Ich packe, packe ich, es packt mich. Ein Verb neu konjugiert.

4. Juli

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18371626443_1862abf842_zGepackt. Oder besser gesagt alles Nötige in der Reisetasche verstaut. Gepackt klingt so nach bereit, fertig, vorbereitet.
Das bin ich nicht.
3 Wochen Sommeruniversität in Nizza. Nervös, gespannt, aufgeregt wie immer, wenn ich mir mal etwas überlegt hatte, um dann wenn ich kurz davor stehe, denke, dass das vielleicht doch keine so gute Idee war, aber ein Zurück sehr unelegant wäre und ich aus dieser Nummer wohl nicht herauskomme.
Dass sind die 3-Meter-Brett-Momente des Lebens. Und von denen habe ich so einige. 
Ich bin ein großer Angshase. Ein sehr großer. Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich immer wieder die Stufen zum Sprungturm hochgehen will. Immer wieder Anlauf nehmen. Und springen.
Weil die andere Angst noch größer ist. Die Angst vor der Angst: I fear the fear of letting fear hinder me to do things. Kein Garant dafür, dass es nicht doch weh tut, höllisch schief geht, blamabel ist, eine Voll-Katastrophe. Aber das ist egal.
Die Malerin Georgia O´Keeffe, die den Blumenbildern das Kitschige nahm, hat es schön ausgedrückt: “I’ve been absolutely terrified every moment of my life and I’ve never let it keep me from doing a single thing that I wanted to do.” Und auf einmal ist man bei der Furchtlosigkeit gelandet. Nicht gelandet. Das klingt so einfach und als würde man dort abgesetzt. Aber ich bin näher dran an der Freiheit, die mir so wichtig ist. Das Wichtigste vielleicht.

In diesem Sinne: Ich habe gepackt. Hello Nice.
Und überhaupt: Wann ist man bitte jemals zu etwas bereit? Ich packe es an.

jugendfrei

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18531076064_8577125d87_z18965915730_f9063c2c6c_zEs ist ein Jugendbuch. Es ist kein Jugendbuch. Es ist ein Buch für jedes Alter. Es ist ein gutes Buch. Einfach geschrieben behandelt es den komplizierten Sachverhalt des Daseins, dessen was das alles hier soll, ob es sich lohnt unser aller Rennen, Machen und Tun. Eigentlich ideal für die Sommerzeit, in der die Lebensträume vom Urlaub genährt, wieder erwachen. So muss es doch sein, das Leben. Immer. Nicht nur die zwei Wochen auf dem Balkon in der Toskana. Es ist ein Urlaubsbuch. Es ist ein Buch für jede Zeit.

Ich habe überlegt, ob ich es meinen Kindern zu lesen geben würde. Der erste Instinkt war: Nein. Zu hart und ich muss doch beschützen. Alles Schlechte fernhalten. Um dann schon in der nächsten Minute festzustellen, wie töricht dieser Gedanke ist. Weil ich doch so oft sehe, dass Kinder in den wichtigen Dingen des Lebens manches Mal so viel weiser sind. Der Instinkt noch so wach, das feine Gespür für die Zwischentöne, die Schwinungen, für das Wichtige im Leben, den jetzigen Moment. Da wurde noch nicht oft genug sich zusammengerissen, auf die Zähne gebissen, als dass sich ein Panzer hätte bilden können, der dann irgendwann auch das Schöne nicht mehr durchlässt. Der, der bewahrt, aber auch blind macht für das Essentielle. Der, der leichter ertragen, aber auch schwerer zu ertragen macht.
Nichts. Nichts erzählt von Pierre Anthon, einem Schüler, der eines Tages mitten im Unterricht feststellt, dass nichts zählt, nichts wichtig ist. Nichts. Alles sinnlos. Es hat keine Bedeutung. Nichts.
Daraufhin macht er das einzig Folgenrichtige: Er steht mitten im Unterricht auf, sitzt fortan auf den Ästen eines Pflaumenbaums und ruft seine Einsicht, wie sinnlos das ganze Gerenne, Hingearbeite auf irgendwas ist, seinen Mitschülern entgegen. Die können das nicht lange ertragen und versuchen ihm vom Gegenteil zu überzeugen. Dass etwas Bedeutung hat. Etwas. Es muss doch.
Ob es gelingt oder nicht steht in diesem Buch.
Es ist ein wichtiges Buch.
In der wichtigen Geschäftigkeit des Lebens, im Strudel des beeindruckend seins und beeindrucken wollen, des zur Schau stellen der eigenen Wichtigkeit geht es manches Mal verloren. Das Wissen, dass all dies Rennen, Machen, Tun, bedeutsam sein  nicht wirklich bedeutsam ist. Und das ruft einem dieses Buch entgegen. Nicht vom Pflaumenbaum, sondern durch die Zeilen und Sätze. Und wie bei den Mitschülern klingen die Worte nach, setzen sich fest im Kopf.
Nichts. Nichts lässt sich besser ertragen, wenn man es als solches erkennt. Spaß haben kann man trotzdem. Mehr sogar. Wahrheit tut nicht weh. Manchmal schon. Aber nur kurz. Dann macht sie frei. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, hat Ingeborg Bachmann einmal gesagt. Auch eine, die immer an den Rand gegangen ist, auf der Suche nach Sinn, nach Bedeutung, nach Leben.
Ich würde es meinen Kindern zum Lesen geben. Ich hätte es gerne schon früher gelesen. Als ich jünger war. Weil es nichts offenbart, was man tief im Inneren nicht sowieso wüsste oder manches Mal zumindest leise erahnt. Und das ansehen, offenen Auges sich der Wahrheit stellen und die Konsequenzen zu tragen, rüstet für die Welt mehr als alles andere. Es steht nichts drin, was nicht jeder wüsste. Sich keiner auszusprechen traut und doch jeder ahnt, mancher weiß.

