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kleines Feuer

Das alles passt, ist selten. Manchmal ist die Melodie wunderschön, über den Text muss allerdings hinweggehört werden. Ein anderes Mal sind die Texte ganz wunderschön, aber die Töne so eintönig und nicht besonderes, dass ich mir die Zeilen nur herausschreibe.  Letzt ein Lied entdeckt, bei dem beides passt und das ich seitdem rauf unter runterhöre. „Small fire“ heißt es. Mick Flannery singt es. Es ist unglaublich schön. Also Bonus oben drauf, habe ich einen Konzertmitschnitt entdeckt, in dem er die Geschichte hinter dem Lied erzählt. Sein Großvater spielte als er klein war am Heuschober seiner Eltern mit Streichhölzern. Bis der Heuschober dann Feuer fing und niederbrannte. Aus Angst vor der drohenden Strafe versteckte er sich unter dem Bett. Seine Mutter suchte ihn über zwei Stunden und als sie ihn endlich fand, sagte er: „I lit the small fire, I don´t know who lit the big one.“ Hat gar nicht so viel mit dem restlichen Lied zu tun, ist aber eine der schönsten Zeile darüber, wie aus Kleinem etwas Großes wird zuweilen. Kleine Gedanken, die zum Flächenbrand werden. Kleine Gesten, die einen …

nicht dafür: Ursprünglich menschlich

Im Norden entgegnen mir Menschen oft mit „Nicht dafür“, wenn ich mich bedanke für ihre Unterstützung oder Hilfe. „Doch dafür“, will ich dann immer reflexartig antworten, weil ich es nicht als selbstverständlich erachte, dass jemand einen Umweg macht für mich, länger bleibt, etwas für micht tut, mich unterstützt. „Gerne“, sage ich immer selbst, wenn sich jemand bei mir bedankt. Weil ich es auch so meine. Es ist schon ein wenig her, da hat sich jemand bei mir bedankt. Für meine Menschlichkeit. „Nicht dafür“, habe ich gesagt, statt „gerne“. Auf dem Weg nach Hause ist mir aufgefallen, dass in diesem schönen Wort Menschlichkeit doch eigentlich schon die ganze Antwort steckt. Alle Handlungsanweisungen werden gleich mitgeliefert. Es bleiben keine Fragen offen. Menschlichkeit: Ein Wort, das sagt, worum es geht. Menschlich sein. Wenn wir nach der deutschen Sprache gehen, scheinen wir dafür vorgesehen zu sein, das ist sie, das müsste sie sein, unsere Natur, das Ursprünglichste, das natürlichste der Welt. Nicht dafür. Dafür: Es gibt übrigens ein sehr schönes Filmprojekt von Arthus-Betrand über das Mensch sein, das auf den Filmfestspielen in Venedig …

ganz schön groß geworden: Ich werde heute 4.

Am 31. Oktober vor vier Jahren habe ich gedacht: „Genug mit immer nur planen und träumen. Ist mir doch egal, ich mache das jetzt einfach“. Und die „veröffentlichen“-Taste gedrückt. Seitdem ist viel passiert. Danke. Dafür, dass Ihr lest. Dafür, dass ihr vorbeischaut. Dafür, dass Ihr mir schreibt. Dafür, dass Ihr kommentiert. Dafür, dass ich so viel zurückbekomme. Danke. Das ist ganz schön viel Danke. Ist mir egal. Ich sage das jetzt einfach nochmal: Danke. 4 ist übrigens ein sehr schönes Alter weiß der Erziehungsratgeber: „Im 4. Lebensjahr wird das Kind immer eigenständiger und entwickelt sich sprachlich weiter. Es wird beginnen, seine Umwelt intensiv zu entdecken und soziale Kontakte zu knüpfen. Es beginnt die Phase der „Warum-Fragen“. Es ist nun mehr an den Zusammenhängen der Welt interessiert und verfügt über einen ausreichenden Wortschatz, seine Fragen zu artikulieren.“ In diesem Sinne: Es verspricht spannend zu werden und ch freue mich auf alles, was da kommt. MerkenMerken

Das pappt ganz schön fest

„Jeder bekommt seine KIndheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch die Kostüme wechseln wie er will.“ Gelesen bei Heimito von Doderer, den ich wiederentdeckt habe.

