lesen
Kommentare 2

schutzlos ausgeliefert

Das Bild auf dem Umschlag ist von Peter Hujar. Es heißt „orgasmic man“ und zeigt genau das: Einen Mann während des Orgasmus. Der Fotograf hat die wenigen Sekunden, in denen ein Mann sein eigenes Bild nicht unter Kontrolle hat, in denen er in keine Posen verfallen, sondern völlig schutzlos und verletzlich ist, festgehalten.

Es gäbe keinen passenderen Einband für das Buch Ein wenig Leben.
Ein Buch, das von vier Männern handelt, die sich am College kennenlernen und das von ihrer lebenslangen Freundschaft erzählt. Davon, wie das Gefühl als Kind nicht gewollt zu sein, einen bis ins Erwachsenenleben verfolgt und gegen alle Fassaden, die man aufbaut und äußerlichen Schutzräume, die man schafft immer wieder an die Oberfläche schwappt.

Es gibt ein Gedicht von Yrsa Daley-Ward, an das ich beim Lesen manchmal denken musste. „Loving someone who hates himself is a special kind of violence. A fight inside the bones. A war within the blood.“ Es ist ein Buch, das in einem kämpft.

Ein wenig Leben handelt von einem, der sich selbst zerstört, der Glück nicht zulässt, weil es nicht sein darf. Dem es schwer fällt sich auf andere Menschen einzulassen, der Verletzlichkeit meidet, weil ihm zu oft zu weh getan wurde, und sich durch das Aufrechterhalten müssen seiner Unangreifbarkeit immer wieder selbst verletzt. Es nagt leise an den kleinen Stellen, an denen man mit sich selbst ungnädig ist. Es tut weh.

Es geht oft und sehr explizit um körperliche Schmerzen, um Selbstzerstümmelung und während es mir beim Lesen manchmal übel wurde, ist diese Ahnung, dass die äußerlichen Leiden nichts gegen die inneren sind, noch schmerzhafter. Es zieht die Haut ab, die Schutzschicht, es geht tief und berührt Stellen, die man selbst nicht gerne ausleuchtet. Man tritt mit dem Buch ein in das Reich der Selbsttäuschung. Ich war oft erschöpft vom Lesen, vom Mitleiden und wie eine frische Wunde noch lange Zeit empfindlich ist und geschützt sein will vor äußeren Einflüssen, war ich danach nicht immer bereit für die Welt draußen. Ich habe meist erst am Abend darin gelesen, wenn ich die Nacht hatte und den Schlaf, und somit ein wenig Abstand zum Alltag. Ich habe es im Bett gelesen, wohl eingepackt und abgefedert, schien es mir erträglicher mitzuerleben, wie einer dem Leben so roh, hilflos und schutzlos ausgeliefert ist und sich selbst nicht entkommen kann, so sehr er auch zu fliehen versucht.

Wenn eine Wunde sich schließt, ist die Haut kurze Zeit empfindlicher als sonst, aber auch empfänglicher. Da sind diese großen, glücklichen Momente im Buch. Die Schönheit menschlicher Begegnungen, die eine andere Tiefe kennen, wenn man auch in die Abgründe geblickt hat. Wie lohnend es ist sich einzulassen auf andere trotz allem was war. Denn so wie einen Menschen zutiefst verletzen, können sie einen auch sehr glücklich, ein wenig heil machen und sehr dankbar zurücklassen.

Genau wie dieses Buch.

2 Kommentare

  1. Ein wenig Leben…in der Buchhandlung schon so oft in den Händen gehalten…das nächste Mal nehme ich es auf jeden Fall mit. Danke für diese roh-berührende Rezension.

  2. ich hab es auch gelesen. Kaum ertragen, weil es so grausam war und mir so nahe ging. Ich bin ein bisschen ratlos, wenn es darum geht, ob ich dieses Buch weiter empfehlen würde, aber ich fand es wirklich auch sehr gut.

Kommentar verfassen