Montagsmögen

13. April

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Unbenannt-1Jeden Montag: Zwei, die ich mag. Dankbar sein. Auf das sehen, was gut ist. Und das ist viel. Vielleicht helfen diese Brillen dabei. Sie sehen zumindest gut aus.
Den Rest bringt die Zeit und das Alter. Aber weil ich vom Stadium der altersweisen Gelassenheit noch ein paar klitzekleine Jahre entfernt bin, nähere ich mich ihr mit dieser Reportage und dem Filmgespräch mit Max Frisch, der darin gewohnt klug über das alt werden sinniert.
Dankbar bin ich außerdem für die Entdeckung des Liedes “one of these days” und überhaupt dieser Stimme.
Dankbar auch diesen Ort hier zu haben und für Euch, für die Mails, Briefe, für die Post, die Kommentare. Die tragen. Und tun so gut. So sehr dankbar bin ich dafür.

mehr dahinter

12. April

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033“Jedes Leben ist viel reicher an Gedanken, Gefühlen und Phantasien, als die äußere Biographie zeigt.”

Ein Satz des Philosophen Peter Bieri, den ich mir aus seinem Buch Wie wollen wir leben? herausgeschrieben habe. Als Erinnerung und für den Fall der Fälle, dass ich es vergessen sollte, dass ein zweiter Blick sich lohnt. Hinter die Fassaden, Lebensläufe, Oberflächen. 
Und wie ich kürzlich lernen konnte, manchmal auch die eigenen.
Gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Keine Angst, es wird kreativ

10. April

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271309Ich arbeite in einer analytischen Welt. In einer, in der Kreativität mit dem Bemalen von Seidenkrawatten gleichgesetzt wird. Gegen dasselbige habe ich nichts. Es reduziert nur eine im tiefen Sinne sehr systematische Fähigkeit und unterschätzt sie. Vielleicht weil sie so leichter handhabbar scheint oder beherrschbar, was sie von Natur aus nicht ist. Immer wieder spüre ich, wie sie manchem Angst einjagt, und zwar zumeist denen, die immer noch glauben, die Komplexität dieser Welt sei in einzelne Prozessschritte gliederbar und abarbeitbar. [Diese Menschen sollten sich diese 3:32 Minuten gönnen]. Und so presst man Kreativität dann in bestimmte Räume, beäugt sie weiterhin mit Skepsis und versieht sie im Falle der Kreativwirtschaft sogar mit entsprechendem Etikett. Nur werden so leider die Möglichkeiten, die es gäbe nicht im entferntesten umrissen und genutzt.
Was schade ist.
So schade.

Yasmina Reza, natürlich Yasmina Reza, hat Worte gefunden für diesen Menschentypus und auch wenn sich ihre Worte auf das Zwischenmenschliche beziehen, so treffen sie den Kern sehr genau und lassen sich beileibe nicht nur darauf reduzieren. 

“Kreative Menschen erfinden aus nichts. Sie können sich für das kleinste Zeichen von Stil begeistern und es zur Königswürde erheben. Kreative Menschen füllen die Leere, ziehen die Dinge und die Menschen auf ihre Blickhöhe. Tragisch allein, sie merken nicht, dass sie handeln.

Sie, klarsichtig zu anderen Zeiten, betrachten den anderen zu wissen, dass sie ihn modelliert, verklärt haben. Sie lieben leidenschaftlich und spüren dabei dunkel, dass diese andere nur unter Ausschluss jeglicher Vernunft betrachtet werden kann.”

