Zurück in die Vergangenheit: Zeitlos

Es gibt Bücher, deren Magie erschließt sich im Rückblick nicht mehr. Rausgewachsen ist man aus ihnen wie aus zu klein gewordenen Kleidern.
Der Steppenwolf beispielsweise, den kann ich nicht mehr lesen so wie damals, weil ich eine andere geworden bin. Nicht mehr ganz so radikal, nicht mehr ganz so euphorisch. Milder bin ich mit dennoch gelegentlichen Ausbrüchen und das mag einer der Gründe sein, warum mir dieses Buch mittlerweile ein wenig fremd ist, so wie man etwas verwundert auf alte Liebschaften zurückblickt und nicht mehr sagen kann, was einen damals angezogen hat und den anderen so unwiderstehlich erscheinen lies.

Aber es gibt Bücher, die berühren mich noch immer an den immer gleichen Stellen. Vielleicht weil ich in ihnen mein Ich von damals sehe. Dshamilja ist so eines. Ich habe es gerade noch einmal gelesen. An einem Samstag Vormittag aus Verlegenheit. Ich hielt es beim Aufräumen auf einmal in der Hand, wollte mich nur kurz damit aufs Sofa setzen, um etwas reinzulesen und konnte dann kein Ende finden.
Es war so, genau so, wie damals.
Nicht umsonst, wird sie bezeichnet, als eine der schönsten Liebesgeschichten, die jemals geschrieben wurde. Die Fremdheit der mongolischen Steppe, die Freiheit, die Sehnsucht, die Bedingungslosigkeit dem Herz zu folgen hat nichts und rein gar nichts von seiner Magie verloren. Es hat etwas Unschuldiges an sich und etwas sehr Wissendes. Ich weiß, dass ich es noch mit achtzig werde lesen können und berührt sein von der Absolutheit. Vielleicht noch mehr, weil einen das Alter klarer sehen lässt und das Essentielle stärker hervortritt. In einem meiner ersten Grundschulzeugnisse stand, dass ich mich zuweilen wild und ungezügelt verhielte. Das hat sich gelegt im Laufe des Lebens. Angepasst passend gemacht. Aber in dieser schönen Geschichte Dshamilja finde ich diesen Teil wieder.

Wer Dshamilja noch nicht kennt, sollte diesen Zustand schleunigst beenden. Es ist nie zu spät. Es ist zeitlos.

7 Comments
  1. allesistgut

    26. Februar 8:37

    Ich habe das Buch in meiner frühen Jugend lesen müssen, da es Pflichtlesestoff in den Schulen der DDR war. Ich fand das Buch damals absolut langweilig. Und wenn man etwas lesen muss, anstatt es selber zu wollen, dann ist das ja auch nicht gerade förderlich, ne?! Deine kleine Rezension hört sich aber so gut an, dass ich dem Buch vielleicht doch noch einmal eine Chance geben sollte.
    Liebe Grüße und danke für den Denkanstoß. 🙂

    • stepanini

      26. Februar 9:17

      Pflichtlesestoff in der DDR? Das finde ich ja spannend und wusste ich nicht. Ich liebe es. Aber mir geht es mit Schulpflichtlektüren auch so, dass mir das einiges verleidet. Was so schade ist, eigentlich sollte es ja Lust machen auf mehr.
      Max Frisch, den ich lesen musste, hat mir damals wenig gesagt und dann mit dem Abitur und im Studium bin ich eine große Max Frisch Liebhaberin geworden.

  2. avalon

    26. Februar 9:02

    Ich kenne es noch nicht und habe Gänsehaut jetzt.

  3. Christine

    28. Februar 12:19

    Dshamilja habe ich in meiner Jugend gelesen (auf Anraten meiner Mama). Ich stimme zu, es ist eine wunderbare Geschichte, irgendwie fremd und wild und doch so einfach.
    Und der Steppenwolf? Möchte ich auch mal wieder lesen.

  4. madamulma

    28. Februar 21:18

    ja, mir geht es mit dem steppenwolf auch so, überhaupt mit hermann hesse. aber dshmilja werde ich dann also tatsächlich noch einmal zur hand zu nehmen wagen.

  5. ANNA

    2. März 15:21

    Ach, das wollte ich auch schon immer mal lesen und kann mich nicht mehr erinnern, wer es mir empfohlen hat. Danke Dir für die Erinnerung, Stephanie.

    Aber der Moment im Steppenwolf, wo sie Ihn an Hermman erinnert und dann sich herausstellt, das sie Hermine heißt, das bleibt für immer in meinem Herzen. 😉

    Ich schreibe Dir jetzt und gleich.
    <3

  6. frltext

    16. April 14:55

    kennst du die schöne ausgabe aus der insel-bücherei? die entdeckung hat mich heute an dich denken lassen : )

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