kulturell engagiert

Ich mag diesen Passus aus einer Rede von Roger Willemsen am Dresdner Staatsschauspiel sehr. Er redet über Engagement und Kultur. Zwei, die eng miteinander zusammenhängen und zwei, die oftmals in einem zu engen Deutungsrahmen festgehalten werden. Seine Sicht der Dinge erweitert sie. Sie nimmt Engagement aus dem reinen Geld geben und aktiv sein heraus, ergänzt sie um das, was davor nötig ist. Eine Haltung im Leben, ein beteiligt sein, ein Interesse zeigen, ein involviert sein, ein leben, statt gelebt zu werden. Und es gibt der Kultur den schönsten Platz, den für alle zugänglich, entreißt ihn der Kultiviertheit und des überlegen seins, sondern platziert ihn mittenrein in jeden Menschen. Großherzigkeit nicht nur im Tun, sondern auch im Denken – was für eine schöne Definition von Kultur und Engagement. Ein schöner Gedanke, ein Sonntagsgedanke. Sonntag, die Tage an denen gemeinhin das kulturelle Engagement seinen Höhepunkt der Woche erreicht im Museumsbesuch. Sonntage, an denen sich wunderbar über das große Ganze nachdenken und endlich engagiert das Kleiderbügelprojekt angehen lässt. „Das ist die Großherzigkeit von Leserinnen und Lesern, von Menschen, die in Museen gehen, von Menschen, …

aufgelistet: Monochrome Grünstimmung meets kind of blue

Grünen Tee in Litern getrunken, weil die Tage lang und die Nächte kurz sind gerade. Gerabeitet, nicht hintergekommen, noch mehr gearbeitet, aber immer das Gefühl, das alles gar nicht einholen zu können, kurz davor zu sein, überrollt zu werden. Ein wenig Miles Davis zugehört. Neben Keith Jarrett ist er mein verlässlicher Ruhigmacher, ein nicht verschreibungspflichtiger Tranquilizer. Ich glaube, es ist das Trompeten. Das kann ich nicht, aber ich weiß, dass man dafür ruhig und kräftig atmen muss und das schadet in übervollen Zeiten auch nicht. Überträgt sich irgendwie. Musikalische Atemtherapie. Außerdem liefert kind of blue genau die richtigen Töne für die Nachtstunden, wenn ich das Gefühl habe ganz alleine auf dieser Welt zu sein. Der Rest schläft nämlich. Nur ich und ich arbeiten dann so vor sich hin und sinnieren zwischendrin über den schönen Satz, den Miles David mal gesagt hat: „Sometimes you have to play a long time to be able to play like yourself.” Noch ein Punkt, der abzuarbeiten wäre. Aber ein guter. Alles eine Frage der Zeit. Was sonst noch überhaupt nicht einfarbig, sondern neue Farbnuancen ins Leben …

Die Vorteile eines durchlässigen Gewebes

Es gibt Tage, da denke ich, es wäre gut, weniger durchlässig zu sein. Aber die Momente sind kurz. Weil ich insgeheim weiß, wie viel ich auch verpassen würde, wie viel Welt einfach so und ungesehen an mir vorbeiziehen, an mir abperlen würde.  Rechts neben meiner Wohnung, leicht um die Ecke, steht ein Altersheim. Auf diese anonyme Städter-Art beäugt man sich gegenseitig mit dem nötigen Abstand und kennt sich doch. Seit diesem Sommer ist dort schräg gegenüber ein älterer Herr eingezogen. Ich habe ihn ins Herz geschlossen. Ich weiß nichts, rein gar nichts von ihm. Geschweige denn kenne ich seinen Namen. Aber ich sehe ihn, wie er jeden Morgen wieder sehr akribisch und gewissenhaft sein Fenstersims reinigt und es von Blättern oder Vogelmist befreit. Sehr sorgfältig wischt er mit einem Taschentuch die Kante entlang. Immer die Schiebermütze auf dem Kopf und seine leuchtend rote Weste übergezogen. Auf ihn ist Verlass. Er rührt mich sehr. Gegrüßt haben wir uns noch nie. Es hat sich nicht ergeben. Aber in der Früh, wenn ich meine Wohnung verlasse und an seinem Fenster vorbeilaufe, halte …

