Monate: März 2015

beheimatet

Ich habe alle Bücher von Yasmina Reza gelesen. Alle. Und wenn ich diese Notiz sehe, die ich mir aus diesem Band herausgeschrieben habe, dann weiß ich auch warum. „Eines Tages war ich nicht, eines Tages werde ich nicht mehr sein. Zwischen diesen beiden Augenblicken der Gleichgültigkeit der Welt bemühe ich mich zu leben. Es ist eine schwankende Welt, von Wirbeln aufgewühlt, ohne Orientierung. Zwischen diesen beiden Abwesenheiten gehen wir dorthin, wohin uns unsere Schritte führen, wir setzen unsere Füße in die Welt und ihre Orte. Es gibt Orte und Orte. Die schönen, die berühmten oder die sehr hässlichen lassen uns am Ende gleichgültig. Bestenfalls interessieren sie unseren Bildungsdrang, etwas sehr Durchschnittliches. Die wahren Orte, jene, die uns befruchten, jene, die uns im Gedächtnis bleiben, sind die, die uns sahen, wie wir außer uns waren, die unsere Maßlosigkeit beherbergt haben, das Eingeständnis unserer Begierden oder das Erschrecken davor, all jene Orte, die uns auffingen, als wir erschüttert waren.“

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die mag. Nicht dass ich es mag, aber was heute gut gewesen wäre: Einfach im Bett bleiben. Die Bettdecke über den Kopf ziehen, nichts und niemanden an mich ranlassen. Egal. Morgen ist ein neuer Tag. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Aber vielleicht einen Pony wachsen lassen? Wenn man wieder solche Tage kommen und die kommen mit Sicherheit, puste ich mir einfach ein paar Strähnen ins Gesicht. Wirkt fast wie eine Bettdecke. Oder kaufe mir fröhliche Missoni-Kleider. Wirkt auch. Ich werde es nicht nur im Bett vor dem Einschlafen lesen, sondern in jeder freien Minute. Ich freue mich auf „Allein mit allen“ von Botho Strauß. Den ich sehr mag seit „Paare, Passanten„, diesen feinen Beobachtungen des Alltags. Ein Lied, das immer gut ist und wenn man es lange genug hört fast so gut abschirmt von der Welt wie die Bettdecke über dem Kopf.

Hinterlassen

Ich finde den Schutzumschlag nicht mehr. Es ist mir ins Badewasser gefallen. Seitdem wellt sich das Papier. Der Buchrücken ist voller Schlieren und Fingerabdrücke. Ein Kaffeefleck zeichnet sich ab. Es ist mir sehr ans Herz gewachsen dieses Buch. Es erzählt auf 154 Seiten das Leben von Egger. Ein Leben, vor dem ich mich verneige. Weil es ein großes ist. Wie jedes Leben. Das vergisst man manchmal. Die Verneigung vor dem schwer zu lebendem Leben. Auf der Suche nach Erfüllung, beim Wettrüsten um den Traumjob, den Bilderbuchehemann, dem gepflegten Reihenhaus mit Vorgarten und den Vorzeigekindern gerät das Gefühl fürs Wesentliche abhanden. Dass es alleine schon ein großes Vorrecht ist auf dieser Welt zu sein und dass nichts und niemand das Anrecht hat auf irgendetwas. Die first world problems vernebeln den Blick dafür, dass es nicht zu pachten ist, dass es ein Ausnahmemoment ist und kein Dauerzustand, das Glück. Dass es nicht nur Flitterwochen gibt, sondern den Alltag, herumliegende Socken, Langeweile und unausgeräumte Spülmaschinen. Aber dass es ein Leben nicht mindert, nicht im mindestens. Dass es eine Lebensleistung ist …

das eine nicht ohne das andere

„Das Ich, das sich in seine eigenen vier Wände zurückzieht, um seine Ruhe zu haben, kann genauso vom Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere befallen werden wie das Ich, das sich mit beliebig anderen auf einem Platz versammelt, um einen öffentlichen Raum für sich zu proklamieren. Es besteht nämlich die Drohung, beides zu verlieren: in eins mit unserem individuellen Selbst die Partizipation an unserer gemeinsamen Welt. Kommunikation passiert zwar ohne unseren Willen und jenseits unserer Kontrolle, aber es braucht den Mut, sich darauf einzulassen, wenn man sich mit und durch und in diesem ungewissen und offenen kommunikativen Hin und Her selbst fühlen und finden will. Ohne die Anderen kein Selbst, ohne Ambiguität keine Identität, ohne Verzweiflung keine Hoffnung, ohne Ende kein Anfang. Dazwischen ist die Angst.“ So schreibt einer meiner liebsten Soziologen, Heinz Bude in dem Buch Gesellschaft der Angst. 

