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#throwbacktowhatever

016Bei Instagram gibt es den Hashtag #throwbackthursday. Er findet Verwendung, wenn donnerstags alte Kinder- oder Jugendbilder gepostet werden und sorgt für Amüsement, weil es immer wieder herrlich zu sehen ist, mit welchem Frisuren oder Kleidungsstücken man mal so stolz durch die Welt maschierte. Es ist ein Blick zurück, der das heute besser verstehen lässt.

Heute ist Sonntag. Das ist ein altes Bild von mir. Ein sehr altes und gleichzeitig sehr aktuelles.

Sozialen Medien wie Instagram oder Blogs wird oft vorgeworfen, dass sie selbstreferentiell seien. Sie bewegen sich nur im eigenen Kosmos, berichten nur aus ihrere Perspektive, drehen sich um sich selbst und beherzigen dabei nicht das große Weltgeschehen. Der Konstruktivist in mir hat diesen Vorwurf noch nie verstanden, weil ich daran glaube, dass jeder die Welt sowieso nur aus seiner eigenen begrenzten Warte heraus sehen und verstehen kann.

Das Bild ist im südlichen Afrika entstanden. Zu behaupten, ich wäre völlig naiv auf diesen Kontinent gereist, ist noch untertrieben. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte. Ich wollte einfach raus aus der Enge der Kleinstadt und in die große, weite Welt. Innerhalb meines begrenzten Horizonts kam dabei dann eben Südafrika heraus. Das war kurz nach dem Ende der Apartheid. Ich kannte Armut als einen sehr abstrakten Begriff, der sich aus einer Mischung aus Bildern der Miserior-Anzeigen in der Tageszeitung und den Spendenaufrufen in den Fernsehnachrichten speiste. Aber im Fernsehen lief auch Spiderman und Pretty Woman und das in der Realität kein Mensch Häuserwände entlang springt und wahrscheinlich kein Millionär vorbeikommt und mich in ein anderes Leben entführt, hatte ich trotz all meiner Naivität damals schon verstanden, weshalb diese Bilder mich zwar anrührten, aber mit meiner Wirklichkeit und meinem Alltag nichts zu tun hatten. Es war sehr weit weg. Manchmal reichte das Taschengeld und was ich mir durchs Kellnern dazuverdiente nicht bis zum Monatsende. Dann fühlte ich mich irgendwie arm.

Eine Ahnung davon, was Armut wirklich bedeutet, bekam ich erst, als ich auf einmal in diesem zerrütteten Land stand und nach ein paar Wochen meine Sachen für den ersten richtigen Einsatz für eine Hilfsorganisation packen durfte. Es ging in ein Flüchtlingscamp.

Auch „Flüchtlingscamp“ war ein sehr abstraktes Wort und wenn ich ehrlich war, fand ich einfach die Vorstellung aufregend und das Ganze war Wasser auf die Mühlen meines Abenteurhungers. Vor allem war ich erst einmal sehr stolz auf mich, dass ich die Anweisungen einhielt und das Gepäck auf ein Minimum reduzierte: Drei T-Shirts und zwei Röcke, ein Handtuch und eine Zahnbürste stopfte ich in meinen kleinen Rucksack. Heute ist die Tasche, mit der ich zum Yoga gehe, voller bepackt.
Sehr beschämt war ich, als ein Junge am dritten Tag bemerkte, dass ich wohl sehr reich sei, weil ich ein anderes Shirt als gestern trug, also zwei zu besitzen schien.
Sehr hilflos war ich, angesichts dessen, was ich sah. Mittendrin in improvisierten Zeltstädten, ohne vernünftiges Wasser und Kanalisation, überall nur Menschen und Elend und das in einer Dimension, die ich mir nie hätte vorstellen können. Da war kein Ende. Kein Anfang. Da waren nur Hände und ich an der Essensausgabe und es war nicht genug, es war nie genug und dieses Wort Unbarmherzigkeit, dass sich so leicht sagt, das traf mich da, weil ich mit eigenen Augen sah, was es bedeutet. Und Ungerechtigkeit. Dass ich auch hätte hier geboren worden sein können und nicht in einem sicheren und reichen Land. Dass ich nichts dafür konnte. Dass ich nichts wirklich tun konnte. Dass mein Beitrag hier ein so lächerlicher war und noch nicht einmal  wie ein Tropfen auf den heißen Stein erschien, sondern schon vorher im Nichts verpuffte.