#throwbacktowhatever

Bei Instagram gibt es den Hashtag #throwbackthursday. Er findet Verwendung, wenn donnerstags alte Kinder- oder Jugendbilder gepostet werden und sorgt für Amüsement, weil es immer wieder herrlich zu sehen ist, mit welchem Frisuren oder Kleidungsstücken man mal so stolz durch die Welt maschierte. Es ist ein Blick zurück, der das heute besser verstehen lässt. Heute ist Sonntag. Das ist ein altes Bild von mir. Ein sehr altes und gleichzeitig sehr aktuelles. Sozialen Medien wie Instagram oder Blogs wird oft vorgeworfen, dass sie selbstreferentiell seien. Sie bewegen sich nur im eigenen Kosmos, berichten nur aus ihrere Perspektive, drehen sich um sich selbst und beherzigen dabei nicht das große Weltgeschehen. Der Konstruktivist in mir hat diesen Vorwurf noch nie verstanden, weil ich daran glaube, dass jeder die Welt sowieso nur aus seiner eigenen begrenzten Warte heraus sehen und verstehen kann. Das Bild ist im südlichen Afrika entstanden. Zu behaupten, ich wäre völlig naiv auf diesen Kontinent gereist, ist noch untertrieben. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht hatte. Ich wollte einfach raus aus der Enge der Kleinstadt und in die große, weite Welt. …

sprachlich 100%ig korrekt

Über die Woche nachgedacht. Über all das, was passiert ist, mit was ich beschenkt wurde, wem ich begegnen konnte, was ich erleben durfte, was mich an meine Grenzen gebracht hat und darüber hinaus. Zwei Sätze sind mir eingefallen, die mir zwischen all den wohlüberlegten und gewählten Worten in den letzten fünf Tagen rausgerutscht, entwischt sind. Der eine fiel am Anfang: „Ich bin leer geredet“. Der andere am Ende der Woche: „Du bist so weichherzigst“. Daraufhin festgestellt, dass die nicht korrekte Verwendung der Sprache manchmal die einzig richtige ist.

Lebensspur

„Ich spüre real, dass ich lebe. Ich werde nicht mehr aufgezehrt. Oder zumindest existiert hier ein Teil von mir, der nicht aufgezehrt wird. Und genau das verschafft mir dieses sinnliche Gefühl, zu leben. Ein Leben ohne dieses sinnliche Gefühl mag ewig dauern, doch es ist ohne Bedeutung. Das weiß ich jetzt.“ aus: Schlaf von Haruki Murakami

Liebestod. Der schöne.

Er hat es wohl gar nicht gesagt. Der Herr Bukoswski. Gut, ist es trotzdem. Und es würde zu ihm passen. „My dear, find what you love and let it kill you. Let it drain you of your all. Let it cling onto your back and weigh you down into eventual nothingness. Let it kill you and let it devour your remains. For all things will kill you, both slowly and fastly, but it’s much better to be killed by a lover.“

Es ist nicht nur die Sehkraft, die nachlässt

„Leider ist es so, dass wir mit zunehmendem Alter […] eine gewisse Sensibilität einbüßen. Unserer Rezeptoren stumpfen ab. Deshalb ist das Alter so unerträglich, weil man sich plötzlich daran erinnert, wie es war […] ein Herz zu haben, ein Herz, das einen zu großen, unbesonnenen Taten befähigte, dazu, sich für etwas zu begeistern und sich als Teil des Lebens auf diesem Planeten zu fühlen.“ aus: Eine schöne junge Frau von Tommy Wieringa

tief gehen, immer tiefer. Hoch steigen, immer höher.

„Wenn es einen Weg zum Besseren geben soll, erfordert das einen umfangreichen Blick auf das Schlimmste.“ Hat Irvin David Yalom, der Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Autor gesagt. Darüber lässt sich sinnieren. Darüber lässt sich den Wolken am Himmel beim Treiben zusehen oder ins eigene Innere schauen. Darüber lässt sich ganz ruhig sein oder darüber dieses Lied hören. Ein Sonntagsmittaglied. Ein so ruhiges, unaufgeregtes mit der wichtigsten Zeile für jeden Tag: „Do not disturb me, let me be.“