Monate: September 2015

Strategiewechsel

„Zu trinken, um den Lärm im Kopf zu beruhigen, um die Schuldgefühle, Unsicherheiten und zurückgehaltenen Vorwürfe handhabbar zu machen, die übertriebenen Erwartungen an sich selbst oder das Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu bewältigen, ist eine ganz und gar unsinnige Strategie. Die Wahrheit ist, dass man dem Leben nichts, rein gar nichts abringen muss, keine einzige Erfahrung und erst recht keine Karriere, keine großen Ideen, Werke oder Bücher. Die Wahrheit ist, dass das Leben immer schon genug ist.“ aus: Nüchtern: Über das Trinken und das Glück von Daniel Schreiber

Nüchtern betrachtet

Ich habe es ein wenig wie im Rausch gelesen. Ein Buch über das Trinken, über das zuviel Trinken, über das Trinken über den Durst hinaus, darüber dass das Trinken, um dem Alltag zu entfliehen irgendwann Alltag wird, darüber dass die Grenzen sehr zart und sehr fließend sind, darüber wie sich Abhängigkeit tarnt, sehr mies tarnt, dass sie nicht so offensichtlich ist, wie wir in unserer selbstbeherrschten Überheblichkeit zu glauben meinen, darüber dass sie verschiedene Kleider trägt. Nüchtern: Über das Trinken und das Glück heißt das Buch bezeichnender Weise. „Es war gar nicht so, dass wir exzessiv tranken, mein Partner und ich. Obwohl wir an den Wochenenden oft ausschweifend feierten, blieben wir lange bei der gemeinsamen abendlichen Flasche, und das noch nicht einmal jeden Tag. Die Wahrheit aber war, dass ich mir schon damals das Leben, das wir uns eingerichtet hatten, nicht ohne diesen Wein vorstellen konnte. Eigentlich hatte ich schon damals das Gefühl, dass dieses erwachsene Leben nur einen Sinn hat, wenn man auch trinkt,“ schreibt der Autor. Betrifft mich nicht, könnte man denken. Weil es …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Der Abstand, der im Wissenserwerb liegt. Dieser Zwischenraum, der mir vermeintliche Sicherheit und Zeit verschafft, wenn ich noch ein Buch zum Thema lese und noch eines, um gut vorbereitet zu sein, wenn ich mich im Theoretischen verliere, im Abstrakten verlaufe und damit vielleicht manches Mal ein klitzekleines wenig vor der Umsetzung fliehe. Ich mag diesen Spiegel, weil einziges Kriterium für das eigene Handeln sein sollte, dass man sich danach auch weiterhin im Spiegel ansehen kann. Zu jeder Zeit. Sonnenumrankt ist das allerdings einfacher. Da fallen die kleinen Fältchen, die der exzessiven Nachtlektüre geschuldet sind, auch gar nicht mehr so auf. Dann mag ich noch ein Lied. „Keep it simple. Keep it slow“ singt sie. Kann nicht schaden, das was ich schon weiß, nochmals vorgesungen zu bekommen. Startet gut in die Woche. Oder eignet Euch vorher noch ein wenig theoretisches Wissen darüber an.

kulturell engagiert

Ich mag diesen Passus aus einer Rede von Roger Willemsen am Dresdner Staatsschauspiel sehr. Er redet über Engagement und Kultur. Zwei, die eng miteinander zusammenhängen und zwei, die oftmals in einem zu engen Deutungsrahmen festgehalten werden. Seine Sicht der Dinge erweitert sie. Sie nimmt Engagement aus dem reinen Geld geben und aktiv sein heraus, ergänzt sie um das, was davor nötig ist. Eine Haltung im Leben, ein beteiligt sein, ein Interesse zeigen, ein involviert sein, ein leben, statt gelebt zu werden. Und es gibt der Kultur den schönsten Platz, den für alle zugänglich, entreißt ihn der Kultiviertheit und des überlegen seins, sondern platziert ihn mittenrein in jeden Menschen. Großherzigkeit nicht nur im Tun, sondern auch im Denken – was für eine schöne Definition von Kultur und Engagement. Ein schöner Gedanke, ein Sonntagsgedanke. Sonntag, die Tage an denen gemeinhin das kulturelle Engagement seinen Höhepunkt der Woche erreicht im Museumsbesuch. Sonntage, an denen sich wunderbar über das große Ganze nachdenken und endlich engagiert das Kleiderbügelprojekt angehen lässt. „Das ist die Großherzigkeit von Leserinnen und Lesern, von Menschen, die in Museen gehen, von Menschen, …

