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Satzgeschenke

116112Schreiben heißt auch verstehen. Siegfried Lenz, von dem dieser Satz stammt, bezog dies auf das Verstehen seiner selbst. Für mich gilt es auch für das Verstehen des Satzes. Das wirkliche Begreifen. Das Schreiben zwingt mich zur Langsamkeit. Wäre der Kopf mit den Gedanken schon weiter, so muss er sich so an das Tempo der Hand gewöhnen. 

So schreibe ich Sätze ab. Schreibe sie heraus. Diejenigen, die mir zu groß erschienen, zu besonders, als dass sie sich verstecken dürften und bei denen es so schade wäre, blieben sie zwischen Buchseiten alleine zurück. Ich sammle sie. Für irgendwann. Für schlechte Zeiten.

Und ich habe schon immer Sätze verschenkt. Manchmal aus Mangel an eigenen Worten. Manchmal weil andere es schlicht und einfach besser sagen. Und manches Mal, weil in dem was ich herauslese und dem was ein anderer möglicherweise darin sieht, schon die Grundlage für ein gutes Gespräch liegt, auf das ich mich freue. Und manches Mal auch, weil ich jemanden mag, sehr mag und Sätze schenken, an denen mein Herz hängt, eines der intimsten Gaben ist, mit denen ich aufwarten kann.

Gestern fiel mir einer dieser Satzgeschenke wieder in die Hand. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang es war und warum ich es ihm schrieb damals. Aber so ist das mit Geschenken: Irgendwann kommen sie zu einem zurück.

Und weil es auch heute noch passend ist und zu groß, zu bedeutend, um es für mich zu behalten: Mein Aufgeschriebenes. Das passenderweise schon damals jemand an einen anderen schrieb.

Fontane in einem Brief an seine Frau Emilie, die Sorge hat, nachdem er eine gute Anstellung als Sekretär der Akademie der Künste kündigte, um frei zu sein für die Schriftstellerei. Auf Emilies tobende Proteste antwortet er:

„Wenn Du dich noch nicht in der Vorstellung verblenden wolltest, dass Du eine arme, zurückgesetzte Kreuzträgerin wärest. Es ist alles bittere Torheit; Du bist durch Deinen Mann, Deine Kinder, Deinen Lebensgang und Deine Lebensstellung eine unendlich bevorzugte Frau. Es gibt wenige, die es so gut getroffen haben. Dass Du das Glück nach der Zahl der Geldrollen bemessen solltest, für so inferior halte ich Dich nicht, habe auch keine Ursache dazu. Erhält mich Gott gesund, so werde ich bald wieder fest im Sattel sein. Aber auch selbst Entbehrungen, wenn sie meiner harren sollten, sind mir nicht so schrecklich wie äußere und innere Unfreiheit. Sich angehören, ist der einzig begehrenswerte Lebensluxus. Die moderne Menschheit ist so herunter, dass sie ein Plüschemblement vorzieht. Ich habe mit solchen Jammerprinzipien nichts zu schaffen.

Nur die ungeheure Eitelkeit der Menschen, der kindliche Hang nach Glanz und falscher Ehre, das brennende Verlangen, den alten Wrangel einladen zu dürfen, oder eine Frau zu haben, die Brüsseler Spitze an der Nachtjacke trägt; nur die ganze Summe dieser Miserabilitäten verschließt die modernen Herzen gegen die einfachsten Wahrheiten und macht sie gleichgültig gegen das, was allein ein echtes Glück verleiht: Friede und Freiheit.“

6 Kommentare

  1. Sätze verschenken, das gefällt mir sehr. Und wie treffend diese Worte auch in der heutigen Zeit sind. Und ein neues Wort – Plüschemblement. Danke, immer wieder sehr inspirierend hier bei dir.

  2. Liebe Stephanie, in diesem Fall hoffe ich, dem Herrn Fontane kein Unrecht anzutun, wenn ich sage, daß deine vorausgeschickten Sätze weit mehr Eindruck hinterlassen haben als die aufgeschriebenen. (die deine Wahl natürlich durchaus verdienen) Und entgegen dem Trend der Zeit kann ich nur sagen: Es lebe die Schreibschrift!!! Kindern das Erlernen der Schreibschrift zu versagen, sollte Unterlassungsklagen nach sich ziehen.
    Ich mag es, wie du mit Sätzen umgehst! Ich habe schon sehr viel Zeit investiert in die Suche nach Sätzen, die ich irgendwann in irgendwelchen Büchern gelesen habe. Einer fehlt mir bis heute, obwohl ich genau weiß, in welchem Buch er stehen muss. Wenn sich die Zeit findet, werde ich das Buch wohl noch einmal lesen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Annett

  3. Pingback: Schreibend wachsen | Tante MASHA

  4. ich schließe mich annett an – deine Sätze haben mich mehr beschäftigt, als die des Herrn Fontane. Ich liebe es Sätze zu sammeln und Du sammelst immer wieder sehr schön, deswegen komme ich so gerne vorbei 🙂

  5. stepanini sagt

    Liebe Sabine und liebe Annett,
    vielen Dank. Über Fontane gestellt zu werden, die Liga treffe ich nicht. Aber ich freue mich sehr, so sehr über Eure Worte.

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