Es ist vollkommen selbstreferentiell, aber ich habe erst da in Ansätzen verstanden, was Armut, was Elend bedeuten kann und das dies nichts, aber auch gar nichts mit dem Gefühl zu tun hat, das ich verspürte, wenn ich mir nicht sofort die allerneuste Jeans kaufen oder länger sparen musste, um mir die schicken Sneakers leisten zu können. Und ich habe das erlebt, dass jeder kennt, der länger im Ausland war. Was es heißt, sich nicht auszukennen, völlig hilflos zu sein, die Sprache nicht zu verstehen, die Sitten und Gebräuche nicht deuten zu können, nicht zu wissen, nach welchen Regeln hier alles abläuft, immer aufzufallen, offensichtlich fehl am Platz zu sein, verloren. Ich habe erfahren, was es heißt, fremd zu sein in einem anderem Land.

Das ist schon lange her. Ich kam nach etwas über einem Jahr wieder in Deutschland an. War anfangs völlig überfordert von den überquillenden Regalen in den Supermärkten, unfähig eine Zahnpasta zu kaufen, weil die schiere Größe der Auswahl mich erschlug. Ich hatte mich an ein sehr einfaches Leben gewöhnt. Aber irgendwann war der Überfluss wieder Alltag und fühlte sich nicht mehr als solcher an. Das Leben, das ich führte war schnell wieder ein selbstverständliches und drehte sich um Semesterpläne, den schon extrem gutaussehenden Typen, der in der letzten Reihe saß und die nächste Party. 

Bis vor kurzem. Das, was ich in Afrika erlebt habe, habe ich in Zügen auch hier gesehen. Verzweiflung, Enge, Überforderung. Da steht ein Mann vor mir ohne Schuhe. Es regnet und ist zehn Grad kalt. Da stehe ich, nicht wissen, was tun, wem helfen. Etwas tun und immer das Gefühl zu haben, dass es zu wenig ist, dass ich länger bleiben könnte, mehr machen müsste. Dass ich ein kleines Rädchen bin in irgendeinem System und an anderer Stelle etwas gehörig schief läuft und im Umbruch ist. Ein schlechtes Gewissen, wenn ich gehe, weil noch so viel zu tun wäre. Aber ich bin müde und es war ein langer Tag und mehr Beitrag geht nicht. Und wenn ich nach Hause komme ein Gefühl von Scham über den vielen Platz, den ich habe und die vielen Kleider, die ich besitze. Müsste ich nicht doch mehr tun? Wut. Über mich selbst, über all dies hier, über diese Ungerechtigkeit.

Wenn ich dann zur Ablenkung abends im Netz surfe, dann prasseln sie auf mich ein. Die Nachrichten, die auf die Politik verweisen und die soziale Medien, die so laut tönen. Die Bilder, die mich so erschreckt haben. Heidenau. Was hat mir das Angst gemacht. Es kann doch nicht sein, dass das was schon einmal passiert ist, noch einmal passiert. Ich dachte, dass hätten wir hinter uns. Aber auch der Umgang mit der anderen Seite hat mir Sorge bereitet. Der Ton. Das Beschimpfen. Das Bloß stellen. Weil ich nicht glaube, dass das die Lösung ist. Ebenso wenig wie denunzieren, ausgrenzen oder verachten. Die Taten sind zu verachten. Aber dahinter stecken Menschen und für ihre Taten darf man kein Verständnis haben, aber auch mit ihnen müsste man reden, nur habe ich dazu nicht die Kraft.

Diese ganze Sache ist ein wenig zu groß, als dass ich sie greifen kann und deshalb bleibt mir nur sie aus meiner Warte zu betrachten und zu bewerten. Völlig selbstreferentiell. Den Vorwurf lasse ich mir zu Recht gefallen.

