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Nizza – für immer oder einen Sommer

Nizza, meine amour fou.

Nizza war meine wilde Sommerliebe. Eine heftige amour fou mit allen Auf und Abs. Wie jede große Liebe traf sie mich völlig unerwartet und unvorbereitet. Ich hatte nicht wirklich Lust auf diese Stadt und hegte die geringste aller Erwartungshaltungen. Vier Wochen standen auf dem Programm und meine selbst gesetzte Devise war: Die ziehe ich jetzt eben durch. Irgendwie. So dachte ich. Redete mir selbst noch gut zu, als ich endlich landete auf diesem klitzekleinen Flughafen. Vielleicht begann es da. Denn der Flughafen ist ja nichts anderes wie die erste Begegnung mit einem neuen Menschen, da entscheidet sich oft schon, ob es gut geht oder nicht, ob man sich gewogen ist oder nicht, ob da eine feine Verbindungslinie ist, auf der sich aufbauen lässt. Und dieser winzige Flughafen überraschte mich gleich, denn er hatte so gar nichts Provinzielles an sich, sondern die Grandezza einer alten Dame und ganz viel von der südfranzösischen Gelassenheit, die ich so schätzen lernen sollte. Umarmt von der warmen und immer feuchten Luft, eingehüllt, fühlte ich mich so willkommen. Und meine innere Abwehrhaltung bekam erste Risse.nizza_6 - Kopie (2)
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Im Taxi zum Studentenwohnheim nahm ich sie dann zum ersten Mal so wirklich wahr. Blickte auf die Palmen am Straßenrand und wie sie verwinkelter wurde die Stadt, wie die alten Kolonialhäuser zwischen heruntergekommenen Wohnblocks hervorblitzen. Nizza schien so wuselig und lebendig, fröhlich und ein Hauch von Leichtigkeit lag über den Straßen.

In der Rue Passeroni angekommen durfte ich dann feststellen, dass mein Zimmer über kein Bett verfügt, aber der französische Hausmeister konnte das auflösen und mir zeigen, wie man aus dem Tisch ein Bett zaubern kann. „Arbeiten oder schlafen. Beides zusammen geht nicht. Es sei denn man ist in einer Behörde,“ meint er dazu nur schulterzuckend. Vielleicht war das der Moment, in dem meine Distanziertheit, mit der ich mich zuweilen wappne und durch die Welt marschiere, um besser durchzukommen, bröckelte. Denn für guten Humor war ich schon immer sehr empfänglich.
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So lief ich zum Hafen, um mich ein wenig anzufreunden mit der neuen Umgebung und da habe ich es zum ersten Mal so richtig gesehen: Das Licht, in das Nizza getaucht ist. Immer. Eigentlich immer. Der Himmel ist wie ein einziges riesiges Chagall-Bild. Immer und jeden einzelnen Tag wird die Leinwand neu aufgezogen, immer ist etwas Pastelliges da, etwas Goldenes, etwas Leuchtendes. Selbst im strahlendsten Blau scheint ein weicher Schleier durch, ein Weichzeichner. Alle Härte ist genommen, alles leuchtet golden, alles ist so leicht. Da sah ich sie mit neuen Augen und so klar die Stadt. Die Schönheit. Und so genau habe ich es nicht gemerkt, weil man merkt es ja nie, aber da gab es eigentlich schon kein zurück mehr. Da war es schon zu spät.

Und so saß ich dann am Strand, schaute auf die Wellen und da war es, das Gefühl, das manchmal kurz zu Besuch ist, dass ich nie halten kann, weil es auch nicht auszuhalten wäre auf Dauer: Glücklich. Glücklich bis zum Anschlag.

