Hinterlassenschaften

29. März

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702705Ich finde den Schutzumschlag nicht mehr. Es ist mir ins Badewasser gefallen. Seitdem wellt sich das Papier. Der Buchrücken ist voller Schlieren und Fingerabdrücke. Ein Kaffeefleck zeichnet sich ab.
Es ist mir sehr ans Herz gewachsen dieses Buch.

Es erzählt auf 154 Seiten das Leben von Egger. Ein Leben, vor dem ich mich verneige. Weil es ein großes ist. Wie jedes Leben. Das vergisst man manchmal. Die Verneigung vor dem schwer zu lebendem Leben. Auf der Suche nach Erfüllung, beim Wettrüsten um den Traumjob, den Bilderbuchehemann, dem gepflegten Reihenhaus mit Vorgarten und den Vorzeigekindern gerät das Gefühl fürs Wesentliche abhanden. Dass es alleine schon ein großes Vorrecht ist auf dieser Welt zu sein und dass nichts und niemand das Anrecht hat auf irgendetwas. Die first world problems vernebeln den Blick dafür, dass es nicht zu pachten ist, dass es ein Ausnahmemoment ist und kein Dauerzustand, das Glück. Dass es nicht nur Flitterwochen gibt, sondern den Alltag, herumliegende Socken, Langeweile und unausgeräumte Spülmaschinen. Aber dass es ein Leben nicht mindert, nicht im mindestens. Dass es eine Lebensleistung ist halbwegs anständig durchzukommen, gut zu sein, besser zu werden, es neu zu versuchen jeden Tag, freundlich zu sein – zu sich und der Welt um einen herum, es immer wieder falsch zu machen und doch weiterzumachen, begreifen und nicht vergessen welches Privileg es ist, dies tun zu dürfen.
Daran hat es mich erinnert dieses Buch. Ein wenig leise geweint habe ich am Ende, ob meines eigenen Glücks und der Blindheit ihm gegenüber. Diese einzige wunderbare Verneigung vor dem Leben.
Das Buch ist nicht mehr sonderlich vorzeigbar.

Aber es hat Spuren hinterlassen.
Nicht nur aufgrund des fehlenden Schutzumschlages.

Das ist alles was zählt.

“Laut der Geburtsurkunde, die seiner Ansicht nach allerdings noch nicht einmal ihre eigene Stempeltinte wert war, wurde Egger neunundsiebzig Jahre alt. Er hatte länger durchgehalten, als er selbst je für möglich gehalten hätte, und konnte im Großen und Ganzen zufrieden sein. Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine unübersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Bäume geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu befeuern. Er hatte oft und oft oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren […] hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen […]. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. […] Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.”

 

das eine nicht ohne das andere

25. März

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039“Das Ich, das sich in seine eigenen vier Wände zurückzieht, um seine Ruhe zu haben, kann genauso vom Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere befallen werden wie das Ich, das sich mit beliebig anderen auf einem Platz versammelt, um einen öffentlichen Raum für sich zu proklamieren. Es besteht nämlich die Drohung, beides zu verlieren: in eins mit unserem individuellen Selbst die Partizipation an unserer gemeinsamen Welt. Kommunikation passiert zwar ohne unseren Willen und jenseits unserer Kontrolle, aber es braucht den Mut, sich darauf einzulassen, wenn man sich mit und durch und in diesem ungewissen und offenen kommunikativen Hin und Her selbst fühlen und finden will.

Ohne die Anderen kein Selbst, ohne Ambiguität keine Identität, ohne Verzweiflung keine Hoffnung, ohne Ende kein Anfang. Dazwischen ist die Angst.”

So schreibt einer meiner liebsten Soziologen, Heinz Bude in dem Buch Gesellschaft der Angst

Dienstagsmögen

24. März

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montagsmoegenJeden Montag, heute Dienstag (soviel Flexibilität muss sein): Zwei, die ich mag. Aktuell: Den American Lifestyle. Also meine Version davon. Ganz viel Leben reinpacken in die Tage, als gäbe es kein morgen mehr und dabei genießen. Live to the max.
Außerdem hat es mir gerade amerikanisches Essen sehr angetan. Ich könnte jeden Tag Pommes essen. Jeden. Einzelnen. Tag.
Zur Abwechslung mit Pecorino und Basilikum.

