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jugendfrei

18531076064_8577125d87_z18965915730_f9063c2c6c_zEs ist ein Jugendbuch. Es ist kein Jugendbuch. Es ist ein Buch für jedes Alter. Es ist ein gutes Buch. Einfach geschrieben behandelt es den komplizierten Sachverhalt des Daseins, dessen was das alles hier soll, ob es sich lohnt unser aller Rennen, Machen und Tun. Eigentlich ideal für die Sommerzeit, in der die Lebensträume vom Urlaub genährt, wieder erwachen. So muss es doch sein, das Leben. Immer. Nicht nur die zwei Wochen auf dem Balkon in der Toskana. Es ist ein Urlaubsbuch. Es ist ein Buch für jede Zeit.

Ich habe überlegt, ob ich es meinen Kindern zu lesen geben würde. Der erste Instinkt war: Nein. Zu hart und ich muss doch beschützen. Alles Schlechte fernhalten. Um dann schon in der nächsten Minute festzustellen, wie töricht dieser Gedanke ist. Weil ich doch so oft sehe, dass Kinder in den wichtigen Dingen des Lebens manches Mal so viel weiser sind. Der Instinkt noch so wach, das feine Gespür für die Zwischentöne, die Schwinungen, für das Wichtige im Leben, den jetzigen Moment. Da wurde noch nicht oft genug sich zusammengerissen, auf die Zähne gebissen, als dass sich ein Panzer hätte bilden können, der dann irgendwann auch das Schöne nicht mehr durchlässt. Der, der bewahrt, aber auch blind macht für das Essentielle. Der, der leichter ertragen, aber auch schwerer zu ertragen macht.
Nichts. Nichts erzählt von Pierre Anthon, einem Schüler, der eines Tages mitten im Unterricht feststellt, dass nichts zählt, nichts wichtig ist. Nichts. Alles sinnlos. Es hat keine Bedeutung. Nichts.
Daraufhin macht er das einzig Folgenrichtige: Er steht mitten im Unterricht auf, sitzt fortan auf den Ästen eines Pflaumenbaums und ruft seine Einsicht, wie sinnlos das ganze Gerenne, Hingearbeite auf irgendwas ist, seinen Mitschülern entgegen. Die können das nicht lange ertragen und versuchen ihm vom Gegenteil zu überzeugen. Dass etwas Bedeutung hat. Etwas. Es muss doch.
Ob es gelingt oder nicht steht in diesem Buch.
Es ist ein wichtiges Buch.
In der wichtigen Geschäftigkeit des Lebens, im Strudel des beeindruckend seins und beeindrucken wollen, des zur Schau stellen der eigenen Wichtigkeit geht es manches Mal verloren. Das Wissen, dass all dies Rennen, Machen, Tun, bedeutsam sein  nicht wirklich bedeutsam ist. Und das ruft einem dieses Buch entgegen. Nicht vom Pflaumenbaum, sondern durch die Zeilen und Sätze. Und wie bei den Mitschülern klingen die Worte nach, setzen sich fest im Kopf.
Nichts. Nichts lässt sich besser ertragen, wenn man es als solches erkennt. Spaß haben kann man trotzdem. Mehr sogar. Wahrheit tut nicht weh. Manchmal schon. Aber nur kurz. Dann macht sie frei. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, hat Ingeborg Bachmann einmal gesagt. Auch eine, die immer an den Rand gegangen ist, auf der Suche nach Sinn, nach Bedeutung, nach Leben.
Ich würde es meinen Kindern zum Lesen geben. Ich hätte es gerne schon früher gelesen. Als ich jünger war. Weil es nichts offenbart, was man tief im Inneren nicht sowieso wüsste oder manches Mal zumindest leise erahnt. Und das ansehen, offenen Auges sich der Wahrheit stellen und die Konsequenzen zu tragen, rüstet für die Welt mehr als alles andere. Es steht nichts drin, was nicht jeder wüsste. Sich keiner auszusprechen traut und doch jeder ahnt, mancher weiß.

Es ist ein Jugendbuch, das manchen Erwachsenen überfordert und sich nicht nur im Urlaub lesen lässt. Oder auch einfach ein nur ein zeitloses. Ein lesenswertes auf alle Fälle.

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