Es ist ein Jugendbuch, das manchen Erwachsenen überfordert und sich nicht nur im Urlaub lesen lässt. Oder auch einfach ein nur ein zeitloses. Ein lesenswertes auf alle Fälle.

Anleitung zum schöner Trinken

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melone_aloeveraEines der großen Mysterien des Lebens ist die Frage, warum sich manche Informationen in meinem Kopf einbrennen, während sich andere, durchaus sinnvollere, verflüchtigen und in nichts auflösen. Als ich einmal mein altes Kinderzimmer entrümpeln musste, hielt ich alte Schulbücher in den Händen, blätterte durch die Seiten und dachte die ganze Zeit, wo bitte ist dieses Wissen hin? Das habe ich doch alles mal gelernt. Darüber habe ich Klausuren und Klassenarbeiten geschrieben. Wie Photosynthese genau abläuft, die physikalischen Eigenschaften der Alkane, überhaupt alles aus dem Chemieunterricht, die Hintergründe des dreißigjährigen Krieges und der Bellum Gallicum. Was ist geblieben? Fragmente. Und teilweise noch nicht einmal das.
In dem Fachgebiet, das noch nicht einmal als „unnützes Wissen“, wie von der Business Knigge empfohlen, durchgehen würde, sondern schlicht und ergreifend nur sinnlos ist, bin ich groß. Habe ich mir gemerkt. So ist die weltbewegende Neuigkeit, die ich vor mindestens fünf Jahren mal in irgendeiner Frauenzeitschrift gelesen habe, dass Gisele Bündchen ihre Schönheit dem Trinken von Kokoswasser verdankt, immer noch präsent. Wahrscheinlich für den Rest des Lebens.
Leider schmeckte mir Kokoswasser noch nicht einmal sonderlich. Was auch daran lag, dass es nur so richtig gut gekühlt, gut schmeckt. Aloe Vera-Saft schmeckt hingegen weder gekühlt noch mundwarm. Eigentlich nie. Soll aber auch schön machen. Stand in keinem Schulbuch, sondern in den Frühjahrstipps der Elle. Habe ich mir auch gemerkt.

Immerhin einmal hat sich dieses Wissen nun jedoch als nützlich erwiesen. Nämlich als ich auf der Suche nach weiteren Einsatzmöglichkeiten der Wassermelone war. Sattgegessen an der Suppe war ich. In gebratener Form wurde als nette, aber einmalige Erfahrung verbucht, jeden Tag Salat geht auch nicht und so bin ich auf diesen Drink gestoßen. Der Aloe Vera Zweig gab dem ganzen so eine verrucht Bloody-Mary-Note. Das gefiel mir auf Anhieb. Dass dann noch Aloe Vera und Kokoswasser drin sind und es damit so en passant noch gut fürs Äußere ist, war dann das I-Tüpfelchen.
Die Formulierung sich schön trinken bekommt so eine völlig neue Bedeutung.