[Ähnliche Gedanken dazu von Indre].

aufgelistet: Sturmwarnung

6. April

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273Brainstorming, die Methode der Problemlösung durch Sammeln spontaner Einfälle in einer Arbeitsgruppe, so die offizielle Definition hat ja einiges mitgemacht. Ich kenne die Anfänge nicht, aber ich weiß, wie es ist, wenn es richtig gut ist. Und wie es ist, wenn es so richtig schlecht ist. Wenn jeder Vorschlag mit einem “das haben wir noch nie so gemacht” oder weiteren schwergewichtigen Gründen abgewürgt wird. Und dann wird die Luft dünner im Meetingraum, nicht nur wegen der trockenen Heizungsluft und weil mal wieder gelüftet werden sollte, sondern weil es sich gar nicht mehr lohnt Atem zu holen, um eine Idee in den Ring zu werfen. Kaum ausgesprochen, ist schon einer zur Stelle, der sie zunichte macht.
Dabei geht es ganz anders. Wenn Hierarchien keine Rolle spielen, weil der Chef nicht mit dem Titel automatisch auch das Patent für alle gute Ideen gepachtet hat. Wenn sie sich überbieten die Vorschläge und aufeinander aufbauen. Wenn es nicht darum geht, warum es nicht geht, sondern was wäre, wenn es doch ginge. Wenn mit mehreren Menschen etwas entsteht, das alleine nicht möglich gewesen wäre, weil ein Kopf alleine, so groß der Geist auch sei, immer limitiert ist. “The sky is the limit” ist die einzige Regel die zählt. Auf den Boden der Tatsachen holen, kann man sie später immer noch.
Einiges, das einen kleinen Sturm im Gehirn auslösen kann, einiges, das den Geist in Höhen heben kann, wenn man es zulässt und nicht zuerst daran denkt, wozu es später verwertbar ist:

  • Ich habe das Buch “Gesellschaft der Angst” sehr gerne gelesen. Warum lässt sich erahnen, wenn man in dieses Gespräch mit dem Autor Heinz Bude reinhört
  • mit der Zeitumstellung könnte ich auch meine Tagesplanung überdenken. Hier gibt es Anregung genug.
  • “Durch die Nacht mit …” ist eine Sendung, die nach meinem Geschmack ist, weil sie das lebt, was ich glaube, nämlich dass wenn sich unterschiedlichste Menschen unvoreingenommen aufeinander einlassen etwas Großes dabei herauskommt.
  • dieses A bis Z der Beziehungsstati lässt keine Fragen offen.
  • ich weiß auch vieles nicht. Aber dass ich dieses Lied mag. Das weiß ich.
  • die Erkenntnis, dass mehr Menschlichkeit gut führt. Wie gerne ich daran glaube und wenn ich die einzige bleibe. Das ziehe ich durch.
  • Man sollte sich in dem Video darauf gefasst machen, dass “fucking” als verstärkendes Adjektiv überstrapaziert wird. Außerdem stehen die erläuternde Vorankündigung mit 1:34 und eigentliches Lied mit 1:27 in einem Missverhältnis zueinander. Das macht nichts. Vielleicht weil ich seine Worte, bevor er zu spielen beginnt, so mag. Da freut sich einer. So fucking sehr. Weil er gespielt hat und gespielt hat, sich die Seele aus dem Leib gespielt hat und keiner wollte es hören. Er hat trotzdem weiter gemacht. Das Lied handelt von seinem Weg. Er singt nicht, er schreit es raus vielmehr. Und ich bin fucking gerührt und berührt, ob seiner Dankbarkeit und seines Durchhaltevermögens.
  • Ein Text über Literaturkritik, über ästhetische Urteile, darüber wer berechtigt ist selbige zu fällen. Es ist müßig darauf hinzuweisen, dass der gesamte Blog ganz wunderbar ist, denn das merkt jeder, der sich durchgelesen hat durch den ersten Artikel und dann zum nächsten springt und zum nächsten und auf einmal ist eine Stunde vorbei. Nicht mit allem immer einverstanden, aber darauf kommt es mir auch nicht an. 
  • Kunst oder vielmehr den Kunstmarkt besser verstehen. Kann nicht schaden. Wessen Interesse geweckt ist, kann hier noch mehr lernen. Ich habe mir einige angesehen und fand sie sehr gut.
  • dieser Text über Art Garfunkel. Einer zum drei Mal lesen. Mindestens. Art Garfunkel, dessen Musik ich zwar kannte, aber dessen Lieder ich nun ganz neu höre, weil die Seite hinter der Musik eine so faszinierende ist. “Art Garfunkel ist ein erstaunlicher Mensch. Weil er, obwohl er so viel gesehen und erlebt, so viel Applaus bekommen hat, ein staunender Mensch geblieben ist. Er ist immer in Bewegung, körperlich wie geistig. “Ich versuche”, sagt er, “für mich selbst interessant zu bleiben.”
    Oder dies: “Die Ansprüche, die er an sich selbst hat, stellt er auch an sein Gegenüber. Alles andere würde Langeweile bedeuten. Stillstand.”
    Und dieser. Der am Schluss stehen muss: 

    “Ich liebe das Leben mehr als jemals zuvor.

