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Der, die oder das Andere

""Menschen sind Resonanzwesen. Das Gefühl gesehen und anerkannt zu werden ist so wichtig, wie kaum etwas anderes", hat der Soziologe Hartmut Rosa gesagt. Das erklärt einiges, wenn nicht sogar vieles. Beispielsweise das Phänomen, dass wir ein Gespräch als gut empfinden und das Gegenüber als intelligent erachten, wenn unsere Meinungen und Ansichten in möglichst vielen Punkten übereinstimmen. Wir mögen generell Menschen, die so aussehen, so leben, sich so verhalten, wie wir es tun. Der andere ist ein Spiegel meiner selbst und zwar nicht nur in der engsten aller Beziehungen, der als Paar, sondern auch in den anderen außen herum. Und so umgibt man…

Die nächste Stufe der Beziehung

Wenn man sich schon ein wenig näher kennt, wenn man ein oder zwei Abende miteinander verbracht hat und auch ein paar ganze Tage, wenn man sich und den anderen nicht mehr die ganze Zeit auf den Prüfstand stellt, dann erweitert sich irgendwann der Kreis der Zweisamkeit und man wird den Freunden vorgestellt. Das ist Vertrauensbeweis und das Zeichen, dass das nicht nur eine kurze Affäre ist, sondern sich zu etwas entwickeln könnte von Dauer. Irgendwann sind dann auch die Eltern dran und die Familienfeier. Diese Erweiterung des Kosmoses ist ein Beleg dafür, dass die Beziehung trägt, dass der andere eingelassen wird…

Ich habe da jemanden kennengelernt

Wenn jemand das nicht kennt, dann ist das schwer zu erklären. Die Tatsache, dass man zu einem Buch eine Beziehung haben kann, dass es ein Wegbegleiter wird für eine Weile. Ich erinnere mich oft über Bücher an gewisse Zeiten im Leben. Das habe ich gelesen, als ich gerade mit dem Studium anfing und nicht so recht wusste, was das alles sollte. Das, als ich so schlimmen Liebeskummer hatte. Das im Urlaub in der Camarque, in dem ich von Mücken zerfressen wurde. Eine kurze Zeit verbringt man gemeinsam. Das hinterlässt Spuren. Immer. Der eine mehr, der andere weniger. Gilt für Menschen…

Nüchtern betrachtet

Ich habe es ein wenig wie im Rausch gelesen. Ein Buch über das Trinken, über das zuviel Trinken, über das Trinken über den Durst hinaus, darüber dass das Trinken, um dem Alltag zu entfliehen irgendwann Alltag wird, darüber dass die Grenzen sehr zart und sehr fließend sind, darüber wie sich Abhängigkeit tarnt, sehr mies tarnt, dass sie nicht so offensichtlich ist, wie wir in unserer selbstbeherrschten Überheblichkeit zu glauben meinen, darüber dass sie verschiedene Kleider trägt. Nüchtern: Über das Trinken und das Glück heißt das Buch bezeichnender Weise. "Es war gar nicht so, dass wir exzessiv tranken, mein Partner und ich.…

einschlafen und aufwachen

Jeder Mensch hat seine Mechanismen um mit dem, was das Leben einem so entgegenschleudert oder auf den Rücken packt, umzugehen. Die entwickeln sich eben im Laufe der Jahre. Welches Geheimrezept aus dem Apothekerkasten gegen die Sinnfragen und den Weltschmerz am besten funktioniert, hat man irgendwann heraus. Manche rennen davon, mancher betrinkt sich, andere zerstreuen sich und manches Mal hilft auch nur alles zusammen oder wahlweise hintereinander. Mache ich auch alles gerne. Aber mein ultimatives Heilmittel ist der Schlaf. In den Momenten, in denen die Welt ein wenig zu viel für mich ist und ich nicht weiß was tun, wie die richtige Antwort lautet,…

Gefunden, verletzt, geweint. Über ein Buch und seine Folgen

Wie ich Bücher finde? Das weiß ich nicht. Vielleicht weil ich ein wenig daran glaube, dass sie auch mich finden. Zur rechten Zeit.  Dieses hat mich gefunden. Ich habe es ausgesucht oder es mich. Wer weiß, dass schon so genau? Begegnet sind wir uns schon früher. So viele hatten davon erzählt. Sie hätten am Ende geweint. Es sei so bewegend. Ein Krebsbuch. Es bewegt sehr. Es ist ein gutes Buch. Und ich habe geweint. Nicht, weil es um Krebs und um den Tod geht. Da wird mir wieder einmal klar, warum es so furchtbar sinnlos ist, Bücher zu beschreiben, indem man den…

wortlos

"Vielleicht, weil das erfüllte Leben keinen Raum für Worte lässt." Steht in dem schönen Buch "Lied für eine geliebte Frau" von Eric Orsenna. [Hier habe ich Worte dafür gefunden, warum mir dieses Buch so viel bedeutet.] Aber manches Mal lässt es es doch Worte zu, das erfüllte Leben. Manches Mal quillt es sogar genau dann über. Trotz des eigenen Unvermögens sich auszudrücken, lohnt es sich, es immer wieder zu versuchen, Worte zu finden, dem nahe zu kommen, was es zu beschreiben gilt. Zu teilen, mitzuteilen. Weil mitteilen nur über das Aussprechen gelingt, was mich dann zwingt selbst näher hinzusehen, um es fassen zu können und in…