Dienstagsmögen

Jeden Montag, heute Dienstag (soviel Flexibilität muss sein): Zwei, die ich mag. Aktuell: Den American Lifestyle. Also meine Version davon. Ganz viel Leben reinpacken in die Tage, als gäbe es kein morgen mehr und dabei genießen. Live to the max. Außerdem hat es mir gerade amerikanisches Essen sehr angetan. Ich könnte jeden Tag Pommes essen. Jeden. Einzelnen. Tag. Zur Abwechslung mit Pecorino und Basilikum. Den amerikanischen Touristen erkennt man an den Turnschuhen. Dem nähere ich mich und so landet amerikanisches Schuhwerk im Einkaufswagen. Denn Sneakers hat man nie genug. Gazelle schön und gut, Stan hin oder her – diese Pumas müssen es sein. Damien Rice ist kein Amerikaner, sondern Ire. Aber ich mag sein neustes Album gerade sehr. Vor allem dieses Lied. Melodie und Text tun so gut, wenn das Herz ein kleines bisschen schmerzt, weil es ein wenig Muskelkater hat. Das hat es manches Mal, weil es sich überanstrengt, übernommen hat oder einfach eingerostet und aus der Übung ist. Kann vorkommen. Aber nur nicht kleingeistig werden darüber, sondern immer großherzig bleiben. Womit wir wieder bei den Amerikanern wären. Mit vollen …

gefunden

Am Sonntagmorgen keine Lust auf die Zeitung und das Tagesaktuelle. Die Weltpolitik beiseite legen und sich im eigenen Universum drehen. Wahllos in den Bücherstapel greifen und diese eine finden, das mir so viel bedeutet hat. Es in der Hand halten mit dem Wissen, dass es Schätze beherbergt, wunderschöne Stellen, feine Geschichten. Traurig sein, dass ich nicht noch einmal ganz frisch eintauchen kann, es neu entdecken, aber glücklich über Sätze, Textfragmente, die ich wiederfinde und die Erinnerung an die gelesenen Seiten mit sich tragen. Wie diesen, von dem ich insgeheim wünschte, ich könnte es auch öfter von mir sagen: „Ich bin noch nie einer Frau begegnet, die so viel sieht, die so sorgsam und einfühlsam hinschaut. Dafür liebe ich Dich. Ich bin in Deinem Blick aufgehoben…. Du weißt, wer Du bist, wo Du herkommst, wo Du hinwillst und was Du brauchst, damit das Leben stimmt. Ich liebe Dich für den festen Ort, den Du in der Welt hast.“  Bernhard Schlink, Liebesfluchten

Süßkartoffelkompetenz ausgedehnt

Es gibt einen Grundsatz, der aus der Kybernetik stammt und den ich sehr mag: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. “ Das gilt als eines der Erfolgsrezepte, um Komplexität zu managen. Und wenn diese Welt und das Leben nicht komplex ist, dann weiß ich auch nicht. Umsetzen kann man dies, indem man sich nicht allzu früh für eine der Wahlmöglichkeiten entscheidet, sondern solange als möglich konkurrierende im Kopf behält. So schärft man die eigene Wahrnehmung für die Vorteile vieler Lösungen, bleibt offen und findet wahrscheinlich einen dritten Weg, der die Vorteile kombiniert. Die Synthese. Komplexität soll in diesem Falle sogar klug machen. Jetzt ist das leider nicht so einfach, denn die wenigsten Menschen halten gerne viele konkurrierende Optionen im Kopf offen. Denn das ist anstrengend. Widersprüche, die mit konkurrierenden Optionen einhergehen, stehen im Widerspruch zu unserem Wunsch nach Eindeutigkeit. Oder anders formuliert: Die Ambiguitätstoleranz des Menschen ist begrenzt. In der Regel entscheiden sich Menschen recht schnell für eine Alternative und finden und suchen dann immer nur die Informationen, die ihre Entscheidung bestätigen. Das ist zwar einfacher, aber …

