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Erst kreist es. Dann landet es in der Gosse. Aber immerhin gibt es Kuchen.

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081Manchmal kreisen meine Gedanken. Wobei kreisen es eigentlich nicht treffend beschreibt. Denn sie kreisen nicht, sondern drehen sich erst, dann stürzen sie sich, und mich gleich mit, zielsicher in den Abgrund. Die Sache ist höchst irrational, das weiß ich selbst, aber es gibt Situationen, die eine Gedankenkette auslösen, die dann kein Halten mehr kennt. Eine Präsentation vor Kunden ist nicht gelaufen wie geplant, ich habe vergessen irgendwelche Budgetzahlen zu liefern, die zündende Idee lässt auf sich warten, eine Verhandlung endete nicht optimal. Dinge, die eben so passieren im Leben. In dummen Momenten entwickelt sich daraus eine vollkommen schlüssig scheinende Abfolge von Gedanken, die da lauten, ich werde nie wieder einen Kunden überzeugen, ich werde überhaupt nie wieder etwas zustand bringen, ich werde meinen Job verlieren, ich werde die Miete nicht mehr zahlen können und zwei Sekunden später bin ich gedanklich schon in der Gosse gelandet.

Es gelingt mir glücklicherweise auch immer wieder das Gedankenkarussell zu verlassen. Meist in dem ich mich daran erinnere, dass ich zwar im Administrativen und sonstigen Gebieten sicherlich meine Schwächen habe und das Leben seltens rund und geplant verläuft, aber ich auch über eine große Stärke verfüge, die mich überall herausholen und retten wird: In Stressituationen bleibe ich ruhig und bewahre einen kühlen Kopf. Und ich kann improvisieren. Und wie ich das kann. Da habe ich meine Sternstunden. Für diese charakterliche Ausstattung bin ich wem auch immer dankbar. Aus jeder Lage und sei sie noch so misslich finde ich einen Ausweg. Ich kann es mir überall einrichten, irgendwie kann man immer alles drehen und das Beste draus machen. Das wappnet. Mir macht das eine diebische Freude. Manchmal sogar mehr als wenn der perfekte Plan einfach nur aufgeht. Das ist vorhersehbar. Aber das Gefühl dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu haben ist großartig. Als könnte einem keiner etwas anhaben.

Dieser Kuchen war perfekt geplant. Mandelteig, in den Schokoladenstückchen und Birnenspalten untergehoben waren, backt zufrieden im Ofen vor sich hin. Dachte ich. Bis es verbrannt roch. Und beim Herausholen aus dem Ofen der schön aufgegangene Teigberg in sich zusammenfiel.
Und los geht es: Ich werde nie wieder einen Kuchen backen können, alle werden merken, dass ich eigentlich überhaupt gar nichts richtig kann, ich werde alles verlieren und so weiter und so fort und ich spule ein wenig vor, weil es ermüdet: Auf der Straße enden.

Ich habe die Gedanken dann eingefangen und bemerkt: Man kann den Kuchen auch einfach umdrehen, dann sieht keiner, dass er jemals in sich zusammengefallen ist und vorher einfach das Verkohlte abkratzen. Dann kann man ihn mit Schokoladenganache bestreichen, die ursprünglich nicht im Rezept vorgesehen war und  noch einen Schwung kandierte Mandeln draufwerfen, weil sie so lecker sind, weil bald Oktoberfest ist oder einfach, weil wenn man schon das Beste aus allem macht, man auch gleich noch eine Schippe drauflegen kann. An dieser Stelle ist wirklich kein Platz für Understatement.
Dann kann man diesen Kuchen fotografieren und bei Instagram einstellen. Dann schreibt einer darunter, ich würde immer so fantastische Sachen machen und ich kann nicht anders als lachen über mich selbst, das alles und über dieses blitzende Internet. Denn in dem kann es passieren, dass man vergisst, dass Dinge selten so sind, wie sie nach außen scheinen und dass das Netz nicht das Leben abbildet, sondern lediglich sorgfältig gewählte Ausschnitte zeigt, und dann könnte man meinen, dass alle Menschen ein glitzerndes, fantastisches, schillerndes und fabelhaftes Leben führen außer einem selbst und wenn man nicht aufpasst, hat sich schon gleich ein ganz anderes Gedankenkarussell in Gang gesetzt.
Das will keiner.
Dann lieber Kuchen.

072Improvisierter Birnen-Schokoladen-Kardamom-Kuchen
[hier gesehen und zuerst rein aus Prinzip und dann gezwungenermaßen leicht abgewandelt]

Für den Teig

  • 50 Gramm Mehl
  • 315 Gramm gemahlene Mandeln
  • 5 Eier
  • 315 Gramm Vollrohrzucker
  • 315 Gramm Butter
  • 75 Gramm Kakaonibs
  • 2 Birnen
  • 1 Vanilleschote
  • 1/2 Päckchen Backpulver
  • 1 oder 2 Prisen Salz
  • 2 Teelöffel Kardamom

Für die Schokoladenganache

  • 200 Gramm Sahne
  • 280 Gramm dunkle Schokolade / 75 %
  • kandierte Mandeln

038093Den Ofen auf 180 Grad vorheizen. Eine Springform buttern. Die Butter und den Zucker schaumig schlagen. Die Eier unterrühren und dann die gemahlenen Mandeln dazugeben, das Mehl, Kardamon, die Vanille und das Salz.
Die Hälfte davon in die Form geben. Die Birnen in Würfel schneiden und die Hälfte davon auf dem Teig verteilen. Mit der Hälfte der Kakaostückchen bestreuen. Den restlichen Teig enfüllen und in den Backofen geben. Nach 20 Minuten die restlichen Birnenwürfel und Kakaostücke in den Teig drücken und nochmals für ungefähr 40 (laut Rezept, aber da es bei mir angebrannt ist, vielleicht besser nur 35 Minuten) in den Ofen.
Gleich so servieren. Oder abkühlen lassen. Die Sahne aufkochen. Die Schokolade einrühren, ein paar Minuten andicken lassen und dann den Kuchen damit bestreichen. Kandidierte Mandeln draufstreuen.

Und dann: Nicht so viel denken. Lieber Kuchen essen. 

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5 Kommentare

  1. daumen hoch für kuchen! immer!
    und oh, diese gedanken sind mir nur allzu bekannt. „ich werde nie nie wieder eine idee haben….. ich habe noch nie nicht irgendwann mal irgendwas ansatzweise gutes gemacht.“ irgendwann lach ich drüber und fertig, aber mein kuchen würde dann trotzdem nicht so schick aussehen, hahahaha…..

  2. barbaea sagt

    Liebe Stepanini, es beruhigt mich sehr, dass wir alle so herrlich unperfekt sind…

  3. Hille sagt

    Liebe Stepanini,
    danke für deine Gedanken – sie sprechen mich sehr an und für das Rezept, nein für beide Rezepte …
    liebe Grüße von Hille

  4. Anne sagt

    Danke für diesen wunderbaren Text! ES ist beruhigend zu wissen, dass es mehr von meiner Art da draussen gibt- die ewigen Selbstzweifler, diei, die sich genau wie ich in Gedankenspiralen nach unten verlieren können und irgendwie ja dennoch alles hinbekommen.
    Schön, dass Du das so wundervoll an diesem leckeren Kuchen dargestellt hast 🙂
    (und ha – ich dachte bei Instagram auch „oh man, die Frau kann aber auch alles!“ hihi)

  5. Georgia sagt

    The cake of Life! …maybe with a good cup of tea.

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