Sachunterschätzung und ihre Folgen

Ich komme aus einer Kleinstadt. Was das bedeutet, können nur Menschen nachvollziehen, die auch in einer groß geworden sind. Es mag einen Anklang haben von den Erzählungen unserer Eltern „wir hatten ja nichts damals“, aber es ist wahr.  Es wurde nicht viel geboten. Die Auswahl war begrenzt, weswegen es auch auf einen Führerschein hinzufiebern galt oder wenigstens mit Menschen befreundet zu sein, die einen ebensolchen besaßen. Weil dann kam man raus. Dann gab es neben Marktplatz, Waldrand und Café Muck noch weitere Optionen um den Abend zu gestalten.

Eng kam es mir vor und nach der Schule wollte ich nur eines:  Ganz schnell und möglichst weit weg. Eines wurde mir erst später klar: Weil es nicht so viel gab, wusste ich vielleicht auch gar nicht, was alles nicht geht. Ich habe das Machen gelernt.

Als ich siebzen war stand aus mir nicht mehr bekannten Gründen ein kleiner Laden in einer der abgelegenen Seitenstraßen frei. Den habe ich mit Freunden zusammen gemietet. Das erscheint mir heute noch wie eine Ungeheuerlichkeit. Damals habe ich nicht weiter darüber nachgedacht. Wie wir das genau gemacht haben, wer einen Mietvertrag unterzeichnet hat, wer die Kaution bezahlt, wo wir die überhaupt her hatten, wer gebürgt und gehaftet, sich eben um all diese Sachen gekümmert, um die man sich nun mal zu kümmern hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass wir von irgendwoher Sofas aufgetrieben und gestrichen, die Schaufenster dekoriert und daraus so etwas wie einen Jugendtreff gemacht haben. Ich weiß, dass wir ein Konzert organisiert haben auf dem Vorplatz der Straße. Mit Bühne. Wir hatten alle Bekannten und die noch so entferntesten, die irgendwas mit Musik machten gefragt, ob sie dort spielen wollten. Und das dann auch gemacht. Der Ton war schlecht, weil keiner eine Ahnung von Tonanlagen hatte. Beleuchtung gab es außer einer Lichterkette keine. Keiner von uns hatte von irgendetwas Ahnung. Vielleicht war genau das das Gute.

Es erscheint mir heute fast unwirklich. Habe ich das wirklich gemacht? Allein beim Gedanken daran, fängt es im Kopf leise zu rattern an. Was ist mit Gema-Gebühren? Sind wir versichert? Muss man das nicht anmelden? Was wenn sich jemand verletzt? Wer haftet?
Das alles kam mir damals nicht in den Sinn. Das ganze Paket des Erwachsenenlebens, der Verantwortung, die kleinen Narben, die geblieben sind nach den Stürzen und jetzt manches Mal noch weh tun und mich daran erinnern, dass nicht immer alles gut ausgeht – all das war noch nicht da. Ein einziger großer Möglichkeitsraum. Der mich oft genug überfordert, manchmal aber auch gefordert hat. Dass etwas nicht gehen könnte, kam mir noch gar nicht in den Sinn.

Es gab vor einigen Jahren mal einen Tweet, in dem sich ein siebzehnjähriges Mädchen beschwerte, dass sie in der Schule Gedichtsanalysen in drei Sprachen gelernt hat, aber keine Ahnung von Versicherung und Miete hat. Das war ein kleiner Aufschrei und das Bildungssystem wurde angeprangert und etwas über Lebensfähigkeit philosophiert. Die Frage ob Poesie einen auf eine andere Art und Weise auf die Wirklichkeiten des Lebens vorbereitet wurde weniger gestellt. Das mit der Miete und der Haftpflichtversicherung lernt man doch früh genug, dachte ich mir.

