Alle Artikel in: denken

Geduld, Geduld

Eines der Bücher, das ganz lange in Vergessenheit geraten ist, aber so lange Zeit präsent in meinem Leben und Denken war, dass es nur einen kleinen Anstoß braucht und alles ist wieder da: Das sind für mich die „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rainer Maria Rilke. Eine Jugendliebe schenkte sie mir. Von der Liebe ist nichts mehr da, ein paar vage Erinnerungen vielleicht, ein verblichenes Foto, ein zurückgelassenes Skateboard und dieses schöne Buch. Rainer Maria Rilke schrieb damals an Franz Xaver Kappus, der nicht wusste, ob er sich gegen die Offizierslaufbahn oder für das Schriftstellerleben entscheiden sollte. Rilke antwortet ihm und was er über das Leben, die Liebe, Kunst, über die Notwendigkeit des Schaffens sagt, sagt mir heute noch so viel wie damals als ich fünfzehn war und zwar glaubt schon alles zu wissen, aber auch ahnte, dass das da mehr sein musste. Und vor einer Woche zitierte mir dann jemand diese Passage und es war alles wieder da. Es hat nichts an Aktualität verloren. Ich stehe wieder am Anfang. „… und ich möchte Sie, so …

alle Möglichkeiten

„Was ich habe, will ich nicht verlieren, aberwo ich bin will ich nicht bleiben, aberdie ich liebe, will ich nicht verlassen,aberdie ich kenne will ich nicht mehr sehen, aberwo ich lebe, da will ich nicht sterben, aberwo ich sterbe, da will ich nicht hin:Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ Eines meiner liebsten Gedichte von Thomas Brasch aus dem Band „Was ich mir wünsche„.

Worum es geht von einem der fehlt

Vor einem Jahr ist Roger Willemsen gestorben. „Es geht nur darum, mit Menschen zu sprechen, sie zu sehen, sie zu verstehen, ihre Möglichkeiten auszudehnen, sie zu ermöglichen. Es geht nur darum, aufmerksam zu sein, immer entgegenkommend und alles im Blick zu behalten. Es geht darum, dass Angst kein Gegner ist, der sich in den Weg stellt, sondern ein Freund, der einen an der Hand nimmt. Es geht darum, das Leben als Augenblicke der Möglichkeiten zu empfinden, die genutzt werden wollen und die genutzt werden sollen.“ Ein Auszug aus einer der Trauerreden um ihn

auf der Suche

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns. Da gibt es kein „entweder – oder“ mehr. Da richte ich nicht mehr und es wird nicht über mich gerichtet. Da wird nicht mehr moralisch abgewertet. Dort treffen sich Menschen und schauen, was in ihnen lebendig ist. Jetzt in diesem Moment. Dort treffen sich Menschen, die einander achten und wertschätzen und sich wechselseitig zum Leben helfen. Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ Schrieb Rumi in seinen mystischen Texten im 13. Jahrhundert. Ganz lange habe ich nach diesen Textzeilen gesucht, von denen ich wusste, dass ich sie schon einmal irgendwo gelesen hatte. Die vielleicht utopisch scheinen, aber eine tief sitzende Sehnsucht in mir beschreiben. In einigen Überlieferungen wird „Menschen“ mit „Männer und Frauen“ übersetzt. Was einen nicht minder kleinen Wunsch in mir trifft. Nicht gesucht habe ich nach diesem Buch. Es lag auf einem Stapel  in einem nassen Pappkarton auf der Straße. Dem Verweis „zum Mitnehmen“ konnte ich nicht widerstehen.

Klartext

Ja, das gelingt manchmal. „Offenherzig reden, ohne Rücksicht auf das Alter oder was auch immer, über die persönlichsten Dinge, wissen, dass man verstanden wird, und wissen, dass die wirklich wichtigen Fragen ganz nahe sind.“ Julien Green, in einem Interview mit Iris Radisch. Gefunden im Buch „Die letzten Dinge: Lebensendgespräche“

