Ab jetzt wird alles anders

Eines seiner ersten Bücher hieß: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Ich könnte eines schreiben, das heißt: Wie Alain de Botton Ihr Leben verändern kann.
Denn meines hat er.

So ein Leben verändert sich nicht in zehn Tagen oder acht Wochen. Auch wenn ich das hin und wieder mal versuche und glaube, ab jetzt wird alles anders und ich ein neuer Mensch. Es ist der Versuch, der zählt. Aber das ist ja auch eine sehr große Sache, so ein Leben.
Es prägt einen so einiges. Elternhaus, soziales Umfeld, die Umgebung, diejenigen mit denen wir uns umgeben. „The person you will be in five years depends on the people you surround yourself with and the books you read“, habe ich mal gelesen. Wenn nur ein Fünkchen davon wahr ist, sollte und muss Alain de Botton in den zu-lesen-Stapel geschoben werden.

Warum ich das schreibe? Er hat gerade ein neues Buch herausgebracht. The course of love heißt es. Es geht um die Liebe, aber nicht nur um das Verlieben (dem hat er schon in Versuch über die Liebe ein ganz eigenes Buch gewidmet), sondern auch um die Liebe, die nach dem Herzrasen kommt. Um den Alltag, um herumliegende Socken, um die Ehe – dieses möglich unmögliche Versprechen. Darum, was es mit einem macht, wenn da jemand ist, vor dem man nichts und sich selbst noch viel weniger, verstecken kann.

Warum ist da Langweile wo in Filmen mitreißende Gespräche vor traumhaften Sonnenuntergängen stattfinden ? Woher kommt diese Wut? Was war das gerade für ein Ausbruch? Woher diese Erwartungen an sich und an den anderen? Was habe ich da eigentlich getan und was habe ich versprochen?

Alain de Botton schreibt darüber und er schreibt mit einer großen Menschlichkeit und Klarheit, die es braucht, wenn so delikate Themen angegangen werden. Wer das hinter dem dahinter verstehen möchte, wer den Staub unter dem Teppich seziert und dort hinsieht, wo wir wegsehen, der braucht Mut zur Ehrlichkeit und vielleicht noch wichtiger einen milden Blick, eine große Portion Güte, die man erhält, wenn man sich selbst lange genug betrachtet hat und weiß wie dick sich der Dreck auf der eigenen Seite stapelt. Wer auf und in sich selbst gesehen hat, verliert sich nicht in Urteilen. „Nichts Menschliches ist mir fremd“, das wusste schon Goethe.

Wie das geht und wie er das macht?  Ein Beispiel. Er beschreibt einen Streit, wie wir ihn wahrscheinlich alle kennen. Einen der ins Unendliche geht, weil er die eigentliche Kampfarena bereits verlassen hat und den Auslöser – in dem Fall die Auswahl eines Sofas-, längst in den Hintergrund getreten ist. Es eskaliert, der Mann verlässt wutentbrannt den Raum, schlägt die Tür zu und seine letzten Worte sind: „Fuck you. Leave me alone.“
Kennen wir alle. Alle schon einmal gehabt. Dort könnte es enden.

Bei Alain de Botton hingegen fängt es erst an. Denn er lässt den Schlusssatz nicht einfach so stehen, sondern ergänzt ihn um das Unausgesprochene. „Fuck you. Leave me alone. Which is sometimes how fear can sound.
Dieser eine, kleine Nachsatz beschreibt, warum seine Bücher ein Leben verändern können. Weil wenn es nur gelingt ein klein wenig dieser Sichtweise zu übernehmen – und wenn es nur im nachhinein ist – dann wird man ein anderer.

Er sieht hinter die Umstände, hinter das Gesagte und legt dar wie riesig dieser Erwartungsberg ist, den wir in Beziehungen mitnehmen und wie übergroß, die Angst uns dem anderen wirklich zu zeigen. Er schreibt über unsere Erwartungen, unsere kindlichen Vorstellungen von geborgen sein, die Bilder, die wir mit uns tragen, wie eine Familie zu sein hat, unsere Ängste und Unzulänglichkeiten, unser familiäres Erbe, der übergroße Drang geliebt, gesehen und anerkennt zu sein und das gesamte Paket dessen, was sich im Zusammenleben über längere Zeit schwer kaschieren lässt. Weder vor sich selbst, noch vor dem anderen. Mit einem wie Alain de Botton an der Hand lässt es sich gut in dieses Terrain vorwagen.

Einen wie ihm zu folgen, wie er das alles am Beispiel von zwei Menschen beschreibt, sich vielleicht in dem ein oder anderem wieder zu erkennen, sich zu spiegeln und vielleicht beim nächsten Türenknall und dem „Lass mich in Ruhe“ zu fragen, wie viel Angst sich gerade hinter derWut versteckt hat, der eigenen oder der des anderen, lässt das Leben und Erleben nicht unverändert.

Wer nicht gleich mit der Ehe beginnen will, kann sich der Lebensveränderung auch in anderen Bereichen widmen:

Besser leben mit Alain de Botton.

2 Comments
  1. Cindy

    13. Juni 14:31

    Du hast mich wieder mal an ihn erinnert – danke dafür!

  2. […] Und da die Thematik der Selbstspiegelung unerschöpflich ist, gibt es auf diesem wertgeschätzten Blog gleich eine ganze Palette […]

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