Für und Wider eines Buches

I ch wäge ab, indem ich aufliste. Rechts plus, links minus. Soll ich oder soll ich nicht? Eine klare Auflistung dessen, was dafür und was dagegen spricht. So bringe ich Klarheit in den Kopf. Was habe ich mit dieser Methode schon Entscheidungen getroffen. Habe Männer aussortiert, Studienplätze gewählt, Umzüge beschlossen. So ein niedergelegtes Für und Wider zeigt schwarz auf weiß, was der Bauch schon längst entschieden hat.

So eine kleine Plus-Minus-Liste habe ich auch schnell im Kopf angefertigt, bevor ich mich endlich für dieses Buch entschied. Das große Los.

Was dagegen sprach:
Der Spiegel-Bestseller Aufkleber. Wenn der auf einem Buchcover klebt, denke ich  mir oft: Nicht für mich. Wer fleißig bemüht ist sein Leben sorgfältigst zu kuratieren, kann doch nicht hinsichtlich Lektüre einfach blind dem Massengeschmack folgen. In einer Zeit, in der das Handgemachte en vogue ist als ein Ausdruck individualistischen anders-sein-wollens und als Gegenbewegung zur industriellen Massenfertigung, wie Melanie Kurz die Ästhetik des Handgemachten erklärt, vermittelt solch ein Sticker keine Sicherheit, sondern steht für Mainstream und gerade den gilt es zu verhindern, weil man in seiner Individualität wahr und ernst genommen werden will. In ein wenig Individualität. Ein wenig anders, aber nicht ganz. Den mit dem ganz anderen tun wir uns auch wieder schwer, weil der Wunsch dazu gehören zu wollen wahrscheinlich so tief im Innersten eingeschlossen ist, den kriegt kein Trend weg.

Aber abgesehen davon ist es vielleicht einfach die Tatsache, dass ein Buch gut sein soll, nur weil viele Menschen es gelesen haben, eine in meinen Augen nicht ganz schlüssige.

Und dann war da noch das Genre der Aussteigerliteratur. Ich reise gerne. Sehr gerne. Wer einmal die eigene Komfortzone verlassen hat und sich ins Unbekannte aufgemacht hat, der will mehr. Das erhält man nicht unbedingt in den 14 Tagen all-inklusive im Robinson Club in der Türkei, aber es gibt viele Formen des Reisens die eine Entdeckungsreise sind. Auch des Landes. Aber vor allem des eigenen Ichs. Man nimmt sich immer selbst mit. Das wird so wenig erwähnt und ist dabei doch alles entscheidend. Wenn das vergessen wird, dann ist nichts mit Entdecken, sondern dann ist es eine Flucht, bei der aber wie bei Hase und Igel, der Gewinner immer schon fest steht. Das eigene Selbst, die Schwierigkeiten und Probleme, die in den Rucksack stecken, obwohl sie nicht auf der Packliste standen, holen einen immer wieder ein. Wenn man sich selbst kein guter Gefährte ist, wird das Leben in einem anderen Land keinen Deut besser. Es sind nie die äußerem Umstände, es ist immer man selbst.

Was dafür spricht:
Dass es ein so schönes Buch ist und ich mich darüber freue, dass so viele Menschen es gelesen haben. Es geht nicht ums Aussteigen. Meike Winnemuth gewinnt bei Günther Jauch eine halbe Million und lebt daraufhin ein Jahr lang jeden Monat in einer anderen Stadt. Sie erzählt von diesen Orten, von dem, was das Reisen und dort leben sie gelehrt hat. Und das ist ganz wunderschön, unterhaltsam und hilfreich, auch wenn man nicht vor hat nächstes Jahr auf Weltreise zu gehen. Es lässt einen vieles in Frage stellen. Warum es nicht auch anders gehen könnte? Wie man es sich gut und schön machen kann, dort wo man ist. Wie Reisen einen verändert, vor allem im Kopf. Wie gut es tut, Altbekanntes in Frage zu stellen, Routinen zu durchbrechen, vermeintliche Sicherheiten aufzugeben und vor allem neugierig zu sein.

