Schwache Momente und klarer Geist

Über das Für und Wider digitaler Bücher lässt sich vortrefflichst streiten. Den einen geht nichts über die Haptik des Gedruckten, die anderen preisen den Vorteil des leichten Reisens und wie viele Stücke Weltliteratur doch in so einen kleinen Kindle passen.

Ich erinnere mich noch gut an meine Studententage und die Besuche bei Kommilitonen oder Freunden von Kommilitonen und mein Blick auf die Bücherregale, in dem sich sämtliche Goethe und Schillerausgaben neben Lessing, Schnitzler und Odysseus stapelten. Rilkes Sommergedichte lagen fein säuberlich neben dem Bett aufgeschlagen. Ein wenig ungebildet kam ich mir dann vor, weil mir während des Studiums durch den Zwang, unter dem ich nie gut funktioniere, zeitweise die Lust an der Literatur und Sprache abhanden gekommen war und als ich dann später etwas ganz anderes in Angriff genommen hatte, war der Kopf abends einfach zu voll als dass noch der deutsche Literaturkanon oder griechische Mythologie reingepasst hätten. Erst später ist mir aufgegangen, dass so mancher das auch nicht gelesen, sondern nur dekorativ im Regal zur Schau gestellt hat. Wobei ich nicht ausschließen will, dass der ernsthafte Wunsch es zu lesen und nicht nur das demonstrative Vorzeigen Grund für die Wohnzimmerbestückung war.

Das geht in Zeiten des digitale Lesens nicht mehr, denn das ist gnadenlos. 2% blinkt es auf der Anzeige unten gleich neben der Seitenzahl der Homer-Ausgabe und zeigt damit unvermeidlich auf, dass man es über das Inhaltsverzeichnis hinaus nicht einmal bis zum Vorwort geschafft hat. Wobei mich Homer daran erinnert, dass der ehemalige Verteidigungsminister Guttenberg mal in einem Interview nach seiner Lektüre in den Sommerferien gefragt, antwortete: „Homer im Original“. Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?, habe ich mir damals beim Lesen gedacht. Es muss ja nicht gleich Hera Lindt oder Ildikó von Kürthy sein, aber Donna Tart hätte doch auch gereicht. Aber vielleicht hat er wirklich auch lesen wollen und es war nicht nur eine aufmerksamkeitsheischende Antwort. Das Bild, das man von sich selbst gerne hätte, so wie man gerne gesehen erscheinen würde in den Augen der anderen, hat nun einmal eine starke Anziehungskraft und ist mitunter attraktiver als das, mit dem man in der Realität vorlieb nehmen muss.

Ich lese mal digital und mal nicht. Und immer zu Ende.
Selbstoffenbarung tritt bei mir in anderen Bereichen zutage: Bei Flughafenshop-Einkäufen. Am Ende eines langen Werktages, an dem ich früh aufgestanden bin, mich durch Protokolle und Meetings gekämpft und an Konferenzkeksen sattgegessen habe, greife ich am Abend ausgezehrt zu anderen Büchern, als ich das in wachem, ausgeruhtem Zustand tun würde. Die Willenskraft und Disziplin ist erschöpft und dann treten sie hervor die kleinen, stillen Sehnsüchte, die manches Mal am Abend an der Bar oder bei einem schönen Essen oder an langen Sommerabenden zur Sprache kommen, aber im Alltag wenig Platz haben.

Der Titel „10% Happier“ ist eigentlich nicht entschuldbar. Also eventuell durch meine lange Vorrede, dass es eben ein anstrengender, aufreibender Tag war und ich vielleicht einfach das wollte: 10% glücklicher sein. Ich fand das sogar angemessen realistisch.
Es ging um Meditation. Das war mir mit dem Überfliegen des Klappentextes nicht ganz klar oder ich hatte es überlesen. Gut so, denn sonst hätte ich es vielleicht weggelegt.