Schöner Drink – schöner trinken
[hier entdeckt]

* 1/4 kernlose Wassermelone
* 1/4 frische Ananas
* 1/2 Tasse Kokoswasser
* 1/4 Tasse Aloe Vera Saft

Kann man es ein Rezept nennen, wenn die einzige Aufgabe darin besteht alle Zutaten in den Mixer zu schmeißen und auf den Pürierknopf zu drücken? In diesem Fall ist aber wirklich nicht mehr zu tun. Wer es elaborierter möchte, kann noch einen Aloe Vera Blatt aufschneiden und das Mark reingeben. Ich habe den fertigen Saft genommen und das Blatt nur zur Deko genommen.

Fertig. Trinken. Schön sein. Wissen, dass man es sowieso ist. Die exakten Machtverschiebungen, die zum dreißigjährigen Krieg führten, recherchieren. Cheers.
melone_aloevera - Kopie

der beste Start der Welt

1. Juli

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19296168632_1ba16b2d3a_zVerschwommen und nicht sofort klar zu erkennen aufgrund der Tatsache, dass ich den Fokus auf die Erdnussbutterschokoladen-Eiscreme gelegt habe, die allerdings völlig zurecht ausreichend Raum beanspruchen musste, so gut ist sie, ist eine Einleitung zu lesen, wie mir selten eine bessere untergekommen ist.

Das sage ich, obwohl ich über den ersten Satz bisher nicht hinausgekommen bin.
Aber der reicht mir erst einmal. Den so zu beginnen ist der bestmögliche Start. Für wahrscheinlich alles.

„Versuchen wir doch, uns ein wenig diesen ganzen Lärm aus dem Hirn zu spülen.“

Das Wiedersehen

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17827145562_e25e109c32_kWenn ich jemanden lange nicht gesehen habe, bin ich am Anfang oft ein wenig befangen. Ich fremdle. Man kann sich des anderen nicht sicher sein und die Frage, ob noch alles beim Alten ist hängt leise und still in der Luft. Das macht verhalten. Mich zumindest.

Sich begegnen bedeutet immer auch ein eigenes und neues Verorten beim anderen. Der Mensch, der am Du zum Ich wird.
Und so stehe ich dann da, nicht wissend, ob der eigene Platz noch sicher ist, ob darauf aufgesetzt werden kann oder neu begonnen werden muss, ob ein Riss entstanden ist, ob jemand anders ihn eingenommen hat, meinen Raum in der Zeit der eigenen Abwesenheit. Ob da etwas dazwischengegrätscht ist, was sich Leben nennt oder sich Unüberbrückbares aufgetan hat. Ob eine Leere entstanden ist, keine Worte mehr da sind, die Verbindung gekappt.

Die erste Minuten bin ich abwartend. Wollen wir uns setzen? Da vielleicht? Was magst Du? Erst einmal etwas trinken? Alles ein wenig ungelenk. Wenn es gut geht, findet sich schnell wieder der eigene Platz im Spiel, eine gemeinsame Sprache und da ist sie wieder: Die Vertrautheit. Als wäre sie nie weggewesen. Als wäre ich nie weggewesen.

Kann es so sein?
Ich bin ein wenig nervös. [Und Ansprechen hilft immer. Aber das ist eine andere Geschichte]. Schön wieder hier zu sein. Lange nicht gesehen. Danke fürs Warten und mir Zeit lassen.
Wollen wir uns setzen?

Mach Dir kein Bildnis

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14956645523_3df4784edb_z15390180189_8e1de02225_zDie Frage nach der Realität ist natürlich eine sehr große. Da wäre die eigene, die die wir zu kennen glauben, die die wir sehen und wahrscheinlich noch viele mehr. Es ist kompliziert. 
Nicht, dass dieses Buch es einfacher macht. Im Gegenteil. Es macht das, was oft passiert, wenn man eintaucht. Eine Schicht aufgebrochen, nur um zu entdecken, dass dahinter noch viel mehr sind. Ich sagte, es ist kompliziert.
Ich mochte das Bild auf der Schutzhülle. Die Melancholie. Wie die Frau durch den Fluß watet, den Rock angehoben. Erfrischung an einem heißen Sommertag.
Aber es ist komplizierter. Die Fotografie stammt aus 1942. Die Frau wurde als lebendes Minensuchgerät eingesetzt.
Und schon ist er da der Moment, in dem ich merke, dass ich nichts verstehe.
Und für diese Erkenntnis mag ich Bücher und Menschen. Die zwei, von denen ich glaube, dass sie mich am meisten prägen.
Wie viel Wirklichkeit hinter Bildern steckt, versucht dieses zu erläutern. Eine Schule des Sehens ist es. 

