einschlafen und aufwachen

Jeder Mensch hat seine Mechanismen um mit dem, was das Leben einem so entgegenschleudert oder auf den Rücken packt, umzugehen. Die entwickeln sich eben im Laufe der Jahre. Welches Geheimrezept aus dem Apothekerkasten gegen die Sinnfragen und den Weltschmerz am besten funktioniert, hat man irgendwann heraus. Manche rennen davon, mancher betrinkt sich, andere zerstreuen sich und manches Mal hilft auch nur alles zusammen oder wahlweise hintereinander. Mache ich auch alles gerne. Aber mein ultimatives Heilmittel ist der Schlaf. In den Momenten, in denen die Welt ein wenig zu viel für mich ist und ich nicht weiß was tun, wie die richtige Antwort lautet, was jetzt das Passende zu sagen, zu tun oder zu lassen wäre, da ist für mich die Lösung: Mich hinlegen. Mich ins Bett begeben, schlafen oder wenigstens wegdämmern ist ein recht zuverlässiger Ausweg aus jeder noch so komplexen Fragestellung. Wobei ich eigentlich nur einschlafen möchte, um dann wieder aufzuwachen. Egal zu welcher Tageszeit ist Aufwachen auch immer ein Neubeginn. “There is always a second chance: It is called tomorrow” oder wie Audrey Hepburn gesagt hat:”  I believe that tomorrow is another day and I believe in miracles.” Jeder neue Morgen, jedes Aufwachen bedeutet eine neue Chance. Eine neue Gelegenheit. Restart. Und damit die Möglichkeit, dass es besser werden kann, dass ich es besser machen kann.
Aber selbst in guten Zeiten, in denen alles läuft wie geschmiert, ist Schlafen eine so herrliche und vollkommen unterschätze Betätigung. Ich mag mein Bett. Sehr. Das ist ein herrlicher Ort zum Lesen, Dösen und sich weit weg träumen. Schlafen ist in dieser superoptimierten, durchgetakteten Zeit meine eigene, feine Form des Widerstandes. Lange schlafen, mich mittags nochmals hinlegen oder während alle Welt draußen wilde Parties feiert einfach früh mit einem Buch ins Bett zu gehen, gibt mir ein herrliches Gefühl der Rebellion. Systemkritik nach meinem Geschmack. Und hilft gegen Falten. Double win.

In einem meiner liebsten Bücher von Haruki Murakami geht es um Frau, die nicht mehr schläft. 17 Tage lang nicht. “Schlaf” heißt konsequenterweise die Erzählung, die leider so wenig verbreitet ist. Sie ist zudem wunderschön illustriert. Sie hat das, was so viele Geschichten von Murakami trägt und durchzieht: Den Menschen darin passiert das Leben. Es kommt so über sie, sie wehren sich nicht, sie kämpfen nicht, sie ergeben sich einfach. Die japanisch, elegante Art sich der Welt zu stellen.
In der Erzählung wird eine Frau aus der Gleichförmigkeit ihres Alltags geworfen, als sie bemerkt, dass sie auf einmal nicht mehr schlafen kann. Das verwundert sie zwar, aber sie begehrt nicht auf, sondern nutzt ihre Nächte, die schließlich aufregender werden als ihre Tage. Die schlaflosen Nächte werden ihr eigener Rückzugsraum.
Es ist ein ruhiges Buch, sanft wie ein Traum. Realität und Fantasiewelt verschwimmen, es ist wie dieser Zustand kurz vor dem Aufwachen. Schon da, aber noch nicht ganz. In dieser seltsamen Zwischenwelt, die klar scheint und verträumt wirkt und einem noch offen steht, auf welche Seite man wechseln will.

Es endet abrupt. Wie manches Mal der Schlaf mit dem Weckerklingeln am Morgen.
Es ist eine kurze Geschichte. Eine, die man gerne zum Einschlafen lesen kann. Denn das Aufwachen danach wird ein anderes sein. Und der Tag auch. Ein Tagtraum.
Es ist ein, wie ich finde, ganz wunderbarer, leiser und zarter Murakami, der eine klare Sprache spricht und es ist so schade, dass die Erzählung so wenig bekannt ist. Genauso wenig wie das günstigste Medikament der Welt und Heilmittel gegen fast alles: Einfach wegdämmern.

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4 Comments
  1. Tanja

    30. August 13:33

    ES ist wie mit allem, man schätzt den Schlaf nicht so lange man ihn hat. Seit dem ich Mutter bin habe ich erst gemerkt wie wichtig er für mich ist. Nach einer Nacht mit 3 Stunden Schlaf fühlt man sich wie ein halber Mensch. Deshalb bewundere ich die Menschen, die behaupten Sie kämen mit 5 Stunden Schlaf wunderbar aus. Nein, ich brauche mehr. Weil ich nur dann vollkommen runter fahre, meine Sorgen vergesse und ganz ungestört in meinen Träumen versinken darf. Und danach, wie du so schön geschrieben hast, ist alles neu und irgendwie leichter. Die Sorgen von davor erscheinen verblasst und es fühlt sich an wie ein Neuanfang. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, ein Zauber der mich anspornt, weil er ganz leise flüstert, dass es weiter geht und alles besser wird. Nicht weil ich über Nacht besser geworden bin, sondern ein neuer Tag eine neue Chance ist, es besser zu empfinden.
    Ich werde das Buch lesen.

    • stepanini

      2. September 20:07

      Liebe Tanja, wenn Du mir per Mail Deine Adresse schickst, schicke ich es Dir gerne. Mit Lesecken zwar, aber nicht den achtlosen, sondern den bedeutungsvollen.

  2. Heidi

    2. September 14:47

    Liebe Stepanini,
    ich lese eigentlich nicht gerne und es gibt nur wenig Texte oder Bücher, bei denen ich wirklich hängen bleibe, deshalb war es ein wunderschönes Erlebnis für mich gerade, als ich diesen Tex von dir gelesen habe. Ich konnte meine Augen davon nicht abwenden, der Text, die einzelnen Zeilen und Wörter haben mich immer wieder zum Weiterlesen ermutigt, weil sie so treffsicher und ästhetisch schön formuliert sind. Ich war ein bisschen wie in Trance. Gleichzeitig hat mir das WAS du geschrieben hast sehr gut gefallen. Ich dachte mir: Endlich spricht das jemand aus! Das mit dem Schlafen gehen und das der hilft, den Weltschmerz ein bisschen zu vergessen.
    Dein Text war echt eine sinnliche Erfahrung für mich und ich freue mich von ganzen Herzen weiterhin von dir lesen zu dürfen. Es ist wie ein kostbares Geschenk. Danke dafür! Heidi

    • stepanini

      2. September 20:05

      Liebe Heidi,
      ich sage Danke. Für Deine Worte, die mich sprachlos, ein wenig verlegen, aber sehr glücklich zurücklassen. Und statt “Hab es gut”, wie ich sonst schreibe, lege ich bei Dir noch ein “Schlaf gut” obendrauf.

      Liebe Grüße

      Stephanie

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