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Die Vorteile eines durchlässigen Gewebes

053 (2)Es gibt Tage, da denke ich, es wäre gut, weniger durchlässig zu sein. Aber die Momente sind kurz. Weil ich insgeheim weiß, wie viel ich auch verpassen würde, wie viel Welt einfach so und ungesehen an mir vorbeiziehen, an mir abperlen würde. 

Rechts neben meiner Wohnung, leicht um die Ecke, steht ein Altersheim. Auf diese anonyme Städter-Art beäugt man sich gegenseitig mit dem nötigen Abstand und kennt sich doch. Seit diesem Sommer ist dort schräg gegenüber ein älterer Herr eingezogen. Ich habe ihn ins Herz geschlossen. Ich weiß nichts, rein gar nichts von ihm. Geschweige denn kenne ich seinen Namen. Aber ich sehe ihn, wie er jeden Morgen wieder sehr akribisch und gewissenhaft sein Fenstersims reinigt und es von Blättern oder Vogelmist befreit. Sehr sorgfältig wischt er mit einem Taschentuch die Kante entlang. Immer die Schiebermütze auf dem Kopf und seine leuchtend rote Weste übergezogen. Auf ihn ist Verlass. Er rührt mich sehr. Gegrüßt haben wir uns noch nie. Es hat sich nicht ergeben. Aber in der Früh, wenn ich meine Wohnung verlasse und an seinem Fenster vorbeilaufe, halte ich nach ihm Ausschau, bin beruhigt und freue mich, wenn ich sehe, dass er noch da ist.

Ich muss das Lied schon einmal gehört haben, weil ich alle Alben von David Gray kenne. Aber an diesem Abend klingen diese Töne zum ersten Mal so richtig zu mir durch. Mir geht das manches Mal so mit Musik. Dass mir ein Stück ganz lange nichts sagt, sperrig ist und ich keinen Zugang finde und auf einmal öffnet sich dann etwas und ich kann nicht verstehen, dass ich das vorher nicht gehört habe. Forgetting ist meine neuste, kleine, ganz sanfte und stille Offenbarung, die seitdem auf Repeat läuft. Nie hat einer die Aufs und Abs, die Hochs und Tiefs, das ewige Hin und Her und dass auch das eines Tages vorbei geht, vergessen ist, es immer wieder weitergeht, schöner besungen. Dieser rhythmischen Gleichklang. Er steckt in jedem einzelnen Anschlag der Tasten und seiner unaufgeregten, ruhigen Stimme.
Es ist niemals nur einfach ein Lied.

Das alles und noch viel mehr Welt darf gerne durchdringen. Lass sie ruhig kommen.

2 Kommentare

  1. Eva sagt

    Ja, die Durchlässigkeit, Fluch und Segen…danke für die schönen Worte, die Du immer wieder findest. Die dringen zu mir vor und berühren mich. Und auch wenn es manchmal wehtut, ist die Durchlässigkeit die, die uns immer wieder in ein Meer der Gefühle schmeißt. Manchmal vergißt man im ersten Moment, dass man ja schwimmen kann. Meist erinnert man sich aber schnell wieder daran…

  2. sarah sagt

    das leben rührt so sehr, manchmal.
    neulich saß ich im bus, als mein blick an einem anderen fahrgast stockte. mein herz muss ausgesetzt haben, mein kopf auch. da saß eine alte dame, die so sehr meiner oma ähnlich sah. so unfassbar ähnlich. meiner oma, bei der ich die meiste zeit meiner kindheit verbracht habe, von der ich nicht nur meinen humor, sondern auch das familienrezept für hefekloß mit heidelbeeren und geschmolzener butter geerbt habe. meiner oma, die vor 4 jahren verstorben ist.
    ich saß im bus und wurde von meinen gefühlen überannt. es rannten die tränen über mein gesicht, ohne halten. und die „Oma“ blickte mich an, lächelte und verstand. da bin ich mir sicher.

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