„Es liegt an uns, den Wirklichkeitsgrad der Erscheinungen zu bestimmen.“ Diesen Satz und noch viele mehr, habe ich mehr herausgeschrieben. Das könnte eine Zusammenfassung sein oder auch nicht. Denn auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Es ist kompliziert. Aber es lohnt sich.

Sommerpackliste

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yeah_sommerLos geht es erst im Juli. Aber im Kopf schon einmal gepackt. Eine Liste geschrieben. Denn im Listen schreiben bin ich groß.

  • Ein Kleid oder eine Bluse. Je nachdem, wie braun die Beine schon sind. Auf jeden Fall ist es rot und es sind Blumen drauf. [1] Und was soll einem damit schon passieren?
  • Ich bin fest davon überzeugt, dass mit Flip Flops an den Füßen jeder Weg, den man zu gehen hat, ein leichterer ist. Und in Kupfer nochmals mehr [2].
  • Ich sehne mich nach diesem Ort. Obwohl ich noch nie da war. Aber bald. Ganz bald. Solange blättere ich noch ein wenig [3].
  • Diese Becher [4]. Sind so zart, schön und filigran. Ich mag sie sehr.
  • Gestreifte Shorts [5]. Anziehen, angezogen sein. Sich wie Sommer fühlen, wie die Haut riecht, wie sie nur im Sommer riecht. Nach Meer, selbst wenn es ganz weit weg ist.
  • Ich mag Kleider. Elegante, schlichte, die die sich zurücknehmen [6] und mir dadurch mehr Raum geben. Aber das habe ich erst später verstanden.
  • Ich weiß nicht, was mich mehr berührt. Die Bilder oder die Texte [7]. Neugier, Traurigkeit, die großen Fragen des Lebens. Verstehen und doch wieder nicht. Alles drin.
  • Hatte ich schon gesagt, dass ich Kleider gerne mag? In weiß und feiner Spitze auch [8]. Oder vielleicht nochmal mehr.
  • Das Leben ist eine Wundertüte. [9] Verdammt. Ja, das ist es.
  • Cape. Ein Cape. Weil es einhüllt. Und sich einzuhüllen tut manchmal gut [10].
  • Ein Lied, das ich mochte und noch eines und dieses unbedingt auch und bevor noch fünf kommen, einfach ein Hoch auf Musik, die mit mir macht, was eben nur Musik machen kann. Und doch noch einen: Einen Film, von dem ich eben solches sagen kann oder noch mehr. Einer, der Mut macht, fröhlich ist und nachdenklich stimmt.

Yeah.

Unterhaltungsprogramm

29. Mai

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16153073761_eb7f400708_kÜber das Wort Entertainment nachgedacht. Wie ihm so etwas Anrüchiges anhaftet. Wie es kleingeredet wird als Gabe. Prosieben-Shows, Glitzermädels und seichte Unterhaltung.

Wie aber doch auch so eine unglaubliche Größe in diesem Talent liegen kann. Wie im Gastgeber sein. Andere unterhalten, wirklich unterhalten, kann nur gelingen, wenn man sich selbst auch zurücknimmt und gleichzeitig voll da ist, sich reingibt. Wenn man nur der ist,  der den Boden bereitet, Platz und Raum gibt für mehr, sich einlässt.

Und dann fiel mir diese Worte von Connie Palmen wieder ein, die sie für ihren Mann fand:“ Er macht Menschen fröhlich, glücklich und ein wenig weiser. Er bewirkt, dass sich etwas in ihnen löst, und ihn dabei beobachtend sehe ich plötzlich, welche Güte, Freigebigkeit und Intelligenz dazu gehören, andere zu unterhalten. Es steckt viel Liebe in der Unterhaltung und im Geschichtenerzählen.“

Let me entertain you. Was damit doch möglich ist. Sein könnte.

