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Machen wir was. Besuch mich

Früher hingen wir rum. Oder ab. Ich weiß nicht mehr, was damals genau der Jugendjargon war. Wir trafen uns am Nachmittag. Was hätte man auch sonst machen sollen auf dem Land? Micha, Ami und David. Manches Mal kamen noch andere dazu. Meist aber waren wir  zu viert. Es wurde ausgemacht, wo wir uns trafen. Meist bei Micha. Wir saßen so rum und überlegten gemeinsam, was man wohl tun könnte. Wir wussten nichts so recht mit uns anzufangen, vielleicht weil man in dem Alter noch gar nicht weiß wo sein Platz in der Welt ist. Manchmal fuhren wir an den Fluß. Zum Bienenhaus. Abends ins Atomic. Skatepark. Wir hörten Musik, einer spielte Gitarre, wir starrten in die Luft, redeten. Es waren lange Nachmittage, die sich zogen. Es galt den Tag miteinander zu verbringen. Eine Woche hatte damals noch keiner verplant. Die Frage, was wir bis zum Abend machen, erschien schon groß genug. Der Prozess des Überlebens wo man hingehen könnte und des Entscheidens zog sich oftmals solange hin, dass es schon zu spät war überhaupt etwas …

was zurückbleibt

In der U-Bahn erzählt eine ältere Frau ihrer Bekannten, dass der Arzt zur Magenspiegelung geraten hat. Das hätte sie spannend gefunden. Das sei doch auch eine Gelegenheit. Biologie sei immer ihr Lieblingsfach gewesen und mal so ins eigene Innere sehen zu können und zugucken, was da drin so vor sich geht – wer könne das schon. Aber jetzt hätte sie erst einmal einen Zettel bekommen, was alles passieren könne. Das sei einiges! Das hörte gar nicht mehr auf. Sie sei jetzt zögerlich. Sie müsse zuerst einmal ein Testament machen und aufräumen. Aufräumen. Wie stark das Bedürfnis, etwas aus seinem Leben zu hinterlassen im Menschen doch verankert ist. Und wenn es nur eine saubere Wohnung ist.

Gradmesser

Die Geschichten anderer, meine eigene und kurz der Wunsch nach einer dickeren Haut, die mich abschirmt, so dass nicht alles so tief geht, eindringt und sich breit macht in mir. Aber dann wieder das Wissen, dass das nun mal der Kern von Mitfühlen ist, dass es weh tun muss, wenn es echt ist, dass nur totes Fleisch nichts mehr spürt, dass das die Nebenwirkungen von Lebendigkeit sind. Dass es mir Welten eröffnet, die anderen verschlossen bleiben. Dass das der Preis ist, den ich gerne in Kauf nehme. „Some people when they hear your story. contract. others upon hearing your story. expand. and this is how you know.“ Nayyirah Waheed

Darum

„Warum machst Du das?“ Ich weiß es nicht. Es macht mir Spaß. Weil es gut tut, Dinge nur um des Machens willens zu tun. Ohne zu fragen, was direkt dabei herauskommt, wie es verwertbar ist. Das macht man schon Montag bis Freitag. Weil es ein schönes Gefühl ist, eine Vorstellung im Kopf zu haben und sie dann in die Tat umzusetzen. Weil ich noch Tage danach erfüllt bin. Weil ich mich gerne verausgabe und verliere. Weil es schön und erfüllend ist, Schönes zu machen. Weil es nicht für alles einen Grund braucht.     MerkenMerken

Erkannt

„Sich selbst zu kennen heißt, selbst zu sein, heißt, Herr seiner selbst zu sein, sich von den anderen zu unterscheiden, aus dem Chaos auszuscheren, ein ordnendes Element zu sein, aber eins der eigenen Ordnung und der eignen einem Ideal verantwortlichen Disziplin. Und das kann niemand erreichen,  der nicht die anderen kennt, ihre Geschichte, die Folgen ihrer Mühen, diejenigen zu werden, die sie in der Tiefe sind (…) All das gilt es zu lernen, ohne das letzte Ziel aus den Augen zu verlieren, nämlich sich selbst durch die anderen besser zu erkennen und die anderen durch sich selbst.“ Antonio Gramsci. Gelesen in „Lebendigkeit: Eine erotische Ökologie“ von Andreas Weber

The answer is love

Arno Gruen beginnt eines seiner Bücher mit dem unglaublichen Satz: „Die menschliche Entwicklung bietet zwei Möglichkeiten, die der Liebe und die der Macht.“ Eigentlich müsste man nicht mehr weiterlesen. Alles Wesentliche bis zum Rest des Lebens ist gesagt. Ich habe die ganze Woche über ein Lied gehört. Entdeckt habe ich es bei Juli. Entstanden ist es, weil die Sängerin lange auf ein vier-jähriges Mädchen aufgepasst hat und sie sich irgendwann, als sie weniger Zeit füreinander hatten, anfingen sich Videobotschaften zu schicken. Während sie mitten im Songschreiben steckte und nicht weiterkam, kam eine Nachricht von ihr. Das kleine Mädchen sitzt am Tisch, isst Maultaschen, erzählt, dass sie heute ganz viel mit Playmobil gespielt hat und dann diese tollen Sätze zum Abschied: „Ich hab´Dich so lieb. Und ich tunk Dich so tief in meine Liebe, bis zum Boden und Du bleibst drin stecken. Und Du wirst Dich ganz gut fühlen.“ Und damit war das Lied da. Nicht nur die Worte. Die Unschuld, das so gar nicht Berechnende, das fehlende Machtkalkül, weil der Gedanke gleich einzukalkulieren, was es zurückbekommt, wenn es etwas gibt, noch ganz …

Nehmen Sie bitte Platz

„The place in which I will fit will not exist until I make it.“ Hat James Baldwin schon vor langem gesagt. Ich es erst vor kurzem entdeckt. Und es macht einen Unterschied. Nicht länger zu suchen, sondern selbst zu erschaffen.

