ihrer Direktheit und Klarheit, wie es eben nur ein Max Frisch kann. „Sicher ist manches anders gewesen, …

vom Anfang und Ende und dazwischen Thymiancracker

Wenn man noch Freitag abends mit sehr ambitionierten Plänen ins Wochenende startet. Endlich Kleiderschrank ausmisten, die Unterlagen für die Steuer vorsortieren, bügeln, das Essay fertigschreiben, ins Museum gehen und auf den Wochenmarkt …, nur um dann Sonntag Abend festzustellen, dass dieses sogenannten Wochenende schon vorbei und wenig bis gar nichts von den Vorhaben umgesetzt ist. Dann helfen diese Cracker. Natürlich der Verzehr. Aber gegen sechs Uhr abends noch die schnellen Thymiancracker gebacken, die so herrlich knusprig-weich und leicht salzig schmecken, gibt einem das Gefühl an diesem Wochenende trotz allem enorm produktiv gewesen zu sein. Und wenn es nur ist, weil der traurig vor sich hin vertrocknende Thymianrest auf dem Balkon eine neue Bestimmung gefunden hat. Thymian Cracker [abgewandelt nach einem Rezept von hier] *1  3/4 Tasse Mehl (Typ 550) * eine Handvoll frische Thymianzweige * 1 Teelöffel Backpulver * 3/4 Teelöffel Salz * 1/2 Tasse Wasser * 1/3 Tasse Olivenöl * Meersalz Mehl, Thymian, Backpulver und Salz versmischen. In der Mitte eine Mulde und dann Wasser, Öl reingeben und so lange rühren bis es teigig wird. Kneten, bis ein …