Übernahmeerklärung

5. April

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180“Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt.” So beginnt Odo Marquard einen Text mit philosophischen Bemerkungen zu Kunst und Politik.
Und eine Rede zum 50-jährigen Doktorjubiläum mit den Worten:” Verehrte offizielle Respektspersonen”.
Beides finde ich großartig, beides habe ich hier entnommen und beides wird übernommen.

Weiß nur noch nicht wann und wo.

und alles nochmal von vorn

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045Wie man mich sonst mit Wiederholung jagen kann. Wie ich Routine verachte. Wie mir alles Repetitive und dadurch so vorhersehbare zuwider ist. Wie er mein Tod ist, der ewig gleiche Trott. Und wie er mich bei den Jahreszeiten immer wieder begeistert. Weil die Wiederholung des ewigen Kreislaufes auch immer wieder viele erste Male mit sich bringt. Und auf erste Male, auf den Zauber des Neuanfangs lasse ich nichts kommen.

  • das erste Mal wieder den Bikini erst aus- und dann einpacken. Man könnte ihn gebrauchen. Und selbst wenn nicht, zieht damit schon dieses Gefühl, das Badesachen so mit sich bringen, ein. Das nach sechzehn sein und endlos langen Ferientagen an Badeseen. Nach diesem Gemisch aus Salzwasser und Lichtschutzfaktor, dem Geruch von Sonne auf der Haut.
  • das erste Eis des Jahres. Wenn es eigentlich noch viel zu kalt ist, aber das ist so etwas von egal, weil es ist das erste Eis und das geht quasi sobald keine Handschuhe mehr getragen werden müssen. Pistazie muss es sein. Und Vanille.
  • die ersten Erdbeeren im Supermarkt. Die vollkommen farblos und wässrig aussehen, die aber Vorboten sind und damit schon glücklich machen. Weil danach kommen die Heidelbeeren, die Himbeeren, Johannisbeeren, der Rhabarber, Mirabellen und noch so vieles. In jedem Fall deutlich mehr Auswahl als die zwischen Apfel, Birne und Orange. Und letztere ist mitnichten heimisches Obst, aber irgendwie muss die Auswahl ja erweitert werden.
  • die ersten Tulpen zählen nicht, weil die sind schon mit Auszug des Weihnachtsbaums bei mir eingezogen. Trotzdem schön. Aber die ersten Ranunkeln kommen bald. Oder Lilien.
  • dass es jetzt wieder heller wird, jeden Tag ein kleines bisschen mehr, ein kleines bisschen mehr vom Tag haben, mehr Zeit zum draussen sein, zum wach sein, zum da sein. Herausfinden was man mit sich anstellen soll und diesem Leben, dazu ist ja jetzt genug Licht. Endlich kann ich abends wieder laufen und noch ein Glas Wein trinken oder zwei und vielleicht doch noch kurz das eine oder andere erledigen und dann ist es immer noch erst dämmrig oder zumindest nicht schon seit sechs Stunden duster. Auf jeden Fall ist da dieser neuerweckte Tatendrang und der tut so gut nach der Winterschwere.
  • die Vögel, die morgens viel zu früh singen, aber es wird wohl einen Grund haben, dass in elektrischen Weckern Vogelgezwitscher einprogrammiert ist und so einen habe ich nicht, sondern nur das Iphone und jetzt eben die Natur, die jetzt wieder ihren Dienst angetreten hat und ihn viel sanfter verrichtet, dafür aber keine Snooze-Taste vorgesehen hat. Gut, man kann nicht alles haben im Leben.
  • die ersten Magnolien blühen. Wer sich Magnolien ausgedacht hat, diese zarte Schönheit, der verdient eine Preis. Und Flieder, diesen Duft. Das ist beides ungefähr unglaublich.
  • Sommerkleider tragen und die Vorstufe dazu: Zum ersten Mal ohne Jacke rausgehen. Nicht mehr eingehüllt von vielem Stoff und Schichten um Schichten, die schützen vor der Kälte und die jeden Gang zum Zeitungskasten zur Expedition werden lassen, sondern nur in ein paar Schuhe geschlüpft. Geht doch. Alles gleich viel leichter und freier.
  • die Fenster gekippt und etwas von dem Leben draussen zieht rein und das ist ein Vorgeschmack auf die Zeit, wenn es so ganz zerfließt, das Drinnen und Draußen, weil sie speerangelweit aufstehen die Fenster in der Hoffnung , dass ein Luftzug reinweht oder etwas Kühle, ein Brise.
  • das erste Mal wieder morgens auf dem Balkon des Espresso trinken. Sonst immer nur kurz dort ein paar Kräuter gezupft und schnell wieder rein und jetzt mit Jacke und Schal zwar, dem morgendlichen Hinterhoftreiben zusehen, wie Eltern ihre Kinder zu Eile ermahnen, Parkplätze frei und Hunde ausgeführt werden.