Dan Harris hat es geschrieben. Einer, der in den USA sehr früh und sehr schnell und sehr jung eine erfolgreiche Karriere als Anchorman hingelegt hat. Das spontante Agieren vor der Kamera vor einem Millionenpublikum und unter dem permanenten Zeitdruck der Nachrichten ist eine anspruchsvolle Aufgabe und diesem Druck hielt er irgendwann nicht mehr stand und erlitt einen Nervenzusammenbruch vor laufender Kamera. Wenn so einer danach ein Buch schreibt, wie er in dieses Dilemma hineingerutscht und wie wieder herausgekommen ist, wie man Ruhe in den Tag und die Gedanken bringen kann und so ein kleines wenig glücklicher leben kann, dann höre ich mir das gerne an. Glaubwürdiger als Guttenbergs Lektüreninszenierung schien es mir allemal.

Genug gerechtfertigt. Ich bin bisher in der Yogastunde eher die gewesen, die das mit dem Nachspüren recht schnell erledigt hatte und das sogar als Vorteil sah, weil ich dann als Erste draußen und damit die Duschen für mich alleine hatte. Ich will sagen, dass Meditation sehr weit weg ist von einer wie mir, die ich eher sprunghafte Gedanken hege, die zudem auch noch kreisen und beruflich sogar von den daraus resultierenden Geistesblitzen profitiere, dem schnellen Assozieren und Verknüpfen im Gehirn. Das ist allerdings das komplette Gegenteil von Ruhe im Kopf. Dachte ich.

Aber da hatte ich mich geirrt. Ich mochte dieses Buch, weil es mir etwas näher gebracht hat, dass ich bisher weit von mir gewiesen hätte und nicht in Erwägung gezogen hätte. Ich mochte, dass er nicht esoterisch und abgehoben von seinen Erfahrungen berichtet, sondern mit Skepsis beginnt und die dann Stück für Stück, Seite um Seite ablegt. Ich mochte, dass ich viele Parallelen sehe, mich erkannt gefühlt habe und schlicht und ergreifend den Gedanken beruhigend fand, dass es jemand anderem da draußen auch so geht. Ich habe es innerhalb von zwei Tagen gelesen. Ich habe seinen Vortrag bei Google entdeckt, der mir sehr gefallen hat. Über ihn die Bücher von Sam Harris entdeckt, die ich interessant finde und überhaupt hat sich aus einem „schwachen“ Moment voller Müdigkeit viel Schönes ergeben, das mir heute noch hilft. Ich mochte es, weil ich etwas wiederentdeckt habe in guten Zeiten, was ich im Studium in den Prüfungsvorbereitungen kennengelernt habe, nur damals nicht als solches erfasst habe. So konzentriert war ich über lange Zeit, dass diese Wachheit und Klarheit über die Lernphasen hinaus anhielt und mich vieles in der Umgebung mehr wahrnehmen lies. Eine gesteigerte Ruhe und Aufmerksamkeit. Das hatte ich vergessen mit den Jahren, weil ja nicht dauernd geistige Höchstleistungen gefordert waren. Aber manches Mal gelingt es mir jetzt wieder: 10% wacher und klarer zu sein und nicht jedem Gefühlsorkan und Gedankenbeben hilflos ausgeliefert zu sein. Das verdanke ich diesem Buch, einem schwachen Moment und dafür bin ich ganz ohne für und wider dankbar.

P.S. Nur wenig mit dem Buch, aber mehr mit digitalem Lesen und ein Beispiel für Gedankensprünge von der guten Sorte: Ich mag dieses Kunstprojekt. Silvio Lorusso und Sebastian Schmieg haben die drie beliebtesten Amazon Kindle Bücher genommen (die übrigens interessanterweise dem Genre der Selbsthilfe zuzuordnen sind, was im digitalen Lesen wohl überproportional vertreten ist) und nur die am häufigsten angemarkerten Textstellen als eigenes Buch veröffentlicht. „Our behavior is a function of our decisions, not our conditions“ heißt die Arbeit.

 

 

2 Comments
  1. chouette22

    12. März 13:40

    Sehr interessanter Bericht – vielen Dank! Mein Mann hat dieses Buch gelesen und auch sehr gut gefunden. Ich habe es nun, nach diesem zweiten Anstoß, gleich in meiner Bücherei reservieren lassen (lebe in den USA).

  2. […] dem Buch von Dan Harris gab es eine schöne Stelle, die wenig mit dem ganzen Inhalt zu tun hat, aber mich dennoch […]

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