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Unglaublich, aber wahr: Über eine Frau, ein Buch, das Meer

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Es gibt vier Worte, die ändern alles, die vermögen einer Geschichte auf einen Schlag mehr Tiefe, mehr Bedeutung zu geben. „Nach einer wahren Begebenheit“. Wenn sie in Filmen auf dem Bildschirm erscheinen, dann geht alles was danach folgt näher und berührt einen mehr. Wie groß die Macht von Hollywood und der Unterhaltungsindustrie auch ist: Der Mensch hat ein sehr feines Gespür für den Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Dass etwas tatsächlich so passiert ist und nun nur schöner ausgeleuchtet wird, berührt eine andere Dimension in uns als die rein phantastischen und erfundenen Geschichten.

Wir Deutschen wissen das. Immer noch zu unglaublich ist der eine Teil unserer Geschichte, dass der Gedanke immer wieder aufkeimt, dass das doch nicht wahr sein kann, dass Menschen doch so etwas nicht tun können. Doch. Konnten sie und haben sie. Vom Konjunktiv II zum Perfekt.

Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich: Das Leben der Franziska zu Reventlow“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Das musste ich mir immer wieder sagen beim Lesen, wenn ich den Kopf schüttle, ob dieser Frau, die sich mit einer Brutalität dem Leben stellt die seinesgleichen sucht. Sie nimmt sich was sie möchte und das können auch mal mehrere Männer gleichzeitig sein, pfeift auf Konventionen, ist unerbittlich mit ihren Forderungen an das Leben und an sich selbst. Lesend leide und fiebere ich mit, wenn ich zusehe, wie sie kämpft mit sich, ihren Wünschen und Träumen. Ihre Unnachgiebigkeit ein Leben als Künstlerin zu leben, ihre Kompromisslosigkeit in Beziehungen sind per se schon intensiv, aber mit dem Wissen im Kopf, dass dies den Lauf ihres Lebens beschreibt, wirken sie nochmals mehr und gehen nah. Mir zumindest.

Ich sitze am Strand und beobachte, wie die Menschen dem Meer begegnen. Da sind diejenigen, die immer dem Wasser den Vortritt lassen. Sie setzen vorsichtig einen Schritt vor den anderen, bleiben immer wieder stehen, warten bis die Wellen auf sie zukommen. Das Wasser muss immer den ersten Schritt machen, erst dann geben sie nach. Befeuchten vorsichtig die Arme, freunden sich mit der Wassertemperatur an, immer mit ein wenig Abstand, bis sie sich schlussendlich doch irgendwann ergeben und ganz eintauchen.
Und dann gibt es die, die Anlauf nehmen, rennen und in die Wellen springen.

Vielleicht zeigt sich in dem, wie man dem Meer begegnet auch ein wenig wie man sich dem Leben stellt. Sich langsam ergeben, wenn es anders nicht geht oder ihm frontal entgegengehen. 
Franziska zu Reventlow, um bei diesem Bild zu bleiben, legt auf der Spitze einer Klippe einen Sprint hin und hechtet rückwärts mit geschlossenen Augen in die Tiefe. Sie nimmt das Leben mit einem Kopfsprung. Sie taucht ein mit einer Gnadenlosigkeit, die ihresgleichen sucht und lässt sich von keiner Welle unterkriegen. Sucht sie geradezu.

Es gibt in diesem Buch viele Momenten in denen ich denke: Nein, tu das nicht. Das wird weh tun, nicht gut ausgehen, sei vorsichtiger, pass auf Dich auf. Selbst wenn sie mich hätte hören können, sie hätte kein einziges Mal gefolgt. Weil es sie die Freiheit gekostet hätte und ihre Lust am Leben und Erleben. Sie hat auch dafür einen Preis bezahlt. Ob der hoch ist, das muss jeder selbst entscheiden.
Aber selbst das ändert nichts. Es war ihr Leben. Nach einer wahren Begebenheit.

Die Sprache ist manches Mal ein wenig schwülstig, aber das macht nichts, weil die Geschichte eine so unglaubliche ist. Der Titel hatte es mir sofort angetan und dann eine Beschreibung ihrer Person auf der zweiten Seite des Buches neugierig gemacht. Ein alter Freund und Weggefährte Erich Mühsam hat über sie gesagt,  „[…] dass von dieser außerordentlichen Frau, dem innerlich freiesten und natürlichsten Menschen, dem ich begegnet bin, gleichmäßig ausgezeichnet von höchstem, weiblichen Charme, gepflegtester geistiger Kultur, kritischer Klugheit, anmutigstem Humor und vollkommenster Vorurteilslosigkeit, in anderen Zusammenhängen mehr zu sagen sein wird.“

Es gibt den Satz und ich weiß leider nicht von wem er ist, aber er besagt, dass einen zwei Dinge am meisten prägen: Die Bücher, die man liest und die Menschen, mit denen man sich umgibt. Sich mit einem innerlich freien und natürlichen Menschen zu treffen und wenn es nur auf Buchseiten ist, ändert etwas. Hat es in mir. Nach einer wahren Begebenheit.19154909213_19c5754564_c (1)

3 Kommentare

  1. Lieben Dank, das Buch macht mich sehr neugierig und kommt auf meine Leseliste.
    Ich freue mich übrigens schon sehr auf das Archive Magazin und kann es gar nicht abwarten es in Händen zu halten.
    Liebe Grüße,
    Patricis

  2. stepanini sagt

    Liebe Patricia, ich habe es schon weiterverschenkt, sonst hätte ich Dir mein ausgelesenes Exemplar geschickt.
    Bin auch gespannt auf das Magazin. Es ist ja das Projekt von Lina und Anselm, ich habe ihnen ganz vertraut und nur einmal kurz an einem Abend darin geblättert. Schreib mir, wie Du es findest.
    Hab´einen schönen Tag, Stephanie

  3. Pingback: Bildungsauftrag erfüllt | stepanini

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