Den amerikanischen Touristen erkennt man an den Turnschuhen. Dem nähere ich mich und so landet amerikanisches Schuhwerk im Einkaufswagen. Denn Sneakers hat man nie genug. Gazelle schön und gut, Stan hin oder her – diese Pumas müssen es sein.
Damien Rice ist kein Amerikaner, sondern Ire. Aber ich mag sein neustes Album gerade sehr. Vor allem dieses Lied. Melodie und Text tun so gut, wenn das Herz ein kleines bisschen schmerzt, weil es ein wenig Muskelkater hat. Das hat es manches Mal, weil es sich überanstrengt, übernommen hat oder einfach eingerostet und aus der Übung ist. Kann vorkommen. Aber nur nicht kleingeistig werden darüber, sondern immer großherzig bleiben.
Womit wir wieder bei den Amerikanern wären. Mit vollen Händen ausgeben. Das Leben und die Liebe kennen keine Kreditlinie.
No limits. To the max.

gefunden

22. März

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006Am Sonntagmorgen keine Lust auf die Zeitung und das Tagesaktuelle. Die Weltpolitik beiseite legen und sich im eigenen Universum drehen.
Wahllos in den Bücherstapel greifen und diese eine finden, das mir so viel bedeutet hat. Es in der Hand halten mit dem Wissen, dass es Schätze beherbergt, wunderschöne Stellen, feine Geschichten. Traurig sein, dass ich nicht noch einmal ganz frisch eintauchen kann, es neu entdecken, aber glücklich über Sätze, Textfragmente, die ich wiederfinde und die Erinnerung an die gelesenen Seiten mit sich tragen.

Wie diesen, von dem ich insgeheim wünschte, ich könnte es auch öfter von mir sagen:

“Ich bin noch nie einer Frau begegnet, die so viel sieht, die so sorgsam und einfühlsam hinschaut. Dafür liebe ich Dich. Ich bin in Deinem Blick aufgehoben…. Du weißt, wer Du bist, wo Du herkommst, wo Du hinwillst und was Du brauchst, damit das Leben stimmt. Ich liebe Dich für den festen Ort, den Du in der Welt hast.”

 Bernhard Schlink, Liebesfluchten

Süßkartoffelkompetenz ausgedehnt

21. März

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sueskartoffel - KopieEs gibt einen Grundsatz, der aus der Kybernetik stammt und den ich sehr mag: “Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. ” Das gilt als eines der Erfolgsrezepte, um Komplexität zu managen. Und wenn diese Welt und das Leben nicht komplex ist, dann weiß ich auch nicht.
Umsetzen kann man dies, indem man sich nicht allzu früh für eine der Wahlmöglichkeiten entscheidet, sondern solange als möglich konkurrierende im Kopf behält. So schärft man die eigene Wahrnehmung für die Vorteile vieler Lösungen, bleibt offen und findet wahrscheinlich einen dritten Weg, der die Vorteile kombiniert. Die Synthese.

Komplexität soll in diesem Falle sogar klug machen.
Jetzt ist das leider nicht so einfach, denn die wenigsten Menschen halten gerne viele konkurrierende Optionen im Kopf offen. Denn das ist anstrengend. Widersprüche, die mit konkurrierenden Optionen einhergehen, stehen im Widerspruch zu unserem Wunsch nach Eindeutigkeit. Oder anders formuliert: Die Ambiguitätstoleranz des Menschen ist begrenzt.

In der Regel entscheiden sich Menschen recht schnell für eine Alternative und finden und suchen dann immer nur die Informationen, die ihre Entscheidung bestätigen.
Das ist zwar einfacher, aber eben nicht erfolgreicher und gute Komplexitätskompetenz sieht anders aus.

Die Küche ist an und für sich nicht sonderlich komplex, allerdings ertappte ich mich hier dabei, die Lösungsfindung zu schnell abgeschlossen zu haben, denn ich hatte mich in Fragen der Süßkartoffel sehr schnell und zügig auf einen Salat eingeschossen. Der zugegebener Maßen auch sehr gut ist. Andere Optionen kamen allerdings nicht mehr in Betracht. Was schade ist.

Aber es gibt Varianten. Die Ambiguität ist dehnbar.

