Unangenehm, aber wirkt

123128Eine Strategie, um erfolgreich durch den Tag zu kommen, ist, die Dinge, die man meidet oder ungern tut, zuerst zu erledigen.

Ich habe dieses Buch gleich nach Erscheinen gelesen, was ich selten tue, aber es ist eben ein Houelllebecq und was soll ich sagen? Ich hege eine gewisse Verehrung für ihn. Er greift Stimmungen der Gesellschaft auf und packt sie in Romane und dafür und für vieles andere mag er umstritten sein, aber ihm sind große literarische Schachzüge gelungen und ich ihm irgendwie verfallen.
Mit meiner Verehrung für ihn stehe ich zuweilen alleine da, weil er aneckt und schwer verdaulich ist und trotz meiner Bewunderung für ihn habe ich sein neustes Buch “Unterwerfung” mit großem Unbehagen aufgeschlagen.

Ein paar Seiten gelesen, weglegen, erst einmal durchatmen, noch ein paar Seiten.

Das liegt zum einen daran, dass die Fiktion zu nah an der Realität ist. Die Bilder der Anschläge in Paris  sind noch so präsent und der Plan, der tagesaktuellen Aufgeregtheit zuweilen in Büchern zu entfliehen, geht hier nicht auf.
Es ist ein Buch, das aufstößt. Worte zu lesen, die schwer im Magen liegen, die hart treffen. Wie er über Frauen schreibt und deren gealterte Körper abfällig kommentiert. Wie er eine islamisierte und totalitäre Gesellschaft schildert, in der ich nicht leben will. Leichte Kost sieht anders aus. Aber weil Wegsehen und Unangenehmes meiden keine Option sein kann, deshalb ist es ein gutes Buch.

Und aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Bücher diese Welt zu einer besseren machen könnten. Das kann Literatur. Sie zwingt uns, den Platz eines einzunehmen, dessen Leben wir sonst nie verstehen würden. Wir fühlen uns in Effi Briest einer Ehebrecherin nahe, wir sehen die Welt durch deren Augen und das führt vielleicht dazu nicht mehr so schnell zu urteilen.

Die Welt durch die Augen eines älteren Franzosen, der als Universitätsprofessor in einer Gesellschaft lebt, die politisch umbricht, gesehen zu haben, war nicht immer angenehm. Aber ich bin dennoch froh, es nicht vor mir hergeschoben zu haben. Es bringt mich ein kleines bisschen besser durch die Welt, lässt mich manche aktuelle Diskussion aus einer anderen Perspektive sehen.

6 Comments
  1. Kitti

    2. März 10:13

    Danke sehr für deinen Post. Ich fand es wirklich interessant. LG, Kitti

  2. Iris

    2. März 20:25

    Liebe Stephanie,
    ich glaub, ich les’ das Buch nicht. Wie du ihm aber etwas Positives abgewonnen hast, spricht für dich.
    Liebe Grüße
    Iris

    • stepanini

      3. März 21:08

      Liebe Iris, aber ich habe gerade eines gelesen, das wirst Du mögen. Wir haben Raketen geangelt. So schön.
      Nicht Herta-Müller-traurig, sondern schön-traurig-beschwingte Kurzgeschichten. Immer wieder anders, aber Bilder im Kopf hinterlassend. So fantasievoll.

      Liebe Grüße

      Stephanie

  3. Buchbindung | stepanini

    5. März 6:11

    […] Mein Versuch über die Wirkung eines Houellebecq-Buches zu schreiben ist natürlich kläglich angesichts dessen, was er selbst über die Bedeutung von Literatur in besagtem schreibt. “Über die Literatur ist vieles, vielleicht zu vieles geschrieben worden (als Literaturwissenschaftler steht mir dieses Urteil mehr als jedem anderen zu), dabei ist die spezifische Besonderheit der Literatur, der hohen Kunst der westlichen, vor unseren Augen untergehenden Welt nicht schwierig zu bestimmen. Die Musik kann im selben Maße wie die Literatur erschüttern, eine gefühlsmäßige Umkehr, Traurigkeit oder absolute Ekstase bewirken; die Malerei kann im selben Maße wie die Literatur verzücken, einen neuen Blick auf die Welt eröffnen. Aber allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen; mit allem, was ihn berührt, interessiert, erregt oder abstößt.  […]

  4. zuhauseundunterwegs

    7. März 11:02

    Liebe Stephanie, schön, Deine Sicht zu lesen. Schon oft bin ich an Houellebecqs Neuestem herumgeschlichten, hielt ihn in der Hand, blätterte durch die Seiten, las ein paar Sätze. Immer kurz davor das Buch zu kaufen, um es dann doch wieder zurück auf den Stapel im Buchladen zu legen – vielleicht, ist die Erwartung zu hoch?. Die Plattform fand ich bereits so ernüchternd, dass ich danach keinen seiner Romane mehr gelesen habe. Unantastbar seine Elementarteilchen, gelungen die Ausweitung der Kampfzone. Hab einen feinen Samstag, Daniela

  5. stepanini

    7. März 14:31

    Liebe Daniela,
    Ausweitung der Kampfzone – damit hatte er mich. Hätte man auch kürzer auf den Punkt bringen können, aber das ist einfach ein unglaublich gutes Buch, das mich so lange beschäftigt hat. Dann sind es immer wieder Aphorismen. Und ein Kampf mit ihm. Aber irgendwie hat er sich festgesetzt bei mir.
    Liebe Grüße, Stephanie

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