Mutterreisen und Rollentausch

Max Frisch, natürlich Max Frisch, hat etwas wunderbar Wahres gesagt über das Kennen des anderen und das Ende der Liebe.

„Unsere Meinung, dass wir das andere kennen ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: Weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns.“

Gilt für die romantische Liebe. Die zu den Eltern ist da außen vorgenommen. Weil egal was passiert, man bleibt ja immer das Kind seiner Eltern.
Diese eine Sicherheit, die jeder Mensch doch braucht, egal wie alt. Ein letzter Rückzugsort, von dem es gut ist, um ihn zu wissen und ihn zu kennen, auch wenn man nicht in die Situation kommen möchte, ihn nutzen zu müssen.
Und da wären wir doch wieder bei Frisch, weil wen, wenn nicht seine Mutter, glaubt man zu kennen. Die Rollen wurde zwar vor langer Zeit schon neu gemischt, schließlich macht ja jeder jetzt sein Ding und lebt sein Leben und auch die Überlegenheit hat die Seiten gewechselt, weil Technologiekentniesse sich zuweilen wenig für gelebete Lebensjahre interessieren, was aber alles nicht daran hindert, wieder in alte Muster zu verfallen. In der längst vergangen Zeit des Zusammenlebens wurde festgelegt, wer auf die Unordnung hinweist, wer fragt, ob die Jacke nicht ein wenig dünn ist und ob man auch genug gegessen habe.

Es gibt kaum einen Menschen, der mich mit ein paar Fragen so schnell und leicht zur Weißglut treiben kann und an den ich doch gleichzeitig auch immer wieder denke, wenn es zuviel ist, um mich herum, weil – egal wie alt –  es tut doch immer gut, bemuttert zu werden und das kann eben auch nur eine so richtig gut.

Das gilt immer noch, aber es hat sich auch ganz leise gedreht. Kaum merklich. Die besorgten Fragen. Jetzt bin ich es, der sie stellt. Noch grundlos.
Was sind das für Tabletten, die du da nimmst? Du gehst schon wieder auf eine Beerdigung?

Es ist ein neues Gebiet, das man betritt, wenn man die eingespielten Rollen verlässt. Und das fällt leichter in einem Terrain, das für alle beide neu ist. Bei den kurzen Besuchen in der jeweiligen Welt des anderen gelingt das nicht. Da dauert es meist zwei Tage bis der Status Gast abhanden gekommen ist und dann fällt jeder wieder in alte Muster. Wie soll auch Neues entstehen auf alten Bahnen? Es gibt Hinweise zum korrekten Einräumen der Spülmaschine und viel Alltägliches und ein leichtes Genervtsein meinerseits, weil noch ein Handy zu erklären und wieder ein Computer anzuschließen ist.

Deshalb war der Plan: Neues Gebiet für beide. Irland in unserem Fall. Fünf Tage mit dem Mietwagen quer durch das Land. Umgeben von grünem Grün.
Und es war ein hervorragender Plan.

„Aber das ist doch keine Straße“ und „Glaubst Du wirklich, dass wir hier richtig sind?“ bilden die beste Grundlage, um sich in den neuen Rollen einzufinden. Beide zurückgestellt auf Null. Weil keiner oder mal der eine, dann der andere weiß, wo es langgeht, das richtige Straßenschild zuerst gesehen hat oder besser erahnen kann, was das gällische Wort da bedeuten könnte. Und dann sind da noch die langen Fahrten auf sich dahinschlängelnden Küstenstraßen, die Fragen zulassen, für die sonst keine Zeit bleibt. Wenn es in den Telefonaten sonst darum geht, den Alltag abzugleichen, um Arztbesuche, den Fortschritt im Garten und das Neuste von der Familie, dann kann ich hier fragen, wie es für sie damals war, als jüngstes von fünf Kindern und ich erfahre einen kleinen Hauch von Träumen und Ängsten, die natürlich auch vorher schon da waren, aber es erzählt sich besser auf langen, mäandernden Landstraßen als in den Sonntagstelefonaten oder Kurzbesuchen. Es ist ja nichts Wichtiges und es sind auch nicht die großen Themen, aber sie lassen den Menschen, den ich so gut zu glauben kenne, in neuem Licht erscheinen. Ich entdecke Eigenschaften und sehe Züge an ihr und weiß nicht, ob sie neu hinzugekommen sind in den Jahren oder ich sie bisher einfach nicht gesehen habe. Die immer Fürsorgliche und ewig  Besorgte ist wagemutig und die, die immer an alle und jeden denkt, vergesslich.