Ich weiß, es kommt in schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr wieder. Aber ich freue mich immer wieder aufs Neue.

beheimatet

31. März

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682Ich habe alle Bücher von Yasmina Reza gelesen. Alle. Und wenn ich diese Notiz sehe, die ich mir aus diesem Band herausgeschrieben habe, dann weiß ich auch warum.

“Eines Tages war ich nicht, eines Tages werde ich nicht mehr sein. Zwischen diesen beiden Augenblicken der Gleichgültigkeit der Welt bemühe ich mich zu leben. Es ist eine schwankende Welt, von Wirbeln aufgewühlt, ohne Orientierung.
Zwischen diesen beiden Abwesenheiten gehen wir dorthin, wohin uns unsere Schritte führen, wir setzen unsere Füße in die Welt und ihre Orte.
Es gibt Orte und Orte. Die schönen, die berühmten oder die sehr hässlichen lassen uns am Ende gleichgültig. Bestenfalls interessieren sie unseren Bildungsdrang, etwas sehr Durchschnittliches. Die wahren Orte, jene, die uns befruchten, jene, die uns im Gedächtnis bleiben, sind die, die uns sahen, wie wir außer uns waren, die unsere Maßlosigkeit beherbergt haben, das Eingeständnis unserer Begierden oder das Erschrecken davor, all jene Orte, die uns auffingen, als wir erschüttert waren.”

Montagsmögen

30. März

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Unbenannt-1Jeden Montag: Zwei, die mag. Nicht dass ich es mag, aber was heute gut gewesen wäre: Einfach im Bett bleiben. Die Bettdecke über den Kopf ziehen, nichts und niemanden an mich ranlassen. Egal. Morgen ist ein neuer Tag. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Aber vielleicht einen Pony wachsen lassen? Wenn man wieder solche Tage kommen und die kommen mit Sicherheit, puste ich mir einfach ein paar Strähnen ins Gesicht. Wirkt fast wie eine Bettdecke. Oder kaufe mir fröhliche Missoni-Kleider. Wirkt auch.
Ich werde es nicht nur im Bett vor dem Einschlafen lesen, sondern in jeder freien Minute. Ich freue mich auf “Allein mit allen” von Botho Strauß. Den ich sehr mag seit “Paare, Passanten“, diesen feinen Beobachtungen des Alltags.

Ein Lied, das immer gut ist und wenn man es lange genug hört fast so gut abschirmt von der Welt wie die Bettdecke über dem Kopf.

Hinterlassenschaften

29. März

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702705Ich finde den Schutzumschlag nicht mehr. Es ist mir ins Badewasser gefallen. Seitdem wellt sich das Papier. Der Buchrücken ist voller Schlieren und Fingerabdrücke. Ein Kaffeefleck zeichnet sich ab.
Es ist mir sehr ans Herz gewachsen dieses Buch.

