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Chronik eines Abends

074Eine Woche zuvor im Überschwang der Gefühle und der guten Vorsätze, weil das Jahr noch so jung, leer und frisch ist, nicht lange nachgedacht. Gin- und Weingetränkt alle eingeladen, die ich gerne habe und viel zu selten sehe, weil man das doch viel öfter tun sollte.

Am Tag davor überlegt, ob ich aus dieser Nummer wieder rauskomme, weil es nicht passt, gerade so gar nicht. Weil Research Proposals und Artikel geschrieben, Präsentationen erstellt werden sollen, weil die Liste mit Aufgaben länger statt kürzer geworden ist, weil die Wohnung nicht in dem Zustand ist, dass ich sie anderen zeigen möchte. Und ist das nicht ein Kratzen im Hals? Und eine Erkältung, die kann ich jetzt wirklich nicht brauchen. Aufs Handy schauen, ob vielleicht einer der anderen absagt. Nicht den ersten Schritt machen wollen.

Am Tag selbst hektisch vom Büro nach Hause fahren, nebenbei noch telefonieren und vertrösten, ja, die Präsentation, nein, die habe ich nicht vergessen, die kommt. Wahllos einkaufen, weil die Zeit noch nicht einmal für das Schreiben der Einkaufsliste gereicht hat. Nochmals zurückrennen, weil ich die Hälfte vergessen habe und warum bitte geht genau jetzt das Olivenöl zuneige? Mir schwören, dass ich nie wieder vollmundige Versprechungen mache und mir immer nur so viel vornehme, wie ich auch schaffen kann, nicht immer zu viel reinpacke. Zu Hause Kleidungsstücke und Schuhe aufklauben, und in die Schränke schmeißen. Nur noch eine Stunde Zeit, um etwas zu kochen und vorzubereiten und da wird es nichts mit der französischen Cuisine, die ich mir ausgemalt hatte. Runter mit den eigenen Ansprüchen. Käse und Wein funktionieren immer, Risotto auch. Der Süßkartoffelsalat geht schnell. Es wird schon. Wen habe ich zu beeindrucken?  Die, die mich schon kennen? Was soll ich vorgeben? Eine, die ich nicht bin?
Bester Beschluss: Statt in der Küche noch schnell durchzuwischen, schon einmal ein Glas Rotwein einschenken. 

Einen Abend ernten, wie manche Abende so sind, die man nicht planen kann. Wie sie sein müssen. Lang und leicht. Wenn die Luft wohlig warm wird und ich selbst weich werde. Weil es gut ist, wie es ist. Es gibt nichts zu beweisen, weder mir selbst, noch den anderen. Weil es das ist, was ein zu Hause ausmacht und klänge es nicht so groß – auch das Leben. Schwere Gespräche, große Fragen, alltäglich Triviales, nichts Spekakuläres, Lachen. Zeit, die zu schnell vergeht und wieder auch nicht, weil sie stehenbleibt und ich nicht weiß, wo sie geblieben sind die letzten Stunden. „Komm, eine Flasche machen wir noch auf. Und danach noch den Birnenbrand, der ist so gut, so zart im Hals. Den müsst Ihr probieren.“ Seelig. Weinbeseelt frage ich mich, warum ich das nicht öfter mache. War doch alles ganz leicht. Und ist doch so schön.

Am nächsten Tag die Spuren beseitigen. Müde, zu müde, weil der Wecker zu früh geklingelt hat, die Aufgaben nicht weniger geworden sind, Fristen eingehalten werden wollen und Abgabetermine rufen. Ein leichtes Ziehen im Kopf. Natürlich war das nicht vernünftig. Dennoch nichts bereuen.

Beim Wegräumen der Gläser kurz denken, das sollte man  doch viel öfter machen. Nur nächste Woche nicht gleich und die darauf ist auch schon voll und übernächstes Wochenende wollten wir nach Düsseldorf und im Februar vielleicht nochmal in die Berge … aber der Freitag darauf. Da ganz bestimmt. 

7 Kommentare

  1. Ami sagt

    Du kannst einfach so wundervoll schreiben!
    Ich freu dass stepanini endlich responsive ist!
    🙂 lese deine Beiträge so schrecklich gern!

  2. ja! man sollte sowas viel öfters machen.
    dann, wenn es eigentlich gerade überhaupt nicht passt.
    so ist das doch mit allen dingen. den perfekten zeitpunkt gibt es nie.
    auf das nächste mal, und das danach.

  3. … ja, das sollte man viel öfter tun. Ach, wärest du nur näher. Dann käm‘ ich gern vorbei und lud‘ dich ein.

  4. So richtig!! Ich hoffe uns gelingt es jetzt dann auch bald einmal wieder, sehr hoffe ich das!!

  5. MarTina sagt

    …tief berührt von diesem wunderschönen Text. Danke!

  6. stepanini sagt

    Danke. So etwas zu hören berührt mich.

  7. Iris sagt

    Liebe Stephanie,
    auch ich finde diesen Text so schön und so inspirierend. Viel zu oft, reißt der Alltag einen wie eine Krake in die Tiefe. Du hast so recht und ich mach es dir prompt nach. Wenn du übrigens Lust hast, am 14. Februar in die Pfalz zu kommen…. 🙂
    Schönes Wochenende!
    Iris

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