Musiklehre

27. Mai

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17830028871_48d1d5e94a_k17830019171_8ad8945d05_kMusik zu erläutern ist sinnlos. Entweder sie erschließt sich einem oder eben nicht. Entweder sie rührt an, regt auf, bewegt etwas oder sie lässt einen kalt. Wo Töne nicht ankommen, helfen auch keine Worte weiter.
Bei dem Köln Concert möchte ich eine Ausnahme machen. Weil es eine Ebene hinter der Musik gibt. Zumindest für mich.

Zwei Gründe, warum man es hören sollte. Immer wieder.
Keith Jarret improvisiert. Dieser Satz, der sich so leicht liest, bedeutet in der Konsequenz, dass dieser Mann eine Bühne betritt in dem Wissen, dass über tausend Menschen im Publikum sitzen mit der frohen Erwartungshaltung für ihr bezahltes Eintrittsgeld nun auch entsprechendes Entertainment zu erhalten. Er hat aber nichts. Außer sich selbst. Er weiß noch nicht was kommt, ob etwas kommt. Er muss darauf vertrauen, dass es im richtigen Moment einsetzt. Jeder, der schon einmal vor einem weißen Blatt Papier saß oder auf die zündende Idee gehofft und gewartet hat, der kann sich ausmalen, welch immensen Druck dies bedeutet, wie klar und fokussiert der Kopf sein muss, wie frei der Weg zum Herzen, wo sie sich verstecken, die Töne.
Das hört man dem Stück an. Dieses Herausbrechen. Dass es kein Abspielen ist, kein Wiedergeben von etwas bereits Bekanntem, dass da nichts Einstudiertes ist. Sondern manchmal ein Vulkan und dann wieder ein sanfter Strom seinen Weg findet. Das trifft dann. Mittenrein. Mich zumindest. „Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann“, hat er selbst dazu gesagt. Vor dieser Verletzlichkeit, dieser Offenheit, die so schwer ist, die so weh tun kann, verneige ich mich und sie tut alles, aber kalt, kalt lässt sie mich nicht. Und hilft darauf zu vertrauen und dem zu trauen, was in einem steckt.

Dann ist da noch etwas, das nur ganz weit entfernt mit Keith Jarret oder dem Jazzgenre zu tun hat. In Minute 6:05 hustet ein Mann. Ich glaube, es ist ein Mann. Weil es so ein dunkles, kehliges Husten ist. Ein verlegenes, unterdrücktes. 
Ich frage mich manchmal, wer dieser Herr wohl ist, der jetzt für immer auf einer der größten Musikaufnahmen dieser Zeit verewigt ist. Vielleicht hatte er überhaupt keine Lust auf den Abend, ist nur seiner Frau zuliebe mit, einmal die Woche zum Kulturprogramm verpflichtet. Es sind die kleinen Zugeständnisse, die eine Ehe erträglich machen. Da sitzt er nun, es kratzt im Hals und da hilft kein Unterdrücken und kein Herunterschlucken mehr. Vielleicht hat er dafür einen Schubs mit dem Ellbogen in die Seite kassiert oder zumindest einen strafenden Blick. Egal.
Denn er ist nun für immer auf dieser Aufnahme zu hören. 
Das war ihm damals sicher nicht bewusst. Ein Abend wie jeder andere, müde von der immer gleichen Büroarbeit, der Stau im Feierabendverkehr, der an den Nerven zehrt, Fußball schauen wäre ihm lieber gewesen, aber das Konzertabo muss sich rechnen. Und dann das: Festgeschrieben und eingebrannt in die Musikgeschichte. Verewigt auf 3 1/2 Millionen verkauften Tonträgern. Für immer.

In meiner Küche hängt ein Spruch. „Enjoy it. Because it is happening„. Der hängt da, weil ich sehr viel und gerne Zeit in der Küche verbringe. Oft vergesse, da zu sein. Nicht in der Küche, sondern bei dem, was ich tue. Ich hänge vergangenen Tagen, Wochen, Zeiten hinterher oder träume mich in eine glänzende Zukunft. Was erst sein wird, wenn ich dies und das gemacht habe, damit fertig bin und überhaupt. Nur das Dazwischen, das Mittendrin – da zu verweilen wo ich gerade bin fällt mir schwer. Dabei sitze ich vielleicht gerade mitten in einem Köln Concert und merke es nicht. Es wird nie wieder so aufgespielt wie heute Abend. Es gibt keine Vorankündigung  für die großen Momente des Lebens. Kierkegaard hat gesagt, dass das Leben nach vorne gelebt und nach hinten verstanden wird. Erleben geht nur mittendrin.