Anlauf für den besten Absprung in den Herbst

Max Frisch wurde in einem Interview einmal gefragt, was ihm im Rückblick auf sein Leben aufgefallen ist, nicht was er anders machen würde, einfach was ihn ihn im Resümieren wundert. Er zögert lange und antwortet schließlich, dass er feststellt, dass er so vieles doch schon früher gewusst hat und es dann doch so lange gebraucht hat, bis er handelte. Der Arbeitsplatz, den er früher hätte verlassen, die Ehe, die er zeitiger beenden hätte können. Nichts liegt mir ferner als dem zu widersprechen, den ich so verehre. Aber vielleicht, so kam mir der Gedanke, unterschätzt er die Bedeutung des Anlaufs. Ich denke, dass viele Dinge im Leben Anlauf benötigen. Das ermöglicht einen guten Absprung und einen sanften Übergang. Im Leichtathletik-Unterricht in der Schule lag mir eigentlich immer nur das Laufen. Das ist mir auch bis heute geblieben. Aber da gab es noch den Weitsprung. Dort entscheidet der Anlauf über Erfolg oder Misserfolg des Sprungs. Präzise, kraftvoll muss er sein. Das ist eine Kunst. Die beherrscht sein will wie alles im Leben. Selten gelingt  etwas aus dem Stand heraus. …

aufgelistet: Monochrome Grünstimmung meets kind of blue

Grünen Tee in Litern getrunken, weil die Tage lang und die Nächte kurz sind gerade. Gerabeitet, nicht hintergekommen, noch mehr gearbeitet, aber immer das Gefühl, das alles gar nicht einholen zu können, kurz davor zu sein, überrollt zu werden. Ein wenig Miles Davis zugehört. Neben Keith Jarrett ist er mein verlässlicher Ruhigmacher, ein nicht verschreibungspflichtiger Tranquilizer. Ich glaube, es ist das Trompeten. Das kann ich nicht, aber ich weiß, dass man dafür ruhig und kräftig atmen muss und das schadet in übervollen Zeiten auch nicht. Überträgt sich irgendwie. Musikalische Atemtherapie. Außerdem liefert kind of blue genau die richtigen Töne für die Nachtstunden, wenn ich das Gefühl habe ganz alleine auf dieser Welt zu sein. Der Rest schläft nämlich. Nur ich und ich arbeiten dann so vor sich hin und sinnieren zwischendrin über den schönen Satz, den Miles David mal gesagt hat: „Sometimes you have to play a long time to be able to play like yourself.” Noch ein Punkt, der abzuarbeiten wäre. Aber ein guter. Alles eine Frage der Zeit. Was sonst noch überhaupt nicht einfarbig, sondern neue Farbnuancen ins Leben …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Ich habe turbulente Wochen hinter und turbulente vor mir. Bei dem Gedanken daran, wird mir manchmal heiß, manchmal kalt, nur um dann festzustellen, dass ich es eh einfach nehmen muss, wie es kommt. Ich bin vorbereitet. One day at a time. Immer fröhlich. Und sollte ich es vergessen, stolziere ich abends in diesem Sweatshirt durch die Wohnung mit dem dezenten Hinweis für mich und der klaren Botschaft an andere worauf es ankommt, egal wie es läuft und was läuft: Immer das Beste draus machen, fröhlich sein, dankbar sein. Und ich mag dieses Lied. Es macht fröhlich. Nicht auf die überdrehte, sondern auf die ruhige, sanfte, wissende Art. Genau das Richtige in turbulenten Zeiten.

