Von den Amerikanern lernen. Von einem im besonderem.

123Um einiges beneide ich die Amerikaner. Um M&Ms mit Erdnussbutter, um die eindeutig besseren Serien im Vorabendprogramm, um Einkäufe bei Jcrew ohne Zollgebühren zahlen zu müssen. Um den Superbowl, auch wenn ich die Regeln nicht verstehe, aber das Spektakel so herrlich groß und opulent ist, dass das auch egal ist. 
Und um deren Uni-Abschluss-Reden.
Während bei uns ein wenig auf dem Klavier geklimpert wird und der diesjähige Studienstiftungsempfänger und Jahrgangsbeste, sowie irgendein Landespolitiker ein paar warme Worte verlieren, wird dort in die Vollen gegriffen. Wahrscheinlich auch nicht überall. Aber ein deutsches Äquivalent für die Steve Jobs-Rede will mir nicht einfallen. Und ich mag dafür anfällig sein, aber sie berührt mich immer wieder. Stay hungry. Stay foolish.
So will ich doch ins Leben starten. Nicht mit der neuesten Statistik über den Bedarf an Ingenieuren und Innovationen für die deutsche Wirtschaft, die Zuversicht stiften soll.

Eine weniger bekannte Abschlussrede als die von Steve Jobs ist die von David Foster Wallace. Was so schade ist. Er hat überhaupt nur diese eine gehalten. Das hier ist Wasser heißt sie und ist auch in Buchform erschienen. Und wenn ich könnte, würde ich sie jedem zu lesen geben. Denjenigen, die in der Schule zweifeln, wofür das alles gut sein soll. Denjenigen, die es satt haben den Verwandten zu erklären, dass ein Studium der Sinologie, der vergleichenden Literaturwissenschaften oder der Gesellschaftstheorie mehr Möglichkeiten bietet als Taxi fahren. Und selbst wenn dem nicht so ist, dann wäre es egal.

Nicht für die Schule, für das Leben lernst Du. Dieser abgeflachte Satz, dem ist die Rede gewidmet. Nur um so viel besser. “Das ist Wasser” heißt sie, weil David Foster Wallace seine Rede beginnt mit einer Geschichte von zwei jungen Fischen, die durchs Wasser schwimmen. Ein älterer Fisch kreuzt ihren Weg, nickt ihnen zu und sagt: “Moin Jungs. Na, wie ist das Wasser?” Die Fische schwimmen eine Weile weiter. Dann fragt der eine den anderen: “Was zum Teufel ist Wasser?”

Und diese Anekdote ist Labsal für all diejenigen, die suchen und fragen und hinterfragen und sich nicht zufrieden geben. Nicht weil sie die besseren Antworten hätten, sondern weil sie sich mit den gegebenen nicht zufrieden geben.
Und so schenke ich das Buch mir manchmal auch selbst. Weil ich all das manchmal vergesse im Alltag. Wenn ich müde bin und mir kalt ist und Flieger zu spät sind und zu viel Gedrängel und ich mich ausgeliefert fühle. Dann fällt mir, so wie heute beim Blick auf eine Schneematschpfütze ein, was Wasser ist. Und es meine Wahl. Und das gelingt nicht immer, aber darum geht es nicht, sondern um den Versuch.

Womit mir die Amerikaner oder vielmehr einer, das Leben maßgeblich bereichert haben. Würden jetzt noch die Erdnussbutter-M&Ms den Weg in die heimischen Supermärkte finden – das Glück wäre perfekt.

6 Comments
  1. Julia

    4. Februar 11:09

    Wunderschöne Worte von Dir! Ich liebe das Buch auch sehr und ziehe es von Zeit zu Zeit aus dem Regal!

  2. Iris

    4. Februar 13:57

    Hi,
    hab gerade eine ruhige Stunde und mir die Rede auf Youtube angehört. Sie ist ja auch noch so lustig. Ich hab so gelacht. Und natürlich war ich bewegt. Hab dann ein wenig über den mir Unbekannten gelesen und auch, dass er den Master in seinem Kopf erschießen musste. . Wie traurig.
    Sein Buch steht nun auf meiner Lese-Liste.
    Liebe Grüße wieder von mir!
    Iris

  3. sabine

    4. Februar 17:54

    So – mich haste überzeugt und das Buch wird gekauft und gelesen – toller Artikel von Dir! Hast Du eigentlich meine Grüße aus dem Ferdings bekommen? Ciao, Sabine 🙂

    • stepanini

      4. Februar 23:39

      Liebe Sabine, das Video gibt einen guten Eindruck. Also wenn Du noch nicht so recht weißt.
      Nein, Ferdings wurde nicht ausgerichtet. Ich glaube, die meisten dort wissen gar nicht, wer stepanini ist. Frau von Oliver könnte funktionieren.
      Schöne Grüße und beim nächsten Mal sag Bescheid.

  4. maria

    5. Februar 12:01

    ohja. du hast so recht. mit den amerikanischen unireden und mit den mundms sowieso. danke fürs neugierigmachen, das buch muss her. erstmals hier kommentiert, und doch schon so oft gelesen und gefreut und selig gelächelt dabei. lieben gruß vom prenzlauer berg…maria

  5. […] Das hier ist Wasser – Stepanini hat mich vollends überzeugt, das muss zu mir. Kann man sich etwas schöneres selbst zum Geburtstag schenken als eine Anstiftung zum Denken? […]

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