Ein Buch wie Rotweinnächte

Ich glaube, es ist die Nacht. Die Nacht und Küchentische. Die Nacht, Küchentische und Wein. Ein wenig zuviel von letzterem.
Die Nacht, Küchentische, Wein und eine Handvoll Menschen, die man gerne hat. Sehr gerne. Wenn das zusammenkommt, dann könnte auch alles ganz anders sein, dann wird angesprochen, was man sich bei Tageslicht kaum aussprechen traut. Dann ist es so dunkel, dass man ehrlicher auf sein Leben blickt. Dann fallen Sätze wie “”Wir wollten doch damals.”

Ich wollte soviel. Ich wollte die Welt verändern. Alles anders machen als meine Eltern und Schulfreunde. Ich bin allem und jedem mit einer Radikalität, einer Absolutheit und Dringlichkeit begegnet, als könnte morgen schon alles zu spät sein. Dabei hatte es doch gerade erst angefangen.

Manches Mal scheint es wieder durch. Dann will ich sofort alles hinschmeißen und und…. Und was? Das weiß ich nicht so genau. Aber ich rede mich in Rage darüber, das alles auch ganz anders gehen müsste und habe ein Übermass an Mut, der meist nicht einmal  bis zum nächsten Morgen reicht.

Ich habe meinen Vater einmal gefragt, wie er jetzt auf sein Leben schaut, weil er doch heute die Bürgerlichkeit lebt, gegen die er zu Zeiten der Studentenbewegung gekämpft hat. “Das kannst Du nicht vergleichen. Das waren andere Zeiten”, antwortete der, der auch heute noch in kein Raster passt, aber sich eingerichtet hat, wie wir es doch alle früher oder später tun.

Sieben Nächte” von Simon Strauss erinnert an diese Nächte, in denen wir uns noch nicht zufrieden gegeben haben. Ein junger Mann sitzt in der Nacht am Tisch und schreibt. Er schreibt an gegen die Angst, gegen das Erwachsenwerden. Er stellt sich den sieben Todsünden, der Gier, der Wollust, dem Hochmut, der Völlerei, dem Neid, der Faulheit.

Es ist eine Brandrede gegen das Genügsame, die Lustlosigkeit, die Abgeklärtheit, das Mitlaufen, das Erwachsenwerden. Ich habe es nicht am Tisch gelesen, sondern im Bett. In einer einzigen Nacht, weil ich nicht aufhören konnte. Es stellt wie ein guter Küchenabend Fragen, die im zu selten Raum haben. “Wie wäre es, wenn Lust, Begierde und Überfluss unser Leben bestimmten? Nicht nur Bedrückung, Vorsicht und Anti-Reflex-Tabletten?”

Ich glaube, das reicht. Der Rest gehört mir und der Nacht.

5 Comments
  1. M i MA

    14. Januar 21:46

    Schön geschrieben, wie immer. Und nun freue ich mich nochmal mehr auf unsere “Rotweinnacht” (auch wenn’s da ein wenig “eingerichteter” zugehen wird/muss).

    • stepanini

      14. Januar 23:21

      Und ich mich erst! Sehr.

  2. gemuesebuergerin

    15. Januar 22:34

    Ich mag das so sehr, wie ich mich in dem, das Du in Worte fasst, wiederfinde. Immer wieder tolle posts! (Und das Buch habe ich letzten Sommer gelesen und ähnlich empfunden.)

    Ganz große Blogliebe!

    • stepanini

      15. Januar 23:40

      Danke.
      Das kam genau zur richtigen Zeit.

  3. Alexandra Höfler

    20. Januar 14:33

    Hatte es schon mal in der Hand im Buchladen.. nach deinem Post kommt es das nächste mal auf jeden Fall mit bis zur Kasse! Liebst, Alexandra

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