Ich wäre dann soweit

Ozapft is. Das ist mein offizieller Herbst-Auftakt. Der Sommer ist vorbei, wenn ich das Dirndl aus dem Keller hole, immer hoffend, dass es bitte noch passt und die Gästematratze in den hintersten Ecken der Kammer suche, weil in diesen drei Wochen unerklärlicher Weise ein statistisch nicht zu erklärender Ausschlag an Besuchsanfragen in meinem Haus zu verbuchen ist. Wie dem auch sei: Es ist eröffnet und ich wäre dann auch bereit für den Herbst. Mit ein paar kleinen, noch zu treffenden Vorkehrungen wie diesen: Kaschmirpullover all over. In dem Punkt mache ich keine Kompromisse. Ich mag nichts Kratziges auf der Haut. Und Kaschmir ist so wunderschön weich. Als würde etwas einen den ganzen Tag umarmen. Mehr Kaschmir braucht die Welt. In allen Farben. Ich ergänze mein Repertoire um Grün [1]. Ab in die Küche, wenn es draußen so ungemütlich ist. Backofenlicht ist das schönste Licht. Kuchenwärme hält lange an. Und mit diesem Buch [2] gehen mir die Ideen bis zum Frühjahr nicht aus. Es gibt noch viel zu backen. Packen wir es an. Ich besitze schon die Labtophülle von …

Erst kreist es. Dann landet es in der Gosse. Aber immerhin gibt es Kuchen.

Manchmal kreisen meine Gedanken. Wobei kreisen es eigentlich nicht treffend beschreibt. Denn sie kreisen nicht, sondern drehen sich erst, dann stürzen sie sich, und mich gleich mit, zielsicher in den Abgrund. Die Sache ist höchst irrational, das weiß ich selbst, aber es gibt Situationen, die eine Gedankenkette auslösen, die dann kein Halten mehr kennt. Eine Präsentation vor Kunden ist nicht gelaufen wie geplant, ich habe vergessen irgendwelche Budgetzahlen zu liefern, die zündende Idee lässt auf sich warten, eine Verhandlung endete nicht optimal. Dinge, die eben so passieren im Leben. In dummen Momenten entwickelt sich daraus eine vollkommen schlüssig scheinende Abfolge von Gedanken, die da lauten, ich werde nie wieder einen Kunden überzeugen, ich werde überhaupt nie wieder etwas zustand bringen, ich werde meinen Job verlieren, ich werde die Miete nicht mehr zahlen können und zwei Sekunden später bin ich gedanklich schon in der Gosse gelandet. Es gelingt mir glücklicherweise auch immer wieder das Gedankenkarussell zu verlassen. Meist in dem ich mich daran erinnere, dass ich zwar im Administrativen und sonstigen Gebieten sicherlich meine Schwächen habe und das Leben …

Die Vorteile eines durchlässigen Gewebes

Es gibt Tage, da denke ich, es wäre gut, weniger durchlässig zu sein. Aber die Momente sind kurz. Weil ich insgeheim weiß, wie viel ich auch verpassen würde, wie viel Welt einfach so und ungesehen an mir vorbeiziehen, an mir abperlen würde.  Rechts neben meiner Wohnung, leicht um die Ecke, steht ein Altersheim. Auf diese anonyme Städter-Art beäugt man sich gegenseitig mit dem nötigen Abstand und kennt sich doch. Seit diesem Sommer ist dort schräg gegenüber ein älterer Herr eingezogen. Ich habe ihn ins Herz geschlossen. Ich weiß nichts, rein gar nichts von ihm. Geschweige denn kenne ich seinen Namen. Aber ich sehe ihn, wie er jeden Morgen wieder sehr akribisch und gewissenhaft sein Fenstersims reinigt und es von Blättern oder Vogelmist befreit. Sehr sorgfältig wischt er mit einem Taschentuch die Kante entlang. Immer die Schiebermütze auf dem Kopf und seine leuchtend rote Weste übergezogen. Auf ihn ist Verlass. Er rührt mich sehr. Gegrüßt haben wir uns noch nie. Es hat sich nicht ergeben. Aber in der Früh, wenn ich meine Wohnung verlasse und an seinem Fenster vorbeilaufe, halte …