Unglaublich, aber wahr: Über eine Frau, ein Buch, das Meer

Es gibt vier Worte, die ändern alles, die vermögen einer Geschichte auf einen Schlag mehr Tiefe, mehr Bedeutung zu geben. „Nach einer wahren Begebenheit“. Wenn sie in Filmen auf dem Bildschirm erscheinen, dann geht alles was danach folgt näher und berührt einen mehr. Wie groß die Macht von Hollywood und der Unterhaltungsindustrie auch ist: Der Mensch hat ein sehr feines Gespür für den Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Dass etwas tatsächlich so passiert ist und nun nur schöner ausgeleuchtet wird, berührt eine andere Dimension in uns als die rein phantastischen und erfundenen Geschichten. Wir Deutschen wissen das. Immer noch zu…

das gedruckte Internet

Das Bild ist nicht von mir, sondern von der talentierten Jules. Die Bilder darin sind allerdings von mir. Die Texte auch. Es ist ein Independent Publishing-Projekt von Anselm und Lina.  Lina war der erste Mensch, den ich nur über das Internet kannte und dann "in echt" getroffen habe. Ich mochte ihren Blog sehr, wir hatten gemailt, es ergab sich, dass ich gerade in Berlin war und am Sonntagnachmittag Zeit hatte. Was war ich nervös. Man hört und liest ja die wildesten Sachen über Menschen, die sich im Internet präsentieren. Könnte in Wahrheit auch jemand ganz anders sein. Und wie bei einem echten Blind…

Messfehler und Wort zum Dienstag

Dieser Drang, dieser Wunsch, dieses Bedürfnis etwas Bedeutungsvolles geschaffen zu haben. Wie schwer das ist mit dem genug haben, das nur eine Frage des Messens ist und damit, wer das Maß anlegt, woran gemessen wird und wie die Richtlinie aussieht. Dass wir unsere eigene Messlatte sind, dass das Beste vielleicht nicht noch kommt, sondern schon da war, dass das Gras überall grün ist und es auch gut ist, ausreicht. Genug. "Ich wäre dir so gern genug, aber es reicht dir nie. Nichts ist dir genug. Aber das ist alles, was du kriegst. Du kriegst mich und deine Familie und diese Welt.…

des Kaisers neue Kleider

"Und selbst wenn ihr etwas lernt, damit ihr glaubt, ihr könntet etwas ist immer jemand da, der das besser kann als ihr. [...] Du wirst bestimmt Designerin und stöckelst auf hohen Schuhen herum und spielst die Smarte und überzeugst alle anderen, dass sie glauben, wenn sie nur in Sachen von deiner Marke herumlaufen, seien sie auch smart. Aber du wirst feststellen, dass du ein Clown in irgendeinem überflüssigen Zirkus bist, wo alle versuchen, sich gegenseitig vorzumachen, es sei lebensnotwendig, in einem Jahr auf diese Weise gekleidet zu sein und im nächsten auf eine andere. Und du wirst feststellen, dass der…

jugendfrei

Es ist ein Jugendbuch. Es ist kein Jugendbuch. Es ist ein Buch für jedes Alter. Es ist ein gutes Buch. Einfach geschrieben behandelt es den komplizierten Sachverhalt des Daseins, dessen was das alles hier soll, ob es sich lohnt unser aller Rennen, Machen und Tun. Eigentlich ideal für die Sommerzeit, in der die Lebensträume vom Urlaub genährt, wieder erwachen. So muss es doch sein, das Leben. Immer. Nicht nur die zwei Wochen auf dem Balkon in der Toskana. Es ist ein Urlaubsbuch. Es ist ein Buch für jede Zeit. Ich habe überlegt, ob ich es meinen Kindern zu lesen geben…

Mach Dir kein Bildnis

Die Frage nach der Realität ist natürlich eine sehr große. Da wäre die eigene, die die wir zu kennen glauben, die die wir sehen und wahrscheinlich noch viele mehr. Es ist kompliziert.  Nicht, dass dieses Buch es einfacher macht. Im Gegenteil. Es macht das, was oft passiert, wenn man eintaucht. Eine Schicht aufgebrochen, nur um zu entdecken, dass dahinter noch viel mehr sind. Ich sagte, es ist kompliziert. Ich mochte das Bild auf der Schutzhülle. Die Melancholie. Wie die Frau durch den Fluß watet, den Rock angehoben. Erfrischung an einem heißen Sommertag. Aber es ist komplizierter. Die Fotografie stammt aus 1942. Die…

seltener Zeitvertreib

Ich habe mal gelesen, dass eine der Merkmale des Älterwerdens die Erkenntnis ist, dass es selten ist, dass man Menschen begegnet, die einem wirklich viel bedeuten, mit denen man gerne und viel Zeit verbringt, die bleiben sollen. In der Jugend scheint die Welt noch voll davon. Nach dem Abitur glaubte ich, dass diese tiefe Verbindung zu den dreißig Mitschülern durch nichts zu kappen wäre. Schon nach den Sommerferien sah die Sache anders aus. Es mündet in einem: "Was machst Du jetzt? War schön Dich zu treffen. Ich muss dann auch weiter", weil die gemeinsam verbrachte Zeit als alleiniges Fundament nicht ewig…