Musik bedarf keiner Erläuterungen. Aber wenn der Kopf und das Herz einmal geweitet sind, können sie auch nicht einfach wieder zurück. „A mind once stretched can never go back to it´s old dimensions“, habe ich einmal gelesen. Wenn ich das Köln Concert höre, dann höre ich es manchmal einfach nur, weil es mich so unendlich ruhig macht. Aber manchmal wenn es so zufällig in der Playlist auftaucht, dann schwingen auch diese zwei Gedanken mit, die ich gerne immer wieder vergesse: Dass ich dem Leben und mir vertrauen darf und nichts zu tun habe, außer den Moment zu genießen, weil er das einzige ist, was wir haben.
Funktioniert natürlich auch ohne dieses Stück. Für wahrscheinlich sehr viele Mensch. Mir tut diese sanfte Erinnerung ab und zu gut.
Genug erläutert.
Der Rest ist Leben.

Montagsmögen

25. Mai

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montagsmoegenJeden Montag: Zwei, die ich mag. Das Durcheinander, weil es sich gleichzeitig auch so lebendig anfühlt. Völliges Wirrwarr, aber das Wissen oder vielmehr Vertrauen darauf, dass es gut wird und doch irgendwie zusammenhängt. Realisieren, dass ich im Theorietisieren formidabel, aber in der praktischen Umsetzung miserabel bin zuweilen. Daraufhin Keith Jarret hören. Das Köln Concert. Part II c vor allem. Ach was. Alle. Sich in der Musik von dem verlieren, der immer improvisiert hat, der bei keinem Konzert im Vorfeld wusste, was am Ende herauskommt, der nur darauf vertrauen konnte, dass alles in ihm steckt und zur richtigen Zeit zutage tritt. Der sich so völlig hingegeben hat, eingelassen, wie kein Zweiter. Wenn ich es lange genug höre, dann fällt immer etwas für mich ab.

ein Haufen Arbeit

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workinprogressworkinprogress_2Das mit der Arbeit ist so eine Sache. Noch eine, die ich, wie so vieles noch nicht raus habe. Seit Anfang des Jahres beschäftigt sie mich mehr. Oder eigentlich schon länger. Wenn es darum geht, wie Neues in die Welt kommen kann und das ist meine Hauptbeschäftigung, während dieser Ort ein Nebenschauplatz ist, dann ist es systemimmanent Altes und Bewährtes in Frage zu stellen. Wie könnte es denn doch gehen? Muss das so sein? Was wäre, wenn es doch ginge? Das treibt mich an.

Natürlich bin ich Teil des Systems. Ich arbeite viel und gerne. Gehe auf in dem, was ich tue. Zuweilen zu sehr vielleicht. Und ich habe schon alle Arbeitsformen ausprobiert. Selbstständig, eigenes Unternehmen, angestellt, Freelancer. Manchmal auch alles zusammen und gleichzeitig. Hatte schon mehr und mal weniger Verantwortung. Manches war Broterwerb und manches reine Lusterfüllung und Freude am Tun. Manchmal auch beides zusammen und gleichzeitig. The Slash Generation heißt es dann wohl oder digitale Boheme, weil das Ausleben der verschiedenen Varianten meiner Selbst meist das Digitale überhaupt erst möglich macht.

Wie sähe es aus, nicht die Erfüllung in der Arbeit zu suchen und zu finden, aber doch in ihr aufzugehen, mich nicht über die eigene Leistung zu definieren, die Grenzen zu kennen und dennoch etwas zu schaffen, einen Beitrag zu leisten, weil es doch gut tut, das Können und alles Hineingeben und etwas bewegen?
Wie das gehen soll, weiß ich auch nicht. Dass es gehen kann, hoffe ich. Wie schwer solche neuen Formen sind, das ahne ich. Weil sie an Grundfesten rütteln. An unserem Verständnis von Führung, von Leistung, von Wert, von Kontrolle, von Macht.
Und doch erfahre ich im Kleinen immer wieder, wie viel doch geht. Selbst wenn das immer wieder neu Aushandeln und Verhandeln, das Fragen und Hinterfragen, wo genau meine Rolle ist, die eigene Bedeutung, das Justieren, die fließenden Grenzen furchtbar anstrengend sind. Es lohnt sich. Einer muss es doch tun.