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Sanftheit. Die Eleganz und Stärke, die in der Sanftheit liegen. Oft hat das laute und große Krawumm seine Berechtigung, oft aber auch die leisen Töne. Sie begegnen mir ein wenig in diesem Bild. Neben vielem anderem. Und ich mag dieses Kleid. Überhaupt, wie sehr ich Kleider mag. Mit ihnen ist man immer angezogen, präsent und doch zurückgenommen, nicht laut. Leise und voll sanfter Überzeugungskraft. Ein Lied mag ich außerdem. Eines, das ich kenne, auswendig kenne und das mir leicht gedreht, sanft verändert von einem anderen gesungen, wieder wie neu erscheint. Geht sie sanft an, diese Woche.

#throwbacktowhatever

Bei Instagram gibt es den Hashtag #throwbackthursday. Er findet Verwendung, wenn donnerstags alte Kinder- oder Jugendbilder gepostet werden und sorgt für Amüsement, weil es immer wieder herrlich zu sehen ist, mit welchem Frisuren oder Kleidungsstücken man mal so stolz durch die Welt maschierte. Es ist ein Blick zurück, der das heute besser verstehen lässt. Heute ist Sonntag. Das ist ein altes Bild von mir. Ein sehr altes und gleichzeitig sehr aktuelles. Sozialen Medien wie Instagram oder Blogs wird oft vorgeworfen, dass sie selbstreferentiell seien. Sie bewegen sich nur im eigenen Kosmos, berichten nur aus ihrere Perspektive, drehen sich um sich selbst und beherzigen dabei nicht das große Weltgeschehen. Der Konstruktivist in mir hat diesen Vorwurf noch nie verstanden, weil ich daran glaube, dass jeder die Welt sowieso nur aus seiner eigenen begrenzten Warte heraus sehen und verstehen kann. Das Bild ist im südlichen Afrika entstanden. Zu behaupten, ich wäre völlig naiv auf diesen Kontinent gereist, ist noch untertrieben. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte. Ich wollte einfach raus aus der Enge der Kleinstadt und in die große, weite Welt. …

sprachlich 100%ig korrekt

Über die Woche nachgedacht. Über all das, was passiert ist, mit was ich beschenkt wurde, wem ich begegnen konnte, was ich erleben durfte, was mich an meine Grenzen gebracht hat und darüber hinaus. Zwei Sätze sind mir eingefallen, die mir zwischen all den wohlüberlegten und gewählten Worten in den letzten fünf Tagen rausgerutscht, entwischt sind. Der eine fiel am Anfang: „Ich bin leer geredet“. Der andere am Ende der Woche: „Du bist so weichherzigst“. Daraufhin festgestellt, dass die nicht korrekte Verwendung der Sprache manchmal die einzig richtige ist.

Montagsmögen

Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Dieses Bild von Robert Tiscoli. Im Englischen gibt es den Ausdruck „to have your head in the clouds“. Das ist nicht immer als Kompliment gemeint. Dabei lohnt es sich doch so oft, nicht immer genau hinzusehen, was bei rauskommt, wie es sich rechnet, ob es möglich ist, sondern es einfach trotzdem zu machen. Ein beherztes Trotzen den Umständen, Bedenkenträgern und Besserwissern und das mit aufrechtem Haupt. Gut behütet dabei zu sein kann zumindest nicht schaden. Dann mag ich noch ein Lied, von einer Band, die aber eigentlich fünf Bands sind und die jetzt zusammen auf Tour gehen, weil es so eine Idee war, weil einer mal angefangen hat. Wahrscheinlich nicht zuerst mit der Kosten-Nutzen-Rechnung. „… never thought about the places this might lead us to.“ Und jetzt für den Rest der Woche: Kopf hoch. Mitten in die Wolken rein.