Was das Reisen und das ungebundene Leben sie gelehrt hat, wie es sie verändert, beschreibt sie. Dafür braucht es keine halbe Million, wie sie erkennt.

„Das Glück, so scheint es oft, findet im Konjunktiv statt:  Man müsste mal. Wie wäre es wohl, wenn. Man trottet so durchs Leben, das sich manchmal anfühlt, als ob´s ein anderer für einen geplant hätte. Kein schlechtes Leben, überhaupt nicht. Aber die leise Stimme, die sagt: Da geht noch was, das war noch nicht alles – die ist immer da. Wie wäre es wohl, der einfach  mal zu folgen?“, schreibt sie.

Der Jahresanfang hat auch immer etwas von Neubeginn. 365, gut jetzt nur noch 352 Tage liegen vor einem und dürfen gefüllt werden. Ein paar davon mit dem Lesen dieses Buches zu verbringen ist ein schöner Start.
Dafür spricht sehr viel.

9 Comments
  1. Juli

    13. Januar 23:08

    Ich wollte grad meine Begeisterung für die Zeilen des vorletzten Absatzes kund tun…und dann merkte ich, dass sie einem Zitat geschuldet sind. Huch! Dann geht mein Lob wohl an Frau Winnemuth 🙂 Das Buch habe ich nämlich aufgrund der von Dir angeführten Contra-Überlegungen bislang auch nicht gelesen…aber vielleicht sollte ich mal.

  2. Uschi aus Aachen

    14. Januar 8:59

    Das Buch ist in so vieler Hinsicht lesenswert, da „stört“ der Bestseller-Aufkleber wirklich nicht. Zumal er ja nur vorne drauf ist…

  3. mme ulma

    14. Januar 9:49

    das klingt nach einem fetten plus. mir gehts nämlich genau gleich mit den bestseller-aufklebern.

  4. Anonymous

    14. Januar 14:30

    ich habe ihren blog damals sehr gerne verfolgt, vielleicht lese ich dann doch endlich auch mal das buch (und ja, mir geht es mit den spiegel bestseller aufkleber genauso. ich knibbel den einfach immer ganz schnell ab)

    und nebenbei: spannend, dass du für und wider liste machst. das habe ich noch nie geschafft. meistens hab ich wirklich schwere entscheidungen ein bißchen ausgesessen und dann fiel mir die (vermutlich im bauch längst getroffene ) entscheidung irgendwann wie schuppen von den augen. eine wirklich gute methode ist sonst die ecken-methode: jeder möglichkeit eine ecke des raumes zuordnen und bei 10 MUSST du loslaufen. und man läuft dann auch in die richtige ecke, zumindest in die, die der bauch entschieden hat.

  5. merlanne

    14. Januar 21:45

    Schön, dass Du über dieses Buch schreibst, das ich im Sommer gelesen habe. Mit Begeisterung und Staunen, und einer wachsenden Sympathie für die intelligente Autorin.
    Herzliche Grüsse,
    Claudine

  6. Anna-Lena

    15. Januar 2:25

    Das Buch und vorher schon der Blog zur Reise haben – neben mehreren anderen Gründen – mit dazu geführt, dass ich meine Japan-Reise grade „einfach mache“.
    Das Leben braucht weniger Konjunktiv.

  7. Herr R.

    15. Januar 10:21

    Mit zunehmendem Alter vertraue ich mehr und mehr auf meinen Bauch. Witzigerweise hat sich diese Haltung nach einer (mehr oder weniger konsequenten) Ernährungsumstellung weiter vertieft. Vielleicht weil es eine sehr deutlich spürbare Erfahrung ist, dass der Bauch ein ziemlich cleveres Kerlchen ist – in jeder Beziehung.

  8. kathrinbender

    19. Januar 11:39

    Ich bekam das Buch geschenkt und als erstes sprang mir dieser Kleber in die Augen. Mit großer Skepsis habe ich dann doch angefangen und war ganz schnell mittendrin in der Weltreise – sehr inspiriert einfach mal zu machen.

  9. Gut gemacht, denn das Buch ist wirklich klasse. Der Blog zur Reise damals war es auch. Im Blog hatte ich damals auch gleich darüber geschrieben, ach, vielleicht muss ich’s ein zweites Mal lesen…

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