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anders hören oder die Lauschstrategie

In dem Buch von Dan Harris gab es eine schöne Stelle, die wenig mit dem ganzen Inhalt zu tun hat, aber mich dennoch beschäftigt hat. Er berichtet davon, wie er den Psychotherapeuthen und Philosophen Sam Harris kennenlernte und der sagte, dass er sich freut ihn kennenzulernen. Und er hatte das Gefühl, dass er das auch wirklich so meinte.

Im Zuhören liegt eine sehr große Magie. Man spürt, ob jemand interessiert ist, ob er es wirklich wissen will oder ob es allein die Höflichkeit ist, die fragen lässt.

Ich lese viel und gerne. Und ich höre gerne zu. Ich bin einmal über den Begriff des dialogischen Denkens gestolpert. Ich glaube Susan Sonntag hat ihn verwendet und fand es einen schönen Ausdruck dafür, dass sich manche Gedanken nur im Dialog weiterentwickeln lassen. Einmal ausgesprochen, treffen sie auf andere Ansichten und entwickeln sich so weiter.

Wenn ich Hörbücher höre, halte ich ein wenig einen gedanklichen Dialog. Im Lesen bin ich mit meinen Gedanken und denen des Autors alleine in meinem Kopf. Durch das Hören kommt eine Dimension von außen dazu und ich nehme Bücher anders wahr. Es hat etwas von einem Dialog, weil mir der andere etwas erzählt. Vielleicht ist es auch der Rückfall in die Kindheit, weil die Tatsache, dass einer einem etwas vorliest hat immer auch etwas Zärtliches, selbst wenn die Stimme vom Band kommt. Einer leiht seine Stimme und im Kopf formt sie sich zu einer eigene Geschichte.

Ich habe festgestellt, dass ich Bücher anders wahrnehme, wenn ich sie selbst lese oder wenn ich sie mir anhöre. Was es genau es ist, das den Unterschied macht, kann ich nicht genau sagen. Ob es andere Nuancen sind oder Akzente, die derjenige setzt, der es vorträgt, weil im Erzählen auch immer das eigene Erleben mitschwingt oder ob jeder Sinneskanal ein anderes Erleben mit sich bringt – ich weiß es nicht.

Beim Aufräumen oder Auto fahren höre ich Hörbücher. Ich fahre viel Auto. Ich räume eher selten auf.

Zwei meiner liebsten Hörbücher sind von Max Frisch. Das ist nur konsequent. „Nicht weise werden, sondern zornig bleiben“ heißt das eine und versammelt seine Reden und einige Interviews. „Man möchte gehört werden, besonders als Schriftsteller“ hat er passenderweise dort gesagt. Dies und „Max Frisch spricht“, in dem er über seine Arbeit und das Altern sinniert, haben ihn mir nochmals näher gebracht. Seine Worte zu lesen und ihm zuzuhören, wie er in den Reden innehält, ringt mich sich und auf der Suche nach Worten, wie die ganze Ernsthaftigkeit seines Suchens in dieser Stimme liegt, das berührt mich immer wieder.

Schon oft gehört habe ich Sommerlügen. Nicht nur wegen Bernhard Schlink und weil es zärtliche und traurige, schöne Geschichten sind, sondern weil ich die Stimme des Sprechers Hans Korte so sehr mag. Sie ist tief, getragen und ruhig. Sie ist beruhigend.

Meine neuste Entdeckung ist von David Foster Wallace das Buch „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache“. Ich weiß nicht, ob ich das Buch über Depression lesend so wahrgenommen hätte, wie in der gesprochenen Form. Lars Eidinger liest vor und ich entdecke neue Seiten und höre anders hin und möchte gar nicht mehr aufhören.

Hinhören, zuhören und hoffen, dass es nicht aufhört.

2 Kommentare

  1. Herr R. sagt

    Eigentlich kenne ich nur Menschen, die Hörbücher lieben. Ich schaffe das nicht. Meine Hörbuch-Erfahrungen haben immer in vorzeitigem Schlaf gemündet. Schneller, als es die Wundermittel der pharmazeutischen Industrie jemals hinkriegen würden. Das passiert mir bei meinem geliebten Radio nicht. Aber Hörbücher zwingen meine Lider auf sanfteste Weise in die Knie, lange bevor es zu einem Dialog kommen könnte. Vielleicht habe ich bisher nur die falschen gehört. Oder zum falschen Zeitpunkt. Aber ich habe wenig Hoffnung auf Besserung. Und wenig Antrieb es zu ändern.

    Weiterhin gutes, tiefes Eintauchen und intensive Gespräche! Ich schwimme lieber in anderen Gewässern ;o)

  2. Anonymous sagt

    Bisher habe ich keinen Zugang zu Hörbüchern gefunden, dafür mag ich die echten Bücher zu gerne. Da ich aber wegen der Arbeit auch viel autofahre hatte ich schon länger überlegt es nochmal zu versuchen und da ich die von Dir vorgestellten Autoren alle sehr mag und schätze werde ich es jetzt bestimmt ausprobieren. Dein Artikel macht mich neugierig: auf die andere Wahrnehmung und auch auf einen Rückfall in die Kindheit ( da habe ich Hörspiele so gemocht).
    Liebe Grüße von C.

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