Und so stehe ich heute da, wo ich schon einmal stand vor vielen Jahren auf einem anderen Kontinent. Ich bin eine andere. Die Situation eine andere trotz aller Parallelen. Und vielleicht liegt es daran, dass ich mehr sehe. Ich sehe, wie viele da sind. Ich sehe, wie sich alles selbst organisiert. Das fasziniert mich ungemein und jedes Mal aufs Neue. So viele, die mitanpacken. Kleider sammeln, sortieren, verteilen, Müll aufräumen, Betten aufstellen, übersetzen, verteilen, Kisten irgendwo hintragen und wieder zurück und dann doch an den alten Platz zurück, Essen verteilen und manches Mal auch überhaupt erst welches organisieren, Wasser ausgeben, Eingangstüren bewachen, Spenden entgegennehmen. Niemand ist sich für nichts zu schade. Wie sich Netze formen ohne ein Zutun, wie von Geisterhand. Wie Hierarchien aufgehoben sind und nicht zählt, was man sonst so macht im Leben, wo man herkommt. Da ist etwas sehr Verbindendes. Wie die Behörden und alle Offiziellen sich an Reglementarien festhalten und oft überfordert sind, weil das was hier passiert eben keinen Regeln folgt und mit ihrer Bürokratie so vieles verhindern und wie viele, die pragmatisch denken und einfach anpacken so vieles bewegen. Da ist keiner der dirigiert und doch formt sich aus den vielen helfenden Händen sehr magisch eine eigene Struktur, in dem ganzen Chaos eine Organisation, die jeden Organisationspsychologen verstummen lassen würde. Man darf ihnen viel zutrauen, den Menschen. Es freut mich so zu sehen wie das Netz, das ich doch so schätze, zeigt, dass es doch so viel mehr kann als Katzenvideos, nervende Online-Werbung und flinkes Einkaufen. Es wird zu einer Kommunikationszentrale, die an Schnelligkeit und Wirksamkeit nicht zu überbieten ist.
Zwischen all dem Elend und der Scham, angesichts meiner eigenen Kleingeistigkeit, wenn ich den überheblichen Habitus des Helfers bei mir entdecke, der mehr Dankbarkeit erwartet von denen die nichts haben und gerade andere Sorgen, vor der Hilflosigkeit und der Überforderung, ob der schieren Masse an Menschen, macht mir dies auch so unendlich viel Mut. Der Glaube an die Selbstorganisation, dass wenn es darauf ankommt, Menschen zueinander stehen, füreinander einstehen, Verantwortung übernehmen und Dinge selbst in die Hand nehmen. Ich bekomme so vieles zurück. Ein Zutrauen, dass doch auch vieles möglich ist. Hoffnung und Glaube an die Menschen und in die Welt, die nie so richtig verloren waren, aber vielleicht ein wenig verdeckt. Der hoffnungslose Romantiker und Idealist in mir schöpft Hoffnung oder hat nie so wirklich aufgegeben.

Ich sehe Mareice oder Jule voller Bewunderung. Ich sehe, was eine mir so liebe und gute, alte Freundin in meiner alten Heimatstadt auf die Beine stellt. Dann denke ich, es lohnt sich doch. Etwas zu tun, obwohl man immer sieht, es ist nicht genug. Nie genug. Keine Ahnung. Keine. Ob ich mich damit von etwas freikaufe, ist mir auch egal. Ob ich darüber schreiben darf oder ob es nur eine Mode ist, die so schnell vorübergeht, wie die Eiskübelaktion, ob mein Engagement nachhaltig ist, wie weit ich bereit bin zu gehen und zu geben oder ob ich irgendwann die Kraft verliere, wenn alles leiser wird und ich nicht täglich daran erinnert werde: Ich weiß es nicht. Das was ich tue, lächerlich ist angesichts des gesamten Elends, sehe ich. Ich habe keine Ahnung, wie das große politische Bild aussieht. Ich hänge sehr an diesem Land und der Freiheit, den Grundrechten und Werten für die es steht. Sehr. Ich denke, dass sich vieles fundamental ändern wird und die Folgen abzuschätzen wage ich nicht. Das übersteigt meinen Kosmos.

Als ich vor zwei Wochen zu Hause saß und von Status zu Status hüpfte, weil ich doch verstehen wollte, was da passiert, einordnen, greifen, wenigstens ein bisschen, habe ich diese Sätze gelesen:„Ich will tun, was ich tun kann. Mein Bestes will ich geben. Wissend, es ist nicht genug. Wissend es ist gut.“
Worte, die ich mir ausgedruckt habe, weil sie so wahr sind, mich an früher erinnern und mir fürs heute helfen. Für egal, was gerade ansteht. Auf der großen Arena der Weltpolitik oder im kleinen Nukleus des eigenen Lebens.
#throwback, was für ein schöner Hashtag eigentlich: Zurückgeworfen auf das, was ich in meiner kleinen Welt des eigenen Ichs erlebt und wieder vergessen hatte, was ich gerade fühle, denke und als richtig erachte. Gute Sache für mich. Nicht nur Donnerstags.

4 Kommentare

  1. ein großartiger text, der so viel von dem tumult sagt, in dem sich mein denken, fühlen und tun dieser tage befinden. tun, so gut wie möglich – das ist wenig, aber immerhin etwas. und immerfort versuchen, ob nicht doch noch mehr möglich ist und das tun wiederum daran orientieren.

  2. Anne sagt

    ja, ein wirklich ehrlicher und großartiger text. und wenn es allen so gehen wirde mit dem tumult, dann wären wir schon einen schritt weiter. aber ich habe hoffnung, trotz dicht gemachter grenzen.

  3. anja sagt

    danke. Für diese Worte, für diese Gedanken, Emotionen und die Sichtweise ….

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