1. August

jetzt spreche ich

12755772124_3aa1ec2971_zEin Abend, an dem nach der Arbeit noch Cocktails getrunken werden. Eine bunte Mischung aus Männer und Frauen durch den Beruf bekannt, lose verbunden. Die kleinen Gesprächen über Alltag, Job, Karriere. Die erste Runde war gut. Es wird eine zweite bestellt und auf die Frage, was es denn jetzt sein darf, sagt eine Stimme: „Nochmals das mit Gin.“ Und eine andere: „Das, was am wenigsten Arbeit macht.“ Und ich muss nicht auf die Tonlage achten, um zu wissen, welchem Geschlecht welche Bestellung zuzuordnen ist. 
Da musste ich an diese Sätze von der Soziologin Deborah Tannen denken, die ich letzt über Kommunikation gelesen habe und ob sie wahr sind oder nicht, ob sie sich wirklich auf das Geschlecht beziehen oder mehr auf den Charakter, das sei jedem selbst überlassen. Weiß ich selbst nicht so genau.
Aber wie oft man doch die gleiche Sprache spricht und doch aneinander vorbei redet. Dass muss nicht mit Mars und Venus zusammenhängen, aber auf die Art und Weise wie der einzelne Mensch sich selbst in der Welt verortet schon. Und das, dass was ich zum anderen sage, an ihn gerichtet, doch soviel mehr über mich selbst aussagt. 
 
„Mein Mann begegnet der Welt auf eine Art und Weise, wie sie für viele Männer typisch ist: als Individuum in einer hierarchischen Ordnung, in der entweder unter- oder überlegen ist. In dieser Welt sind Gespräche Verhandlungen, bei denen man die Oberhand gewinnen und behalten will. Ich dagegen nähere mich der Welt so, wie viele Frauen es tun: als Individuum in einem Netzwerk zwischenmenschlicher Bindungen. In dieser Welt sind Gespräche Verhandlungen über Nähe, bei denen man Bestätigung und Unterstützung geben und erhalten möchte und Übereinstimmung erzielen will.“
 

In diesem Fall lag nicht im Wein die Wahrheit. Die Selbstoffenbarung erfolgte bereits beim Ordern eines weiteren Gin Tonics.

6 Responses

  1. Susanne sagt:

    Wie wahr das doch ist! Die Frage, die sich mir nun aufdrängt: bleiben wir, wo und wie wir sind, oder streben wir eine Veränderung an? Und falls zweiteres: für wen?
    …und während ich noch tippe merke ich schon, wo ich stehe und wie sehr ich darin (noch?) verhaftet bin!

  2. stepanini sagt:

    Hallo Susanne, ich bin da selbst so unschlüssig. Auch ob das eine Geschlechterfrage ist. Es traf mich da aber wirklich so. Nur mit einem Ohr den halben Satz gehört. Wie zwei bestellen. Wie was der andere zu mir sagt, oft so viel mehr über ihn aussagt, als, das was bei mir ankommt. Wie schwer Kommunikation ist. Wie viel sie offen legt. Ging mir lange nach. Geht es immer noch.

  3. Julia sagt:

    Ich glaube nicht, dass es eine Geschlechterfrage ist, sondern eine der Sozialisation. Ansonsten würde mir nicht immer wieder von beiden Geschlechtern gesagt werden, ich verhielte mich wie ein Mann 🙂

  4. Werner sagt:

    Ein Beitrag, der mich mal wieder daran erinnert, an meiner Sprache zu arbeiten…

  5. Micha sagt:

    Wobei die Sprache nur *laut macht*, was wesentlich dahinter steht. Wonach orientiere ich mich im Zwischenmenschlichen: nach dem gesellschaftlichen Status meines Gegenübers oder nach Herzensbildung. Dabei kann der Ton Gefallen oder Missfallen äußern – so oder so…

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