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Es war um mich geschehen. Von dieser Minute an. Und wie jede gute amour fou war ich gleich völlig und vollkommen hin und weg. Das alte Leben war vergessen, weil es schlicht und ergreifend so unendlich blass erschien angesichts des goldenen, mildenen Lichts der Cote´Azure. Ich wollte sofort hier herziehen, nie wieder weg. Ich fühlte mich so wohl, so getragen, so aufgehoben. Ich gehörte hier her. Ich musste einfach hier bleiben. Einfach nur um jeden Morgen das freundliche Bonjour im Cafe zu hören, auf das ich antworten konnte: „Un café creme a emporter sans sucre, sil vous plait“. Ich konnte mich nicht satt sehen an den braunen Beine der schönen Südfranzösinnen, ich wollte jeden Abend Rose trinken, in diesem Käse baden, weil er so gut ist, so mild, würzig und die Auswahl so groß. Ich wollte immer in dieser kleinen Bäckerei einkaufen, nur um dann mein Baguette stolz vor mir herzutragen und mich so französisch zu fühlen. Ich wollte jeden Tag die heruntergekommenen Gassen entlangzulaufen zur Universität, hier und dort einen kleinen Plausch halten, abends noch einmal schnell an den Strand spazieren, ins Wasser springen und dann ganz lange den Wellen zusehen. Jeden Tag wollte ich das. Jeden einzelnen bis an den Rest meines Lebens. Es gab nur schöne Menschen hier, freundliche Menschen, schöne Straßen, schöne Orte, schöne Luft und wenn sie alle über die unerträgliche Hitze klagten, dachte ich mir immer, verdammt, seht Ihr nicht wie schön es hier ist? Ich fühlte mich zurückversetzt in die Tage meiner Studentenzeit, die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit, das Frei sein von Verpflichtungen, auch wenn ich natürlich welche hatte, nur fühlten sie sich hier nicht so an. Wie konnten sie auch? Das war Nizza. In Nizza war alles anders. Es war Liebe.

nizza_stepanini - Kopie (2)Nur zeigten sich in der Liebe schnell auch die ersten Risse. Die Ernüchterung setzte ein. Ich bemerkte quasi die herumliegenden Socken der Stadt. Es gibt Tage, da möchte man auch einfach nur einen Kaffee bestellen und seines Weges gehen und nicht auf „Ca va“ immer mit „tres bien“ antworten müssen und etwas über seine Tagespläne erzählen. Ein wenig bayerische Mürrischkeit zum Start in den Morgen hätte es auch getan. Da waren Menschen, immer und überall nur Menschen und mir dann auch egal, dass die braune wunderschöne Beinen hatten. Und warum muss immer gehupt werden, immer zu gehupt werden und warum zieht die Hitze in jede Ritze meines kleinen Zimmers und setzt sich da fest und schnürt mir den Hals ab, nimmt mir die Luft? Warum sind die Steine am Strand so spitz und groß und auch da – immer alles voll, immer irgendwelche Menschen die picknicken, unendlich schön sind, braun gebrannt, immer fröhlich, alle fröhlich, immer wird flaniert, den ganzen Tag nur flaniert, die Promenaden auf und ab. 

nizza_NIZZA (2)Das ging ein paar Tage so. Sie ging mir schrecklich auf die Nerven, diese Stadt.
Aber als hätte sie gemerkt, dass ich ihr überdrüssig werde, hat sie sich nochmals voll ins Zeug gelegt, ihren ganzen Charme aufgespielt.
 Ich entdeckte das Viertel, das sie in Anlehnung an das Quartier Le Marais in Paris „Le Petit Marais Niçois“ nennen – die Gegend um die Rue Bonaparte, den Platz Garibaldi und das Antiquitätenviertel. Nizza hatte mich wieder. Denn dort kann man den ganzen Tag verweilen, es ist ein wenig ruhiger, es lässt sich herrlich in den Sesseln der Cafés herumlungern und vom Kaffee zum Mittagsrose zu irgendetwas, in dem auch Anis drin ist, übergehen und dann in einen Jazzclub ziehen, in dem ich getanzt habe wie schon lange nicht mehr und wenn es nicht so spät geworden wäre, wüsste ich vielleicht auch die Straße noch, in der er lag.