Süßkartoffelreibekuchen

* 1/2 Süßkartoffel
* 2 Eier
* Salz und Pfeffer
* 3 Teelöffel Zucker

Eine zugegeben sehr einfache Option. Aber eine sehr gute. Die einfachen Lösungen sind oft die besten. Nur dass man nicht so einfach drauf kommt.
Süßkartoffeln raspeln, ein Ei zerschlagen, salzen und mit dem Zucker aufschlagen. Die Süßkartoffelraspeln untermengen und  in der Pfanne anbraten.

Süßkartoffelkuchen mit Thymian
[etwas abgewandelt nach einem Rezept von Virginia Horstmann]

* 300 Gramm Mehl
* 1 1/2 Teelöffel Backpulver
* 1 Prise Salz
* 1/4 Teelöffel Natron
* 80 Milliliter Sahne
* 80 Milliliter Vollmilch
* 1 Süßkartoffel (geschält)
* 115 Gramm warme Butter
* 135 Gramm brauner Zucker
* 2 Eier
* Thymianzweige

Mehl, Backpulver, Salz und Natron in einer Schüssel vermischen. Süßkartoffel schälen, in Stücke schneiden und im heißen Backofen so lange backen, bis sie ganz weich wird. Zermanschen und mit der Sahne und der Milch in einer Schüssel vermischen. Butter und Zucker schaumig schlagen. Die Eier hinzufügen. Mehl und die Kartoffelmilchmischung dazugeben. Zum Schluss Thymian unterrühren. Gebutterte Formen mit Teig füllen und bei 175 Grad für zwanzig Minuten in den Ofen. Mit einer Mischung aus zerlaufener Butter, Zimt und Zucker beträufeln – wer mag.
sueskartoffelSo gewappnet und gestärkt, lässt es sich weitere Grundsätze der Kybernetik studieren, die Widersprüche der Welt und der eigenen Personen sehr viel besser ertragen und gute Lösungen für diese komplexe Welt ersinnen.

 

aufgelistet: aneinandergereiht

17. März

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rp_kaffee_2.jpgAngesammelt, nebeneinander gestellt, untereinander, keiner bestimmten Reihenfolge folgend, einziges Kriterium, dass ich sie mochte, die Texte, Bilder, Fragmente.
Über Frauen. Und Männer. Schönheit und Sterben. Alles dabei.
Ein hübsches Ensemble ergeben sie.

  • Wer gefragt wird, soll antworten. In diesem Falle ich.
  • Frauen in München ansehen, sich kein Bild machen in Berlin. Beides sehr sehenswert. 
  • Frauen in der Kunst von überall aus ansehen. Das Internet macht es möglich. Aber nicht nur ansehen, bitte auch die Texte dazu lesen. Herrlich.
  • Ein Buchprojekt. Über den Tod. Über tausende. Wie es sich anfühlt. Das Verlieren und das danach verloren sein. Und eine Seite. Über das Weiterleben danach.
  • einer der herrlichsten Texte überhaupt über die Superoptimierer, glatt Gegelten, stromlinienförmig Angepassten, die Überperformer. Männer wie Frauen.
  • ein Video über die erste Begegnung. Die unvoreingenommene.
  • Emotionale Anorexie. Dass darüber nicht schon mehr gesungen haben.
  • ein Essay über die Schönheit  und wenn man ihn nicht ganz liest, dann bitte wenigstens diesen Satz, weil er nicht nur für Frauen gilt, sondern für überhaupt alles, was einem so tagein tagaus begegnet: “Indem man diese Frauen betrachtet, sich mit ihnen beschäftigt und sich zwingt, sie wirklich zu sehen, entdeckt man ihre Schönheit – jene ganz eigene Schönheit, derer man erst gewahr wird, wenn man die Einzigartigkeit einer Person erkennt.

Montagsmögen

16. März

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montagsmoegenJeden Montag: Zwei, die ich mag. Dass er da ist. Ganz bald. Der Frühling und mit ihm dieses Gefühl, die Leichtigkeit, die in der Luft liegt, weil die Jacke zu Hause gelassen werden kann, weil die Wärme einzieht, weil so viel Helligkeit da ist und sie so lange hält, weil die Luft vibriert.
Ein Bleistiftstreifenrock. Schon so oft daran vorbeigelaufen. Ein leichter und doch eleganter, einer der nach Meer ruft. Ein Rock, mit dem ich nach dem Büro noch ans Wasser gehen kann und in dem es sich tanzen lässt, zum Beispiel zu diesem Lied, das im Sommer in Dauerschleife läuft, weil es keinen Raum für Griesgrämigkeit lässt, leicht und beschwingt ist, die Hüften quasi automatisch wippen lässt.