Manchmal vergesse ich auch heute noch, was alles nicht geht. Sage zu schnell Ja aus einem Impuls heraus. Denke nicht nach und schon gar nicht an die Folgen. Wird schon nicht so schwer sein. „Du stellst Dir immer alles so einfach vor“, brach es einmal bei einem vorwurfsvoll im Streit mir gegenüber heraus. Ein Anklagepunkte, der mich nicht traf, sondern im Gegenteil sogar etwas stolz macht. Ich neige nicht zur Selbstüberschätzung, aber zur Sachunterschätzung, habe ich es im Rückblick diagnostiziert. Es gibt schlimmere Charakterfehler.

Natürlich hat das Erwachsensein auch bei mir Spuren hinterlassen.  Dann fange ich an zu überlegen, warum und wie genau das gehen soll und was da alles dranhängt, was alles zu beachten ist, warum es nicht klappen könnte und eventuell sehr schwierig wird. Oft fange ich dann gar nicht erst an.

Aber manchmal. Manchmal mache ich auch einfach.
So wie früher. Und so wie früher finden sich Mitstreiter. Dann verfluche ich mich natürlich zwischendrin, weil das zuviel ist, weil das doch nicht sein musste. Ich verfluche mich allerdings selten im Nachhinein. Ich frage mich währenddessen, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe. Nichts ist die ehrliche Antwort. Und das ist gut so.

Man kann mehr machen, wenn man weniger denkt.
Gelernt in jungen Jahren in der Kleinstadt, angewendet erst letztes Wochenende wieder.

 

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6 Comments
  1. Minon

    15. Oktober 19:52

    Deinen Mumm möcht ‚ ich haben ! Toll sieht das aus,was ihr da gemacht habt ! Ich bin immer viel zu sehr im Denken, im „ach..“ und “ aber..“ Dabei sollte man es halten wie Pippi Langstrumpf, die da sagte : „Das hab ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, daß ich es schaffe…“
    Eine gute Woche wünsch ich dir !

  2. M i MA

    15. Oktober 20:12

    Oh ja, es gibt weiß Gott schlimmere Charakterfehler. 🙂 Ich weiß nicht mal, ob mit der Sachunter-, wirklich eine Selbstüberschätzung einhergeht oder ob es nicht einfach die Lust am Möglichmachen ist – auf die Gefahr hin, dass man scheitert (was erstaunlicherweise gar nicht so oft geschieht). Apropos: Da war doch was, was wir noch ausprobieren wollten 😉

  3. Esther

    16. Oktober 8:30

    toller post, wunderschöne bilder (!!!) und ein ebenso schönes video. vielen, vielen dank dafür, mich, uns damit in die neue woche starten zu lassen. die schmeckt gleich viel besser und bunter!

  4. Nessie

    22. Oktober 11:53

    Ich bin ganz anders: Ich ueberlege 100.000 Mal, vorwaerts und rueckwaerts – und stehemir eigentlich selbst immer im Weg. Ich bin ein Organisationstalent – aber auch ein Schisser… LEIDER. Darum bewundere ich Menschen wie Dich. Und bei dem Essen waere ich sehr gerne Gast gewesen.
    LG Nessie

    • stepanini

      23. Oktober 20:42

      Ich bin auch ein Angsthase. Aber habe mal den Satz gelesen, dass wir weniger Ängste haben, je mehr wir uns unseren Ängsten stellen. Und dann habe ich das versucht im Kleinen. Und oft hat es funktioniert. Oft aber auch noch nicht.

      19. November ist das nächste – es wird bunt. Und ich habe viele Ideen, aber keine Ahnung, wie es zu schaffen ist.

  5. Andrea Langenbacher

    26. Oktober 9:09

    Mir geht das Herz auf, wenn ich diesen Text lese. Ja, ja, ja murmelt es in mir während des Lesens. Ich habe bisher nur noch nicht die richtigen Worte dafür gefunden. Und: wunderschöne, stimmungsvolle Fotos.

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