Im Le Marais Nicois verbrachte ich meine Abende und Wochenenden. Und ich lag am Strand, immer wieder auf dem Surfbrett, ich habe der Sonne beim Aufgehen und beim Untergehen zugesehen. Ich habe ganz viel Bonjour, Bon soir, Au revoir und Bon soiree gesagt, die Kinder bei den Wasserspielen am Brunnen beobachtet, mir Macarons im Lafayette gekauft, die französichen Patisserien leergegessen, weil ich schon wusste, dass muss für mindestens ein Jahr halten, weil die Erkenntnis, dass Nizza und ich nicht für immer sind schon im Kopf angekommen war. Das Herz hielt noch ein klein wenig fest, aber sie hatte mich nicht mehr fest im Griff, die Stadt. Ich hatte schon losgelassen und damit Platz gemacht für so etwas wie Milde. Ich betrachtete die Stadt mit einem Lächeln, großem Wohlwollen und dem Wissen, dass es eine gute Zeit war, eine schöne, für die ich sehr dankbar bin, die aber nicht für die Ewigkeit gemacht ist.
Nizza, Du wirst immer einen festen Platz in meinem Herzen haben. 
Wie jede große Liebe.
Jeder Sommer hat seine Geschichte. Das ist meine.
Un amour fou. Das waren Nizza und ich.

119 049 239 035066 115Orte, an denen man in Nizza sein Herz verlieren kann:

Le Comptoir Central Electrique
10 Rue Bonaparte
Hinter dem Platz Garibaldi liegt das „Comptoir Central Electrique“. Ein altes Elektrogeschäft, das heute Bar, Bistro und Cafe ist. Es ist nicht nur ein herrlich entspannter Ort. Er hat auch eine schöne Geschichte: Ralph Koch, der aus dem Odenwald stammt und vor 25 Jahren ohne ein Wort Französisch sprechen zu können der Liebe wegen nach Nizza zog, als Butler für einen Fürsten gearbeitet hat, einen Second-Hand-Modeladen führte und einfach immer wieder von vorne beginnen musste in seinem Leben, hat sich damit einen Traum von einer Bar erfüllt. Er hat dort einen Ort geschaffen, den ich das Michelsberger von Nizza nenne. 
Am Sonntag  wird ein sehr unglaubliches Brunch aufgetischt. Sonst einfach in den Sesseln sitzen, Kaffee trinken, lesen oder die Menschen beobachten, abends an der Bar sitzen. Für den Dessertteller finde ich keine Worte.

Bel Oeil
12 rue Emmanuel Philibert
Das Bel Oeil ist eines dieser Orte, die mit so viel Liebe zum Detail eingerichtet sind, dass ich mich nicht satt sehen kann und gleich wohl fühle. Das Restaurant gibt es seit drei Jahren. Geführt wird es von einem sehr süßen Ehepaar. Sie in der Küche, er für Wein und den Service zuständig. Es gibt wechselnde Kunstaustellungen und Designstücke, die zum Kauf angeboten werden. Die Karte ist klein, alles regional und sehr liebevoll zubereitet. Ich sage nur so viel: Ich habe französische Blutwurst gegessen, die mir normalerweise so gar nicht schmeckt, aber sie war versteckt in diesem Salat mit Nüssen und vielen Gewürzen, die ich nicht zuordnen konnte, die aber etwas ganz Besonderes waren. Auch die Weine sind außergewöhnlich. Ein Weißwein aus der Rhone, von der man ja normalerweise nur die Roten kennt, beispielsweise. Ich habe außerdem Tartar gegessen und Wassermelonen-Salat mit Feta und eine Kirsch-Mandel-Tarte und ein wunderbares Gazpacho und so vieles mehr. Die ganze Karte rauf und runter. Es war alles formidable. Bis ins kleinste Detail. Nicht weniger.

Deli Bo
5 rue Bonaparte
Eclair in den Varianten Schokolade, Vanille, Kaffee, Karamell. Tarte au citron. Schokoladentarte. Tarte-Macaron-framboise. Millefeuille. Die habe ich probiert. Mandelcroissants habe ich mir fast jeden Morgen gegönnt. Weil das nicht einfach Croissants mit ein wenig Marzipan drin sind, sondern weil eine Butter-Mandelmasse leicht aus dem Blätterteig tropft und dieses Gefühl, wenn der Blätterteig im Mund zerfällt und die noch warme Mandelbuttercreme herausfließt mit nur sehr wenigen Dingen in diesem Leben vergleichbar ist.