Es erzählt auf 154 Seiten das Leben von Egger. Ein Leben, vor dem ich mich verneige. Weil es ein großes ist. Wie jedes Leben. Das vergisst man manchmal. Die Verneigung vor dem schwer zu lebendem Leben. Auf der Suche nach Erfüllung, beim Wettrüsten um den Traumjob, den Bilderbuchehemann, dem gepflegten Reihenhaus mit Vorgarten und den Vorzeigekindern gerät das Gefühl fürs Wesentliche abhanden. Dass es alleine schon ein großes Vorrecht ist auf dieser Welt zu sein und dass nichts und niemand das Anrecht hat auf irgendetwas. Die first world problems vernebeln den Blick dafür, dass es nicht zu pachten ist, dass es ein Ausnahmemoment ist und kein Dauerzustand, das Glück. Dass es nicht nur Flitterwochen gibt, sondern den Alltag, herumliegende Socken, Langeweile und unausgeräumte Spülmaschinen. Aber dass es ein Leben nicht mindert, nicht im mindestens. Dass es eine Lebensleistung ist halbwegs anständig durchzukommen, gut zu sein, besser zu werden, es neu zu versuchen jeden Tag, freundlich zu sein – zu sich und der Welt um einen herum, es immer wieder falsch zu machen und doch weiterzumachen, begreifen und nicht vergessen welches Privileg es ist, dies tun zu dürfen.
Daran hat es mich erinnert dieses Buch. Ein wenig leise geweint habe ich am Ende, ob meines eigenen Glücks und der Blindheit ihm gegenüber. Diese einzige wunderbare Verneigung vor dem Leben.
Das Buch ist nicht mehr sonderlich vorzeigbar.

Aber es hat Spuren hinterlassen.
Nicht nur aufgrund des fehlenden Schutzumschlages.

Das ist alles was zählt.

“Laut der Geburtsurkunde, die seiner Ansicht nach allerdings noch nicht einmal ihre eigene Stempeltinte wert war, wurde Egger neunundsiebzig Jahre alt. Er hatte länger durchgehalten, als er selbst je für möglich gehalten hätte, und konnte im Großen und Ganzen zufrieden sein. Er hatte seine Kindheit, einen Krieg und eine Lawine überlebt. Er war sich nie zu schade für die Arbeit gewesen, hatte eine unübersichtliche Anzahl von Löchern in den Fels gesprengt und wahrscheinlich genug Bäume geschlagen, um mit ihrem Holz einen Winter lang die Öfen einer ganzen Kleinstadt zu befeuern. Er hatte oft und oft oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren […] hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen […]. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. […] Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.”

 

das eine nicht ohne das andere

25. März

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039“Das Ich, das sich in seine eigenen vier Wände zurückzieht, um seine Ruhe zu haben, kann genauso vom Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere befallen werden wie das Ich, das sich mit beliebig anderen auf einem Platz versammelt, um einen öffentlichen Raum für sich zu proklamieren. Es besteht nämlich die Drohung, beides zu verlieren: in eins mit unserem individuellen Selbst die Partizipation an unserer gemeinsamen Welt. Kommunikation passiert zwar ohne unseren Willen und jenseits unserer Kontrolle, aber es braucht den Mut, sich darauf einzulassen, wenn man sich mit und durch und in diesem ungewissen und offenen kommunikativen Hin und Her selbst fühlen und finden will.

Ohne die Anderen kein Selbst, ohne Ambiguität keine Identität, ohne Verzweiflung keine Hoffnung, ohne Ende kein Anfang. Dazwischen ist die Angst.”

So schreibt einer meiner liebsten Soziologen, Heinz Bude in dem Buch Gesellschaft der Angst

Dienstagsmögen

24. März

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montagsmoegenJeden Montag, heute Dienstag (soviel Flexibilität muss sein): Zwei, die ich mag. Aktuell: Den American Lifestyle. Also meine Version davon. Ganz viel Leben reinpacken in die Tage, als gäbe es kein morgen mehr und dabei genießen. Live to the max.
Außerdem hat es mir gerade amerikanisches Essen sehr angetan. Ich könnte jeden Tag Pommes essen. Jeden. Einzelnen. Tag.
Zur Abwechslung mit Pecorino und Basilikum.