Drei Filme habe ich in letzter Zeit zu diesem Thema gesehen, die mich nachdenklich gestimmt haben:

Auf Augenhöhe ist ein Film, der neue Formen der Arbeit und der Zusammenarbeit beschreibt. Die kleinen Firmen sind es, die mich bewegen. Weil ich bei den großen oft das Gefühl habe, dass es doch nur um die Leistungssteigerung geht und dafür jetzt ein neues Etikett gefunden wurde. Innovative Formen der Zusammenarbeit als die die neue Nachhaltigkeit. Aber wenn eine Klinikangestellte im herrlichsten Schwäbisch davon berichtet, wie der Umzug in ein anderes Haus ganz ohne Regeln und Plan geklappt hat, einfach weil jeder mit angepackt hat, dann ist das ein wunderschöner Moment. Und ein ebenso trauriger, wenn sich ein Fließbandmitarbeiter freut, dass er begrüßt wurde von der Leitungsebene. Das sei ja nicht selbstverständlich.

+ Frohes Schaffen. Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral. Grandios. Rettet die Arbeitswütigen und führt sie vor. Die Religion der Arbeit, das Glaubenssystem, die Glorifzierung des Beschäftigtseins, die Selbstoptimierungsspirale. Er stellt so vieles, wenn nicht gar alles in Frage. Jeremy Rifkins, der sowieso sehr konsequent denkt, kommt zu Wort. Einer der traurigsten Momente ist ein Real Life-Center, ein simulierter Supermarkt, in dem Langzeitarbeitslose mit Spielgeld 40 Stunden dem Kreislauf angepasst werden. Ganz feste schlucken musste ich.

+ Work hard, play hard ist quasi die Fortsetzung. Denn die Antwort alleine ist nicht nur Freiheit. Oder neue Formen wie Leanmanagement. Da weht so ein kühler Wind durch diesen Film. Es lässt einen zittern vor Kälte. Einmal mehr, weil es sich nicht um Fiktion handelt, keinem Drehbuch gefolgt wird, sondern es sich um eine Dokumentation und damit nur die reine, nackte Realität ausgeleuchtet wird.

Aber aufgeben gilt nicht. Schöne Beispiele, die ich – nicht nur – von der „Work in progress“ im Frühjahr in Hamburg mitgenommen habe. Lösungsansätze, die nicht aus der Politik kamen, sondern von Einzelnen, von Querdenkern, Andersmachern, Trotzdemhandlern.

  • Dark Horse, eine Agentur gegründet von 30 Freunden, die immer wieder neu aushandeln was Arbeit für sie ist, ob die 70-Stunden-Woche oder die zwei Monate im Jahr auf Bali, wie sich Zusammenarbeiten organisieren lässt. 
  • Beim Digital Bauhaus im Juli geht es unter anderem viel um Social Entrepreneurship. 
  • Anna von blinkblink, die immer wieder neue Formen ausprobiert des Arbeitens und Zusammenarbeitens.
  • Das Kunstprojekt Schwarzmarkt und Florian Dohmann, der unter anderem dahinter steckt. Der den Wert von Arbeit hinterfragt. 4 Tage die Woche arbeitet und den fünften der Kunst widmet.
  • Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Personalvorstand mit guten Thesen über die Herausforderungen, vor denen große Unternehmen stehen.
  • Geesche Jost außerdem, die fragt und sich fragt, wie die Rolle einer Professorin aussieht, wenn doch alles Wissen verfügbar ist im Netz und sowieso schnell veraltet und die neue Formen der universitären Wissensvermittlung schafft. Eine Plattform.
  • Van Bo Le-Mentzel, von dem ich seine Hartz-4-Möbel kannte, auf dessen Vortrag ich gar nicht so Lust hatte und der mich dann so beeindruckt hat durch seine Gedanken, seine unaufgeregte Art, sein Hinterfragen unserer Nachhaltigkeits-Wertschöpfungskettendenke, das Verbinden des asiatischen mit dem westlichen Gedankengut.
  • Und die Klassiker: Superwork und „work is not a job“ und „Im Augenblick“ – sowieso immer wieder gut.

Keine Ahnung, wie es gehen kann. Noch viel Arbeit.
Aber in diesem Falle gute.
Und vielleicht finden sich ja noch mehr, die daran mitarbeiten.