aufgelistet: aneinandergereiht

Angesammelt, nebeneinander gestellt, untereinander, keiner bestimmten Reihenfolge folgend, einziges Kriterium, dass ich sie mochte, die Texte, Bilder, Fragmente. Über Frauen. Und Männer. Schönheit und Sterben. Alles dabei. Ein hübsches Ensemble ergeben sie. Wer gefragt wird, soll antworten. In diesem Falle ich. Frauen in München ansehen, sich kein Bild machen in Berlin. Beides sehr sehenswert.  Frauen in der Kunst von überall aus ansehen. Das Internet macht es möglich. Aber nicht nur ansehen, bitte auch die Texte dazu lesen. Herrlich. Ein Buchprojekt. Über den Tod. Über tausende. Wie es sich anfühlt. Das Verlieren und das danach verloren sein. Und eine Seite. Über das Weiterleben danach. einer der herrlichsten Texte überhaupt über die Superoptimierer, glatt Gegelten, stromlinienförmig Angepassten, die Überperformer. Männer wie Frauen. ein Video über die erste Begegnung. Die unvoreingenommene. Emotionale Anorexie. Dass darüber nicht schon mehr gesungen haben. ein Essay über die Schönheit  und wenn man ihn nicht ganz liest, dann bitte wenigstens diesen Satz, weil er nicht nur für Frauen gilt, sondern für überhaupt alles, was einem so tagein tagaus begegnet: „Indem man diese Frauen betrachtet, sich mit …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Dass er da ist. Ganz bald. Der Frühling und mit ihm dieses Gefühl, die Leichtigkeit, die in der Luft liegt, weil die Jacke zu Hause gelassen werden kann, weil die Wärme einzieht, weil so viel Helligkeit da ist und sie so lange hält, weil die Luft vibriert. Ein Bleistiftstreifenrock. Schon so oft daran vorbeigelaufen. Ein leichter und doch eleganter, einer der nach Meer ruft. Ein Rock, mit dem ich nach dem Büro noch ans Wasser gehen kann und in dem es sich tanzen lässt, zum Beispiel zu diesem Lied, das im Sommer in Dauerschleife läuft, weil es keinen Raum für Griesgrämigkeit lässt, leicht und beschwingt ist, die Hüften quasi automatisch wippen lässt.

Geschmacksprobe

Sprache zu beschreiben, die Tonalität eines Buch, das kann nicht gelingen. Aber vielleicht hilft eine Amuse Gueule, ein kleiner Gruß – in diesem Fall nicht aus der Küche, sondern aus den Seiten. Es geht um eine Bergkette im Sonnenuntergang. Diese Szenerie bei der, stünde man vor ihr, man lieber nichts sagen würde, weil alle Worte fehl am Platz und zu ungenügend wären. Lieber schweigend staunen, ergriffen und erschlagen sein ob dieser realen Postkartenschönheit. Vielleicht die Hand des anderen nehmen. Alles andere wäre zuviel. Aber auf den Buchseiten müssen Worte her und dort steht es dann so und ich wüsste nicht, wie es besser gelingen könnte, den Film im Kopf beginnen zu lassen, als mit diesen: „Und als wir den Mount Potosi überwinden, liegt vor uns im Tal die Königin der Nacht. Glitzernd, blinkend, verführerisch lockend trägt sie gerade ihre Lichterschminke auf. Bietet sich an, wie eine, die man nur im Rausch erträgt.“

Grundversorgung

Es braucht nicht viel. Und es ist selten das Laute und Aufgeregte. Aber manches Mal, da ist da etwas und das ist auf diese leise, ruhige Art so schön, besonders oder eigen, dass ich anhalte. Kindern liegt das im Blut. Im Laufe des Lebens kommt es dann irgendwie abhanden. Ich hatte schon lange kein besonderes Buch mehr in den Händen. Viele Bücher, die gut waren für den Kopf, die neue Gedanken brachten, den Blick geöffnet haben, aber keines, dass ich ab und zu weglegen muss, weil es berührt und von dieser zarten Schönheit ist. Wir haben Raketen geangelt ist so eines. Kurze und lange Erzählungen in einem Band. Unaufgeregt, überraschend, in einer ganz eigenen Sprache und Tonalität. Ruhig und unaufgeregt. Es hat eine eigene Musik dieses Buch. Es überrascht immer wieder. Nicht mit lautem Krawumms, sondern mit sanften Tönen, die leicht am Herz ziehen. Ein Satz genügt. Es ist ein Satz, der alles verändert. Und davon gibt es viele in diesem Band. Es braucht nicht viel. Aber dieses Buch schon.

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Mitten im quirligen Strudel sein, den Kopf verdreht, nicht mehr wissen, was tun und was lassen, weil alles einprasselt auf einmal. Aushalten, Luft anhalten, es irgendwie schaffen. Und zur Not einfach wegsehen. Hilft auch manchmal [1]. Was ich noch mag? Goldene Schuhe [2]. Weil es weiß doch jeder, dass einem mit goldenen Schuhen nichts passieren kann. Und ein Lied. Eines, dass sich in meinem Kopf dreht, so oft gehört habe ich es diese Woche. Vielleicht weil es so passend heißt: „Let me live“. Kopf hoch.