Auf ein Neues

Als ich über dieses Jahr nachgedacht habe, darüber was passiert ist und was nicht, da fiel mir diese Geschichte wieder ein. Ein Abend in Berlin. Zusammen gekocht, mit der Familie gegessen und anschließend ein wenig durch den Friedrichshainer Kiez geschlendert. Ein warmer Spätherbstabend. Gespräche über das, was uns Angst macht, was wir tun könnten, Pläne schmieden. Irgendwo in einer Straßenabzweigung scheint in einem Laden noch Licht. Der Besitzer mit einem Glas Wein in der Hand winkt uns herein. Ich stehe in einem verwinkelten Antiquariat voller Bücher. Alle Bände von Adorno, vollständig, in der richtigen Reihenfolge. Alle Werke von Foucault aufgereiht. Alle da. Alles da. So chronologisch und sauber sortiert, dass es sich verbat etwas zu kaufen, weil ich dann die heilige Ordnung durcheinandergebracht hätte. Im Rückhaus wird an die gegenüberliegende Hauswand ein Film projiziert. Selbstgemachtes Freilichtkino. Tschechiches Arthouse. Von oben hören wir Klaviermusik. Weil es Berlin ist und nicht München und man da so etwas machen kann, gehen wir die Stufen hoch, immer der Musik nach. In einem leergeräumten, kahlen Zimmer steht nur ein Flügel, …

[Nr. 20 von 1/2]: Mut

Es scheint alles so unpassend. Bis vielleicht auf das, was ich gestern las beim Aufräumen und Sortieren, kurz bevor die ersten Anfragen kamen, ob es mir gut geht, ob ich schon in Berlin sei oder in München. „Es kommt einzig auf den Mut an. Er geht auch den Tapfersten oft verloren, dann neigen wir zum Suchen nach Programmen, nach Sicherheiten und Garantien. Der Mut bedarf der Vernunft, aber er ist nicht ihr Kind, er kommt aus tieferen Schichten.“ Schreibt Hermann Hesse.

[Nr. 15 von 1/2]: man selbst sein

„Ich glaube an so etwas wie ein echtes Selbst, und ich weiß wie selten es ist, so ein Selbst sprechen zu hören, zu sehen, wie es sich aus dem Kokon der Falschheit und des Nichtssagenden herausschält, aus den Scheingestalten, die wir anderen präsentieren, um ihnen zu gefallen, sie irrezuführen. Je gefährlicher das echte Selbst, desto raffinierter die Masken. Je ätzender das Gift, das wir am liebsten über andere ausspeien würden – um sie zu lähmen, zu töten -, desto größer der Nektar, mit dem wir sie locken, zu uns zu kommen, in unserer Nähe zu sein, uns zu lieben.“ Aus „Du sagst es“ von Connie Palmen

Verlauf im Rückspiegel

„Die zentrale Frage war: Bist du weitergekommen? Was war gut daran, was schlecht, wo warst du gelangweilt? Wie eitel warst du? Das sind die Kurven, in denen alles verläuft.“  Du wirst gespiegelt in dem, was du bist.“ Grönemeyer. In einem Interview. Für mich gelernt: Unterschätze Popstars nicht.

schmerzvoll

Ein Text. Ein großer. Gelesen am Morgen, als ich noch nicht bereit war für den Alltag und bis zum Abend ließ er mich nicht los. Wir können entscheiden, ob wir uns von etwas berühren lassen oder Dinge und Menschen nicht an uns heranlassen. Ich weiß nicht, doch ich weiß, was mehr weh tut.

Richtungsverändernde Begegnungen

  Ein Sonntagnachmittag. Zur Pinakothek spazieren und dazwischen länger als nötig im Tambosi verweilen, bei noch warmes Croissant und frisch gepressten Orangensaft die Dame beobachten, die älter scheint als sie ist und ein wenig zu früh an ihrer Weinschorle nippt. Über Bilder sprechen. Wie sie den eigenen Blick auf die Welt zeigen, wie man sich selbst zeigt in Bildern, weil immer etwas von einem selbst durch sie hindurchscheint. Und auf einmal habe ich wieder Lust und Mut durch den sanften Anstoß. Greife zur Kamera, die ich so viele Monate vernachlässigt habe, weil der Zugang fehlte und drücke den Auslöser. Danke Annett. Ich will nur den Schlüssel abholen. Schließlich kennt man sich kaum. Ein zwei kurze Hallos und lose Gespräche. Freunde von Freunden. Und dann wird aus dem kurzen Kaffee ein zweiter und noch ein Tee und es entspinnt sich ein Gespräch über den Osten und den Westen, das Leben und was man will und was nicht und wie schwer es ist, das eine vom anderen zu unterscheiden. Was eine Sache von fünf Minuten hätte sein sollen, …