Spielarten der Wortführung

„Wie war das Gespräch?“, frage ich. „Die haben da halt so ihren Brainfuck gemacht“,sagt sie. Ich weiß genau, was sie meint. Ich habe jetzt ein Wort, wo vorher eine Lücke war. In der Sprache, nicht im Gefühl. Wir begreifen etwas, wenn wir es benennen können. Brainfuck. Ich wüsste keine besseres Wort für die Art der Gespräche, die bei mir immer ein ungutes Gefühl hinterlassen. Die, denen die Seele fehlt. Die, in denen einer den anderen mit Argumenten zu übertrumpfen versucht. Die, in denen es nicht ums Verstehen, sondern ums Überzeugen geht. Der Schlagabtausch, in dem das Ziel das Niederringen ist, statt die reine Freude am Auseinandersetzen. In denen das eigene Positionieren im Vordergrund steht. Die übergriffige Art mit Worten Grenzen abzustecken, in fremdes Gebiet vorzudringen. Den anderen an die Wand reden. Ich merke dann, dass ich gar nicht Gesprächspartner bin, sondern nur eine Vorlage, an der der andere sich abarbeiten kann, seine Überlegenheit demonstrieren. Wie schade, weil es so weit weg ist von dem was ein Gespräch auch sein kann. So leer gegen das, was ein Spiel von Geben und Nehmen ist. …

Glück gehabt

„Wie schreibt man über das Glück? Was soll ich über das Glück schreiben, wenn es so einfach und so alltäglich ist, so still und durchsichtig wie: sie lag auf dem Sofa und ich sah sie fast nicht, weil ich mich so daran gewöhnt hatte, dass sie auf dem Sofa lag und sich ausruhte.“ aus: Wider die Natur von Tomas Espedal

Sag doch was ist

Sie ist gerade erst sieben geworden. Auf dem Weg zur Schulaufführung gibt sie ihrer Mutter die sehr präzise Anweisung: „Stell Dich weit nach vorne. Wenn ich Dich sehen kann, bin ich mutiger.“ Wann genau geht das verloren, frage ich mich. Dieses klare Aussprechen, was wir vom anderen gerade brauchen und wünschen. Kleine Babies schreien, weil sie müde sind oder hungrig oder alles zusammen. Sie wissen zwar nicht, was sie gerade brauchen, aber sie tun laut und eindeutig kund, dass es so wie es ist, gerade nicht gut ist. Und dann kommt ein Alter, in dem klar und nicht weniger lautstark gesagt wird, was man will: Ein Eis. Kuscheln. Noch nicht einschlafen. Irgendwann kommt beides abhanden. Das Wahrnehmen und Eingestehen, dass es so wie es ist, uns gerade nicht gut tut. Und auf den Punkt zu bringen und klar zu benennen, was der andere tun kann, um die Situation für uns zu verbessern. Stattdessen lugt mühsam und undurchsichtig versteckt hinter diffusen Erwartungen, harten Anschuldigungen oder auch mal dem Knallen von Türen etwas hervor, dass nicht artikuliert wird, auch wenn …

Sanfte Geste

Während ich beobachte, wie sie ihm immer wieder durch die Haare fährt, mit den Fingern den Nacken streicht, während doch in aller Sanftheit etwas Besitzergreifendes mitschwingt, denke ich an die in meinen Augen zärtlichste aller Gesten, die zugleich eine so zupackende ist. Im Bett zu liegen, der Andere zurrt die Bettdecke unter einem fest. Eingepackt wie eine Mumie in den Schlaf entlassen zu werden. Eine der schönsten, weichsten, zärtlichsten Handlungen. Fernab aller Beobachtungen.

Geduld, Geduld

Eines der Bücher, das ganz lange in Vergessenheit geraten ist, aber so lange Zeit präsent in meinem Leben und Denken war, dass es nur einen kleinen Anstoß braucht und alles ist wieder da: Das sind für mich die „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke. Eine Jugendliebe schenkte sie mir. Von der Liebe ist nichts mehr da, ein paar vage Erinnerungen vielleicht, ein verblichenes Foto, ein zurückgelassenes Skateboard und dieses schöne Buch. Rainer Maria Rilke schrieb damals an Franz Xaver Kappus, der nicht wusste, ob er sich gegen die Offizierslaufbahn oder für das Schriftstellerleben entscheiden sollte. Rilke antwortet ihm und was er über das Leben, die Liebe, Kunst, über die Notwendigkeit des Schaffens sagt, sagt mir heute noch so viel wie damals als ich fünfzehn war und zwar glaubt schon alles zu wissen, aber auch ahnte, dass das da mehr sein musste. Und vor einer Woche zitierte mir dann jemand diese Passage und es war alles wieder da. Es hat nichts an Aktualität verloren. Ich stehe wieder am Anfang. „… und ich möchte Sie, so …

alle Möglichkeiten

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aberwo ich bin will ich nicht bleiben, aberdie ich liebe, will ich nicht verlassen,aberdie ich kenne will ich nicht mehr sehen, aberwo ich lebe, da will ich nicht sterben, aberwo ich sterbe, da will ich nicht hin:Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Eines meiner liebsten Gedichte von Thomas Brasch aus dem Band „Was ich mir wünsche„.