Geschmacksprobe

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2015-03-17-09_54_40-GreenshotSprache zu beschreiben, die Tonalität eines Buch, das kann nicht gelingen. Aber vielleicht hilft eine Amuse Gueule, ein kleiner Gruß – in diesem Fall nicht aus der Küche, sondern aus den Seiten.
Es geht um eine Bergkette im Sonnenuntergang. Diese Szenerie bei der, stünde man vor ihr, man lieber nichts sagen würde, weil alle Worte fehl am Platz und zu ungenügend wären. Lieber schweigend staunen, ergriffen und erschlagen sein ob dieser realen Postkartenschönheit. Vielleicht die Hand des anderen nehmen. Alles andere wäre zuviel.

Aber auf den Buchseiten müssen Worte her und dort steht es dann so und ich wüsste nicht, wie es besser gelingen könnte, den Film im Kopf beginnen zu lassen, als mit diesen:

“Und als wir den Mount Potosi überwinden, liegt vor uns im Tal die Königin der Nacht. Glitzernd, blinkend, verführerisch lockend trägt sie gerade ihre Lichterschminke auf. Bietet sich an, wie eine, die man nur im Rausch erträgt.”

Grundversorgung

15. März

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stepanini. - KopieEs braucht nicht viel. Und es ist selten das Laute und Aufgeregte. Aber manches Mal, da ist da etwas und das ist auf diese leise, ruhige Art so schön, besonders oder eigen, dass ich anhalte. Kindern liegt das im Blut. Im Laufe des Lebens kommt es dann irgendwie abhanden.
Ich hatte schon lange kein besonderes Buch mehr in den Händen. Viele Bücher, die gut waren für den Kopf, die neue Gedanken brachten, den Blick geöffnet haben, aber keines, dass ich ab und zu weglegen muss, weil es berührt und von dieser zarten Schönheit ist.
Wir haben Raketen geangelt ist so eines. Kurze und lange Erzählungen in einem Band. Unaufgeregt, überraschend, in einer ganz eigenen Sprache und Tonalität. Ruhig und unaufgeregt. Es hat eine eigene Musik dieses Buch. Es überrascht immer wieder. Nicht mit lautem Krawumms, sondern mit sanften Tönen, die leicht am Herz ziehen. Ein Satz genügt. Es ist ein Satz, der alles verändert. Und davon gibt es viele in diesem Band.
Es braucht nicht viel. Aber dieses Buch schon.

Montagsmögen

9. März

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Unbenannt-33Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Mitten im quirligen Strudel sein, den Kopf verdreht, nicht mehr wissen, was tun und was lassen, weil alles einprasselt auf einmal. Aushalten, Luft anhalten, es irgendwie schaffen. Und zur Not einfach wegsehen. Hilft auch manchmal [1]. Was ich noch mag? Goldene Schuhe [2]. Weil es weiß doch jeder, dass einem mit goldenen Schuhen nichts passieren kann.
Und ein Lied. Eines, dass sich in meinem Kopf dreht, so oft gehört habe ich es diese Woche. Vielleicht weil es so passend heißt: “Let me live”.
Kopf hoch.

Übergriffiges Essverhalten

8. März

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Unbenannt-2Es war bei einem Sommerfest. Meine erste richtige Stelle. Kein Praktikum mehr oder Werksstudentin, sondern jetzt ganz offiziell mit eigenem Schreibtisch und Visitenkarte. Noch in einer anderen Branche, als in der, in der ich heute bin, aber das ist relativ egal, denn Menschen erklären, wie man Dinge schneller, besser und anders macht funktioniert in jeder Industrie mehr oder weniger gleich. 
Auf jeden Fall erzählte einer eine Geschichte. Von einem der auch berät. So viel, dass er nie da war und seine Freundin das nicht mehr länger mitmachen wollte und das Ende der Beziehung verkündete. Woraufhin er anbot, dass Problemfeld erst einmal genauer zu analysieren und einzukreisen.