Und ich suche noch das Wort für das Gefühl, das ich habe, wenn ich sie vom Bahnhof abhole und sie vor mir steht mit ihrem Koffer und auf ihre eigene Art und Weise sehr viel Mut. Dann will ich den Koffer in die Wohnung tragen, weil der Flieger erst am nächsten Morgen geht. „Nicht nötig“, sagt sie und holt einen Stoffbeutel aus ihrer Tasche. „Da ist alles drin, was ich für heute Nacht brauche.“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

Und dann waren da die Diskussionen, ob das jetzt die richtige Abbiegung war und dass ich doch vielleicht ein wenig langsamer fahren sollte, aber das alles zählt nicht so viel, wie die eine lange Minute, nach der klar war, dass das laute Kratzen wohl die Steinmauer war und dass der Kotflügel nicht mehr ganz so gerade hängt und das, obwohl sie doch gesagt hatte, dass die Biegung zu steil und das, was in anderen Konstellationen jetzt für Streit und schlechte Luft sorgen würde, ist eben passiert, wie schon so vieles passiert ist in den letzten dreißig Jahren und da spüre ich eine Wärme und so etwas wie Güte auf jeden Fall etwas menschlich sehr Großes, dass mir in den Pubertätswirren so nie aufgefallen wäre.

Und ob es Stolz ist oder das, was mir auf der Reise noch oft begegnen wird, Verwunderung, über diese neuen und anderen Seiten, die ich an ihr entdecken werde, ich weiß es nicht. Aber ich mag es. Auf eine neue Reise.
Es gibt noch viel unbekanntes Terrain zu entdecken. Soll keiner glauben, er wüsste wo es lang geht oder dass er den anderen kennt.
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4 Comments
  1. tine

    1. August 14:10

    so wahr
    hat mich jetzt sehr berührt

    und ich denke mir oft
    es gibt so viele ratgeber
    die eltern auf die pubertät ihrer kinder vorbereiten
    aber keinen über den moment wenn man als kind wahr nimmt
    dass die eltern älter werden
    nicht dass ich einen bräuchte
    aber auch das ist nicht immer einfach
    manchmal traurig
    aber auch genauso schön wie du es hier beschreibst

    und vielleicht sollte ich mir wirklich endlich die zeit nehmen
    für die kleine reise mit meiner mama
    die ich seit zwei jahren immer wieder verschieben (muss)

    danke

    • stepanini

      2. August 22:05

      Mach es, liebe Ti. Hier auch immer wieder verschoben, aber es lohnt sich.

  2. Vivi

    2. August 14:34

    Mich hat dein Text sehr berührt, vielleicht auch, weil ich mich letztes Jahr auf genau so eine Reise begeben habe. Mit dem Fiat 500 die Küstenstraße Kalabirens entlang, eine Route, die meine Mama mit Ihrer ersten großen Liebe, einer ganzen menge Abenteuerlust und einem klapprigen Fiat 500 nach ihrem Schulabschluss schon einmal gefahren ist. Wunderschön deine Worte, du sprichst mir aus der Seele…Danke dafür!!

    • stepanini

      2. August 22:04

      Liebe Vivi, gerne. So gerne. Euer Abenteuer – das klingt schön. Bei uns war es ein klappriger Skoda. Und keine Jugendliebe, aber trotzdem gut. Und das nächste Abenteuer für das nächste Jahr ist geplant.

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