Es ist nicht nur die Sehkraft, die nachlässt

265 “Leider ist es so, dass wir mit zunehmendem Alter […] eine gewisse Sensibilität einbüßen. Unserer Rezeptoren stumpfen ab. Deshalb ist das Alter so unerträglich, weil man sich plötzlich daran erinnert, wie es war […] ein Herz zu haben, ein Herz, das einen zu großen, unbesonnenen Taten befähigte, dazu, sich für etwas zu begeistern und sich als Teil des Lebens auf diesem Planeten zu fühlen.”

aus: Eine schöne junge Frau von Tommy Wieringa

7 Comments
  1. Micha

    21. August 8:28

    Echt? Glaubst du das wirklich? wenn etwas sich von anfang bis ende seine sinne behält, dann das herz. *Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft – es kommt auf das Material an (ebner-eschenbach), aber die Sinne des Herzens bleiben. Taubheit, Blindheit, Unbeweglichkeit …. hin oder her. Alles andere wäre doch gruselig.

  2. stepanini

    21. August 9:32

    Liebe Micha, mich beschäftigt das. Und Frau Ebner-Eschenbach hatte ich vergessen. Ich merke schon, dass ich nicht mehr mit dem Enthusiasmus der Jugend an Dinge herangehe. Früher hat mich so vieles mitgerissen. Freundschaften, Projekte (blödes Wort, aber eigentlich so eine gute Umschreibung für Sachen, die man macht ohne zu wissen was zwingend am Ende dabei herauskommt), so vieles. Selbst Kunst. Die erste Biennale. Danach konnte ich nicht schlafen. Das waren zu viele Eindrücke. Und da beobachte ich schon eine Mischung: Ein wenig Selbstschutz um das Herz, weil es manches Mal weh getan hat und ich Dummkopf denke, dass ich mich durch nicht an mich heranlassen, dagegen schützen kann und ein wenig auch “abgelebt, verlebt”. So oder so schon einmal gesehen. Der Zauber der ersten Male ist nicht weg, aber er hat ein wenig an Glanz verloren. Hm.
    Aber übers weichklopfen. Da denke ich auf jeden Fall nochmal nach.

  3. Christine

    21. August 10:51

    Ich muss Micha zustimmen! Ich glaube nicht, dass Herz und Sinne im Alter abstumpfen, ganz im Gegenteil… Es ist anders! Die Ungestümtheit mag vielleicht ein wenig verloren gegangen sein, und die Rebellion. Aber ist es nicht so, dass wir immer noch grosse Träume und Ziele haben, es aber gelassener angehen, nicht gleich alles hin schmeissen wenn es es nicht sofort klappt, mehr Ausdauer beweisen im Alter und andere nicht mehr so schnell verletzen wie einst? Und das hat meiner Meinung nach mit Herz und Sinn zu tun. Natürlich kommt es auch immer auf die eigene Lebenserfahrung an, ist man verletzt worden etc. Da gibt es bestimmt Menschen, die in gewisser Weise Abstumpfen, aber ich glaube auch nur nach Aussen und im Inneren sehnt sich jeder nach Liebe und einem grossen Herz. für jemanden und von jemandem.

  4. Micha

    21. August 11:46

    Nun, verstehe ich dich. Ja, so gehts mir auch: älterwerden geht einher mit dem verlust von begeisterung, strohfeuern aller art, himmelei und entflammbarkeit. genau an diese stelle muß (!) etwas anderes treten, sonst bliebe man ja gefangen in diesem gebräu
    *In bunten Bildern wenig Klarheit,
    Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
    So wird der beste Trank gebraut,
    Der alle Welt erquickt und auferbaut * (Goehte)
    Ich wollte keinen tag jünger sein, denn die erkenntnis, die ich mir seither errungen habe durch meine erfahrungen schenkt mir mehr nüchternheit, mehr klarheit und mehr selbstvertrauen, mich auf meine wahrnehmung gut verlassen zu können.
    (plus: ich trinke keinen alkohol 😉

  5. Katja

    21. August 18:02

    Oh, ein spannendes Thema! Also ich denke, weniger sensibler wird man nicht. Aufgrund von Erfahrungen vielleicht noch mehr, auch um sich zu schützen. Aber starrer mit zunehmendem Alter, unflexibler, irgendwie sturer, kompromissloser. Damit hadere ich im Moment auch viel, weiß ich oft zu wenig, wie gut damit umgehen, ohne andere Menschen vor den Kopf zu stoßen aber trotzdem gut zu mir zu sein.

  6. Katja

    21. August 18:04

    Auch interessant, Christine: ich habe eher den Eindruck, ich verletze mehr. In jungen und sehr jungen Jahren immer flexibel, kompromissbereit, harmoniebedürftig, gefall”süchtig” – all das wird weniger. Und somit steigt die Wahrscheinlichkeit, andere Menschen zu verletzen. Finde ich.

  7. Tanja

    21. August 20:23

    Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass ich zwar mehr Selbstschutz aufbaue, aber umso verletzlicher und angreifbarer bin und auch sensibler mit anderen Menschen umgehe. Ich sehe es wie Christine. Ich glaube auch nicht, dass das Herz abstumpft, es ist eher die Art, wie wir mit Emotionen umgehen um unser immer noch pochendes Herz zu schützen, die abgestumpft wirkt. Ich bin der feste Überzeugung, dass nur die Schale matt wirkt, das Innere ist zart, leuchtend und pumpt fleißig Kraft und Gefühle in unsere mehr oder weniger verkalkten Arterien.

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