Gebietsabgrenzung

469“Ich hatte begriffen, dass jeder Mensch ein Gebiet der Zeit bewohnt und ihm nie entkommen kann.
Manche Menschen leben in der fortdauernden Vergangenheit, es sind die mit der geringsten Lebenslust: Sehnsucht schadet dem Verlangen.
Andere leben in der abgeschlossenen Vergangenheit: Sie brechen mit allem und jedem, keiner weiß, warum und wieso, vielleicht allein um der Freude willen, das Messer schneiden zu hören.
Wieder andere Menschen sind imstande, in der Gegenwart zu leben: Mit ihnen kommt man am leichtesten aus, weil sie mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie besitzen jene Höflichkeit, die man für banal und natürlich halten könnte, während sie in Wirklichkeit eine Seltenheit ist: die Höflichkeit da zu sein. Sie sind da, wenn sie sprechen, da, wenn sie ein Gericht kosten, und da, wenn sie in Wut geraten, da, und nicht woanders, wenn sie lieben. 
Und ich? War ich jetzt bereit für die Gegenwart, nachdem ich so lange in der Zukunft gelebt hatte?

aus: Lied für eine geliebte Frau von Erik Orsenna

2 Comments
  1. eni

    21. Februar 23:02

    was für große worte.
    sie bereiten mir eine wunderbare gänsehaut.
    das buch klingt tief, wundersam, traurig und vom glück zugleich.
    irgendwie.
    ich sollte es lesen. irgendwann. ganz bestimmt.

    liebgruss
    eni

  2. […] in der Playlist auftaucht, dann ist das eine gute Erinnerung an zwei Dinge, die ich immer wieder vergesse: Dem Leben und mir vertrauen und den Moment genießen, weil er das einzige ist, was wir haben. […]

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