Es wurde gelacht. Ein wenig verhalten, würde ich sagen, was daran liegen kann, dass es auch damals schon fast nur Männer waren und nicht ganz klar war, ob ihnen dass vielleicht wirklich als eine effiziente Option für manches Beziehungsgespräch schien. Was mir aber nachging ist die Tatsache, dass das was man mindestens acht oder manchmal eben auch zwölf Stunden am Tag macht, natürlich Spuren hinterlässt, nicht nur in der Sprache und ich mich nur schwerlich dagegen verwehren kann. Damals fiel der Entschluss immer den Ausgleich zu wahren, völlig Gegenteiliges zu lesen und den Rhythmus, die geltenden Gesetze und das Diktat der Arbeitswelt nicht in alle Bereiche meines Lebens einziehen zu lassen. Was mitunter schwer fällt, denn was ich tue, das tue ich sehr gerne. Und zu glauben, das lange Beschäftigung mit einem Thema einen nicht prägen würde, wäre naiv. Und dann ist die Gefahr groß überall Effizienzpotenziale zu sehen. In Telefonaten, die zu lange dauern, beim Liebeskummerklagen der Freundin, beim Warten an Supermarktkassen – in jeglicher Situation, wenn jemand etwas verrichtet und ich nicht aufpasse, merke ich, wie ich ungeduldig werde und er da ist, der Gedanke, wie es anders, schneller, besser gehen könnte. Was falsch ist. Weil anders und schneller es im wirtschaftlichen Kontext mitunter besser macht. Im privaten aber nicht.
Das lerne ich, um es wieder zu vergessen, weil sich Gewohnheiten einschleichen und ich denke, dass ich keine Zeit habe auch noch an so etwas zu denken, was überhaupt der größte Trugschluss von allen ist.

Und deshalb mache ich ab und zu Schokoladentrüffel. Die ich zum Abendessen verspeise. Oder zum Frühstück. Weil es unvernünftig ist, weil es gegen jegliche Ernährungsregeln verstößt, weil es mir so etwas von egal ist und weil es die kleinen Rebellionen sind, die zählen oder die zumindest ein Anfang sind. Weil ich nicht Kaffee trinken möchte, um mehr wach zu sein, sondern weil er gut schmeckt. Weil ich nicht noch etwas lesen möchte, um mithalten zu können und um als informiert zu gelten, sondern weil es mich interessiert. Weil ich nicht studieren möchte, um mit einen weiteren Punkt im Lebenslauf zu glänzen, sondern weil der Kopf rege sein soll und bewegt werden will – manches Mal auch von anderen Dingen als Business-Cases und Portfoliostrukturen.
Weil Trüffel Trüffel sind und gut schmecken, leicht bitter, übervoll.
Ach, einfach darum. Weil sie meine Erinnerung daran sind, dass das Leben kein Wettbewerb ist, sondern ein großes Geschenk. Eine einzige riesige Trüffelpraline, die sich nur minimalst optimieren lässt. 

Zweckmäßig, damit es dann einer in die Linie bringen kann, wäre ein Rezept.
Hier ist es.

* 200 Gramm Zartbitterschokolade
* 2 Esslöffel Tahini
* 3 Teelöffel Mandelmilch
* etwas Honig
* Sesam

Die Schokolade über dem Wasserbad schmelzen. Gegen Ende Tahini vorsichtig unterrühren, die Mandelmilch und den Honig dazugeben (je nachdem wie süß man es mag), so dass es nicht zu sehr stockt. In den Kühlschrank zum Kühlen geben für eine Stunde. Leicht warm werden lassen, Kugeln formen und in Sesam wälzen. Im Kühlschrank aufbewahren.
Unbenannt-3

bis hierhin und wie geht es weiter

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041“Wenn es bei jeder Gabelung darauf ankommt, nicht bei denen zu landen, die übrig bleiben und auf eine “zweite Chance” warten, weil der Lebenslauf keine langen Linien, sondern nur noch kurze Strecken vorsieht, dann ist die Angst tatsächlich, wie es bei Kierkegaard heißt, “die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit vor der Möglichkeit” geworden.

Die Angst kommt daher, dass alles offen, aber nichts ohne Bedeutung ist. Man glaubt in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen. Man kann Umwege machen, Pausen einlegen oder Schwerpunkte verschieben; aber das muss einen Sinn machen und zur Vervollkommnung des Lebenszweckes beitragen. Die Angst, einfach so dahinzuleben, ist schwer ertragbar.”

aus: Gesellschaft der Angst von Heinz Bude