Den amerikanischen Touristen erkennt man an den Turnschuhen. Dem nähere ich mich und so landet amerikanisches Schuhwerk im Einkaufswagen. Denn Sneakers hat man nie genug. Gazelle schön und gut, Stan hin oder her – diese Pumas müssen es sein.
Damien Rice ist kein Amerikaner, sondern Ire. Aber ich mag sein neustes Album gerade sehr. Vor allem dieses Lied. Melodie und Text tun so gut, wenn das Herz ein kleines bisschen schmerzt, weil es ein wenig Muskelkater hat. Das hat es manches Mal, weil es sich überanstrengt, übernommen hat oder einfach eingerostet und aus der Übung ist. Kann vorkommen. Aber nur nicht kleingeistig werden darüber, sondern immer großherzig bleiben.
Womit wir wieder bei den Amerikanern wären. Mit vollen Händen ausgeben. Das Leben und die Liebe kennen keine Kreditlinie.
No limits. To the max.

gefunden

22. März

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006Am Sonntagmorgen keine Lust auf die Zeitung und das Tagesaktuelle. Die Weltpolitik beiseite legen und sich im eigenen Universum drehen.
Wahllos in den Bücherstapel greifen und diese eine finden, das mir so viel bedeutet hat. Es in der Hand halten mit dem Wissen, dass es Schätze beherbergt, wunderschöne Stellen, feine Geschichten. Traurig sein, dass ich nicht noch einmal ganz frisch eintauchen kann, es neu entdecken, aber glücklich über Sätze, Textfragmente, die ich wiederfinde und die Erinnerung an die gelesenen Seiten mit sich tragen.

Wie diesen, von dem ich insgeheim wünschte, ich könnte es auch öfter von mir sagen:

“Ich bin noch nie einer Frau begegnet, die so viel sieht, die so sorgsam und einfühlsam hinschaut. Dafür liebe ich Dich. Ich bin in Deinem Blick aufgehoben…. Du weißt, wer Du bist, wo Du herkommst, wo Du hinwillst und was Du brauchst, damit das Leben stimmt. Ich liebe Dich für den festen Ort, den Du in der Welt hast.”

 Bernhard Schlink, Liebesfluchten

Süßkartoffelkompetenz ausgedehnt

21. März

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sueskartoffel - KopieEs gibt einen Grundsatz, der aus der Kybernetik stammt und den ich sehr mag: “Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird. ” Das gilt als eines der Erfolgsrezepte, um Komplexität zu managen. Und wenn diese Welt und das Leben nicht komplex ist, dann weiß ich auch nicht.
Umsetzen kann man dies, indem man sich nicht allzu früh für eine der Wahlmöglichkeiten entscheidet, sondern solange als möglich konkurrierende im Kopf behält. So schärft man die eigene Wahrnehmung für die Vorteile vieler Lösungen, bleibt offen und findet wahrscheinlich einen dritten Weg, der die Vorteile kombiniert. Die Synthese.

Komplexität soll in diesem Falle sogar klug machen.
Jetzt ist das leider nicht so einfach, denn die wenigsten Menschen halten gerne viele konkurrierende Optionen im Kopf offen. Denn das ist anstrengend. Widersprüche, die mit konkurrierenden Optionen einhergehen, stehen im Widerspruch zu unserem Wunsch nach Eindeutigkeit. Oder anders formuliert: Die Ambiguitätstoleranz des Menschen ist begrenzt.

In der Regel entscheiden sich Menschen recht schnell für eine Alternative und finden und suchen dann immer nur die Informationen, die ihre Entscheidung bestätigen.
Das ist zwar einfacher, aber eben nicht erfolgreicher und gute Komplexitätskompetenz sieht anders aus.