Museum für Moderne Kunst, Chagall-Museum und Matisse-Museum
Ich mochte das Museum für Moderne Kunst. Sehr. Yves Klein besonders. Wie lange habe ich schon dieses blauste aller Blaus nicht mehr gesehen. Wie wenig es braucht, dachte ich mir wieder. Und dann ist die Dachterasse, die einem den schönen Blick über die Stadt gibt, der bis zum Meer reicht.
Dann ist da das Chagall-Museum, indem ich die religiöse Seite des Malers entdeckt habe und fasziniert war, wie fieberhaft er gearbeitet hat, noch mit 75 die Kuppel der Oper bemalte, so schwärmerisch war er, so voller Schaffensdrang.
Auf Matisse hatte ich mich sehr gefreut. Auch er hat ein eigenes Museum. Er, über den Picasso verächtlich gesagt haben soll, dass es „halt klar sei, dass er so fröhlich malt, weil er eben die Sonne im Herzen hat.“ Sein Bild „La Danse“ bedeutet mir sehr viel, seit ich meine Abitursarbeit darüber geschrieben habe. Über dieses Bild, dass Energie einfängt und für Leichtigkeit und Lebensfreude steht. Aber dann war es vielleicht die Kombination aus einstündigem Spaziergang in der Mittagshitze den Berg hinauf oder seine Frühwerke, die den Funken nicht so haben überspringen lassen für mich. Dafür mochte ich den Park. Der hat mich versöhnt. Wie sie dort Boule spielen und picknicken, wie es so ruhig war, nur das Zirpen der Grillen zu hören war.

Das alles und mit noch viel mehr bot Nizza auf. Damit legt sich diese Stadt ins Zeug, um einen zu erobern.
Für immer. Oder eben für einen Sommer.
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11 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    stimmt, dieses licht lässt einen nicht mehr los.
    war im märz dort. und sofort versöhnt mit dem leben. noch dazu, weil es ein riesiges feuerwerk auf dem meer gab, zum ende des karnevals. und es am 1. märz schon 21 grad waren und ich ein sorbet schlecken konnte ohne zu frieren… seitdem ist das bild von der baie des anges in der abendsonne meine innere zuflucht

  2. Ganz wundervoll beschrieben, Deine Liebe. Und wenn ich mal was sagen darf, Deinen Humor mag ich. Und den des Hausmeisters.
    Vielen Dank für das Mitnehmen! Nizza merke ich mir. Die Bilder und Deine Beschreibungen haben so viel Lust gemacht auf ein wenig Kosten.

  3. Lieben Dank für diesen einfühlsamen Bericht, die Stadt ist während dem Lesen vor meinem inneren Auge
    gewachsen und mit ihr der Wunsch auch einmal dort hin zu reisen.
    Liebe Grüße, Patricia

  4. Ida sagt

    Ein schöne Sommergeschichte. So eine amour fou hatte ich mit Aix-en-Provence. Wollte nur kurz dort studieren, mal sehen wie es dort so ist, und es wurden zwei Jahre daraus. Habe das Gefühl, diese zwei provenzalischen Sonnenjahre noch immer anzapfen zu können, wenn mir nach Wärme, Licht und Leichtigkeit zumute ist.

  5. ich finde ja, das Licht macht jeden Ort so besonders. Im Süden ist es immer so gleißend, im Norden meistens so hart und kantig… ach ja… Nizza, das wäre es mal wieder… Nun gut, ich begnüge mich derweilen mit deinen schönen Bildern! LG m.

  6. claudia sagt

    …. ein weiterer Post von Dir der mich sprachlos zurück lässt. Immer wieder schaffst Du es, mich zu inspirieren, ein- und anzuhalten….. Danke. Ahoi, Claudia

  7. stepanini sagt

    Liebe Claudia. danke. Danke sehr.

  8. Danke für diesen poetischen, bezaubernden Text über Nizza, das ist als mürrische 14jährige kennen- und später liebenlernen durfte. Überhaupt Südfrankreich… Durch die myself hab ich Deinen Blog entdeckt und lese hier seither immer gerne mit!

  9. Pingback: . – stepanini

  10. Danke für diesen inspirierenden Beitrag und die einladenden Fotos dazu. Nizza steht auf meiner Wunschliste ganz weit oben, und nun habe ich noch mehr Lust und Vorfreude darauf bekommen. Merci!

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