021Wenn es die Wohlfühlblogs und Bilderbäder gibt, dann gibt es auf der anderen Seite der Skala das Buch Glücklich die Glücklichen von Yasmina Reza. Was nicht heißt, dass es sich nicht gut liest. Sehr gut sogar. Aber was da beschrieben ist und in Dialogen festgehalten, das sind die Momente, in denen ich eigentlich lieber nicht mehr hinsehen und hinhören möchte und dann oft das Thema wechsle. Wenn beim Abendessen mit Bekannten auf einmal die schöne Fassade einen kleinen Faserriss bekommt und am Tisch vor Fremden das ausgetragen wird, was eigentlich nur zu zweit besprochen werden kann. In diesem Moment schwenke ich zu unverfänglichen Themen. Und genau das sind die Momente, in denen Yasmina Reza nochmals nachlegt und alles ganz fein und säuberlich ausleuchtet. Sie seziert diese kleinen Alltagsexplosionen, die beiläufigen Gehässigkeiten, die gerade deshalb noch viel mehr schmerzen, weil sie so lange unter den Teppich gekehrt wurden und wenn das über Jahren angestaute dann auf einmal an die Oberfläche schwappt, dann tut es das ja meist mit einer Wucht, die einen umhaut und die an Schärfe nicht zu überbieten ist. So wie die Geschichte über ein Paar, das an der Käsetheke einen Streit entfesselt über die falsche Sorte Morbier. Und da wird sie ausgebreitet die ganze Unzufriedenheit des Lebens, der kalte Kampf um Schein und Ansprüche und Erwartungen und die bittere Realität.

Und ja, das sollte man lesen.
Auch wenn es weh tut.

“Ich sage, bitte, ich bleibe ruhig, bitte, ganz beherrscht, ich sehe mich mit Vollgas über eine Stadtautobahn fahren und in voller Lautstärke Sodade hören, ein Lied, das ich vor kurzem entdeckt habe und von dem ich nichts verstehe, nur die Einsamkeit in der Stimmer und das Wort Einsamkeit, das unendlich oft wiederholt wird, obwohl ich gehört habe, es bedeutet gar nicht Einsamkeit, sondern Sehnsucht, Mangel, Bedauern, Schwermut, lauter intime nicht mitteilbare Dinge, die Einsamkeit bedeuten, so wie der alltägliche Einkaufswagen Einsamkeit bedeutet, der Gang mit Öl und Essig und der Mann, der im Neonlicht seine Frau inständig bittet.”

“So ein Gefühl, das man auch als Paar haben kann, wenn der andere sich in sich selbst zurückzieht und man darin ein Vorzeichen des Verlassenwerdens sieht.”

“In diesem Augenblick stieg in mir ein Gefühl auf, ein echtes, wohlgemerkt.”