Die Küche ist an und für sich nicht sonderlich komplex, allerdings ertappte ich mich hier dabei, die Lösungsfindung zu schnell abgeschlossen zu haben, denn ich hatte mich in Fragen der Süßkartoffel sehr schnell und zügig auf einen Salat eingeschossen. Der zugegebener Maßen auch sehr gut ist. Andere Optionen kamen allerdings nicht mehr in Betracht. Was schade ist.

Aber es gibt Varianten. Die Ambiguität ist dehnbar.

Süßkartoffelreibekuchen

* 1/2 Süßkartoffel
* 2 Eier
* Salz und Pfeffer
* 3 Teelöffel Zucker

Eine zugegeben sehr einfache Option. Aber eine sehr gute. Die einfachen Lösungen sind oft die besten. Nur dass man nicht so einfach drauf kommt.
Süßkartoffeln raspeln, ein Ei zerschlagen, salzen und mit dem Zucker aufschlagen. Die Süßkartoffelraspeln untermengen und  in der Pfanne anbraten.

Süßkartoffelkuchen mit Thymian
[etwas abgewandelt nach einem Rezept von Virginia Horstmann]

* 300 Gramm Mehl
* 1 1/2 Teelöffel Backpulver
* 1 Prise Salz
* 1/4 Teelöffel Natron
* 80 Milliliter Sahne
* 80 Milliliter Vollmilch
* 1 Süßkartoffel (geschält)
* 115 Gramm warme Butter
* 135 Gramm brauner Zucker
* 2 Eier
* Thymianzweige

Mehl, Backpulver, Salz und Natron in einer Schüssel vermischen. Süßkartoffel schälen, in Stücke schneiden und im heißen Backofen so lange backen, bis sie ganz weich wird. Zermanschen und mit der Sahne und der Milch in einer Schüssel vermischen. Butter und Zucker schaumig schlagen. Die Eier hinzufügen. Mehl und die Kartoffelmilchmischung dazugeben. Zum Schluss Thymian unterrühren. Gebutterte Formen mit Teig füllen und bei 175 Grad für zwanzig Minuten in den Ofen. Mit einer Mischung aus zerlaufener Butter, Zimt und Zucker beträufeln – wer mag.
sueskartoffelSo gewappnet und gestärkt, lässt es sich weitere Grundsätze der Kybernetik studieren, die Widersprüche der Welt und der eigenen Personen sehr viel besser ertragen und gute Lösungen für diese komplexe Welt ersinnen.

 

aufgelistet: aneinandergereiht

17. März

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rp_kaffee_2.jpgAngesammelt, nebeneinander gestellt, untereinander, keiner bestimmten Reihenfolge folgend, einziges Kriterium, dass ich sie mochte, die Texte, Bilder, Fragmente.
Über Frauen. Und Männer. Schönheit und Sterben. Alles dabei.
Ein hübsches Ensemble ergeben sie.

  • Wer gefragt wird, soll antworten. In diesem Falle ich.
  • Frauen in München ansehen, sich kein Bild machen in Berlin. Beides sehr sehenswert. 
  • Frauen in der Kunst von überall aus ansehen. Das Internet macht es möglich. Aber nicht nur ansehen, bitte auch die Texte dazu lesen. Herrlich.
  • Ein Buchprojekt. Über den Tod. Über tausende. Wie es sich anfühlt. Das Verlieren und das danach verloren sein. Und eine Seite. Über das Weiterleben danach.
  • einer der herrlichsten Texte überhaupt über die Superoptimierer, glatt Gegelten, stromlinienförmig Angepassten, die Überperformer. Männer wie Frauen.
  • ein Video über die erste Begegnung. Die unvoreingenommene.
  • Emotionale Anorexie. Dass darüber nicht schon mehr gesungen haben.
  • ein Essay über die Schönheit  und wenn man ihn nicht ganz liest, dann bitte wenigstens diesen Satz, weil er nicht nur für Frauen gilt, sondern für überhaupt alles, was einem so tagein tagaus begegnet: “Indem man diese Frauen betrachtet, sich mit ihnen beschäftigt und sich zwingt, sie wirklich zu sehen, entdeckt man ihre Schönheit – jene ganz eigene Schönheit, derer man erst gewahr wird, wenn man die Einzigartigkeit einer Person erkennt.