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Vom Glück der Realitätsflucht zur Erkenntnissucht

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Warum lesen wir? Um in Gedanken auszubrechen, um uns zu zerstreuen, zu unterhalten, zu amüsieren, um dem Alltag zu entfliehen. Bücher eröffnen eine andere Welt. Sie lenken ab, lassen einen alles außen herum vergessen, den ewig und immer gleichen Trott, die kleinen und großen Ängsten und Sorgen. Mit ihnen lassen wir die Anspannung im Büro hinter uns, das Gefühl es nicht mehr zu schaffen, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. All das bleibt draußen. Abends und am Wochenende ein paar Stunden an etwas anderes denken. Das alles kann ein Buch. So funktioniert lesen. 

Das gelingt nicht bei „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau. Zur Realitätsflucht ist es weniger geeignet. Zur Erkenntnissucht eher. Es geht um Versagen, um den Verlust des Jobs, darum was es mit einem macht, wenn auf einmal nicht mehr alles läuft wie geplant, was sich tut in einer Beziehung, wenn man sehr genau zählen muss am Monatsende oder schon am Anfang. Und sich dieser neuen Realität immer wieder verweigert, weil ein neues Kleid doch mal drin sein müsste, weil es ein Versprechen ist oder manchmal ein Erinnern an alte Zeiten oder einfach nur ein nicht wahr haben wollen. Wie man sich an den Gedanken nicht gewöhnen kann oder will, dass die Wohnung eine Nummer zu groß ist, dass man nicht mehr mithalten kann, wie lange das Kaschieren noch geht und welche Einschnitte nicht ganz so weh tun. Ob die Marmelade wirklich aus dem Biomarkt wirklich sein muss. Es gibt doch auch günstigere. Merkt keiner.

Es ist eine Welt, die auch die eigene sein könnte, jederzeit sein kann und das Wissen darum ist präsent und das lässt sich natürlich beiseiteschieben oder ausblenden. Man kann aber auch die Taktik wählen, das alles lesend an sich heranzulassen. Es sind ja andere, denen das passiert.

Man kann aus einem Buch als ein anderer herauskommen als man hereingegangen ist. „Literatur lesen wir, um die Welt, in der wir leben, um uns selbst zu erkennen“, hat Peter Stamm einmal gesagt. Und genau deshalb lohnt es sich von dem zu lesen, was wir selbst erleben und erleben könnten. In einem Interview mit Magarete Mitscherlich hat sie einmal ihre Lebenserfahrung mit den Worten resümiert:“ Ich finde, zum kultivierten Leben gehört vor allem Selbsterkenntnis. Viele Menschen ahnen nicht, wie viel Kraft Verdrängen kostet und wie depressiv, abwehrend, bösartig und steril es einen macht.“
Depressiv, abwehrend, bösartig und steril wäre das exakte Gegenteil von glücklich. Gut, dass es ein Buch gibt, das keine Kraft kostet und gegen das Verdrängen arbeitet. Die Glücklichen. Wir Glücklichen, die Leser.

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  1. Komme gerade vom Urlaub, wo ich jeden Tag mindestens ein Buch gelesen habe – keine Weltliteratur, aber durchaus auch anspruchsvolle Lektüre zwischendurch. Ich habe es sehr genossen, mit den unterschiedlichsten Protagonisten in eine andere (Gefühls-) Welt abzutauchen. Du spannst in Deinem Text einen schönen Bogen von der Flucht zur Erkenntnis, dem ich viel abgewinnen kann, und ich bin sehr gespannt auf das erwähnte Buch, werde es mir bald besorgen.

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