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lesen

seltener Zeitvertreib

Ich habe mal gelesen, dass eine der Merkmale des Älterwerdens die Erkenntnis ist, dass es selten ist, dass man Menschen begegnet, die einem wirklich viel bedeuten, mit denen man gerne und viel Zeit verbringt, die bleiben sollen. In der Jugend scheint die Welt noch voll davon. Nach dem Abitur glaubte ich, dass diese tiefe Verbindung zu den dreißig Mitschülern durch nichts zu kappen wäre. Schon nach den Sommerferien sah die Sache anders aus. Es mündet in einem: "Was machst Du jetzt? War schön Dich zu treffen. Ich muss dann auch weiter", weil die gemeinsam verbrachte Zeit als alleiniges Fundament nicht ewig…

mehr dahinter

"Jedes Leben ist viel reicher an Gedanken, Gefühlen und Phantasien, als die äußere Biographie zeigt." Ein Satz des Philosophen Peter Bieri, den ich mir aus seinem Buch Wie wollen wir leben? herausgeschrieben habe. Als Erinnerung und für den Fall der Fälle, dass ich es vergessen sollte, dass ein zweiter Blick sich lohnt. Hinter die Fassaden, Lebensläufe, Oberflächen.  Und wie ich kürzlich lernen konnte, manchmal auch die eigenen. Gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken.…

beheimatet

Ich habe alle Bücher von Yasmina Reza gelesen. Alle. Und wenn ich diese Notiz sehe, die ich mir aus diesem Band herausgeschrieben habe, dann weiß ich auch warum. "Eines Tages war ich nicht, eines Tages werde ich nicht mehr sein. Zwischen diesen beiden Augenblicken der Gleichgültigkeit der Welt bemühe ich mich zu leben. Es ist eine schwankende Welt, von Wirbeln aufgewühlt, ohne Orientierung. Zwischen diesen beiden Abwesenheiten gehen wir dorthin, wohin uns unsere Schritte führen, wir setzen unsere Füße in die Welt und ihre Orte. Es gibt Orte und Orte. Die schönen, die berühmten oder die sehr hässlichen lassen uns…

Hinterlassen

Ich finde den Schutzumschlag nicht mehr. Es ist mir ins Badewasser gefallen. Seitdem wellt sich das Papier. Der Buchrücken ist voller Schlieren und Fingerabdrücke. Ein Kaffeefleck zeichnet sich ab. Es ist mir sehr ans Herz gewachsen dieses Buch. Es erzählt auf 154 Seiten das Leben von Egger. Ein Leben, vor dem ich mich verneige. Weil es ein großes ist. Wie jedes Leben. Das vergisst man manchmal. Die Verneigung vor dem schwer zu lebendem Leben. Auf der Suche nach Erfüllung, beim Wettrüsten um den Traumjob, den Bilderbuchehemann, dem gepflegten Reihenhaus mit Vorgarten und den Vorzeigekindern gerät das Gefühl fürs Wesentliche abhanden. Dass es…

gefunden

Am Sonntagmorgen keine Lust auf die Zeitung und das Tagesaktuelle. Die Weltpolitik beiseite legen und sich im eigenen Universum drehen. Wahllos in den Bücherstapel greifen und diese eine finden, das mir so viel bedeutet hat. Es in der Hand halten mit dem Wissen, dass es Schätze beherbergt, wunderschöne Stellen, feine Geschichten. Traurig sein, dass ich nicht noch einmal ganz frisch eintauchen kann, es neu entdecken, aber glücklich über Sätze, Textfragmente, die ich wiederfinde und die Erinnerung an die gelesenen Seiten mit sich tragen. Wie diesen, von dem ich insgeheim wünschte, ich könnte es auch öfter von mir sagen: "Ich bin…

Geschmacksprobe

Sprache zu beschreiben, die Tonalität eines Buch, das kann nicht gelingen. Aber vielleicht hilft eine Amuse Gueule, ein kleiner Gruß - in diesem Fall nicht aus der Küche, sondern aus den Seiten. Es geht um eine Bergkette im Sonnenuntergang. Diese Szenerie bei der, stünde man vor ihr, man lieber nichts sagen würde, weil alle Worte fehl am Platz und zu ungenügend wären. Lieber schweigend staunen, ergriffen und erschlagen sein ob dieser realen Postkartenschönheit. Vielleicht die Hand des anderen nehmen. Alles andere wäre zuviel. Aber auf den Buchseiten müssen Worte her und dort steht es dann so und ich wüsste nicht, wie es…

Grundversorgung

Es braucht nicht viel. Und es ist selten das Laute und Aufgeregte. Aber manches Mal, da ist da etwas und das ist auf diese leise, ruhige Art so schön, besonders oder eigen, dass ich anhalte. Kindern liegt das im Blut. Im Laufe des Lebens kommt es dann irgendwie abhanden. Ich hatte schon lange kein besonderes Buch mehr in den Händen. Viele Bücher, die gut waren für den Kopf, die neue Gedanken brachten, den Blick geöffnet haben, aber keines, dass ich ab und zu weglegen muss, weil es berührt und von dieser zarten Schönheit ist. Wir haben Raketen geangelt ist so eines.…

Buchbindung

Mein Versuch über die Wirkung eines Houellebecq-Buches zu schreiben ist natürlich kläglich angesichts dessen, was er selbst über die Bedeutung von Literatur in besagtem schreibt. "Über die Literatur ist vieles, vielleicht zu vieles geschrieben worden (als Literaturwissenschaftler steht mir dieses Urteil mehr als jedem anderen zu), dabei ist die spezifische Besonderheit der Literatur, der hohen Kunst der westlichen, vor unseren Augen untergehenden Welt nicht schwierig zu bestimmen. Die Musik kann im selben Maße wie die Literatur erschüttern, eine gefühlsmäßige Umkehr, Traurigkeit oder absolute Ekstase bewirken; die Malerei kann im selben Maße wie die Literatur verzücken, einen neuen Blick auf die Welt eröffnen. Aber allein…

Unangenehm, aber wirkt

Eine Strategie, um erfolgreich durch den Tag zu kommen, ist, die Dinge, die man meidet oder ungern tut, zuerst zu erledigen. Ich habe dieses Buch gleich nach Erscheinen gelesen, was ich selten tue, aber es ist eben ein Houelllebecq und was soll ich sagen? Ich hege eine gewisse Verehrung für ihn. Er greift Stimmungen der Gesellschaft auf und packt sie in Romane und dafür und für vieles andere mag er umstritten sein, aber ihm sind große literarische Schachzüge gelungen und ich ihm irgendwie verfallen. Mit meiner Verehrung für ihn stehe ich zuweilen alleine da, weil er aneckt und schwer verdaulich ist…

Von den Amerikanern lernen. Von einem im besonderem.

Um einiges beneide ich die Amerikaner. Um M&Ms mit Erdnussbutter, um die eindeutig besseren Serien im Vorabendprogramm, um Einkäufe bei Jcrew ohne Zollgebühren zahlen zu müssen. Um den Superbowl, auch wenn ich die Regeln nicht verstehe, aber das Spektakel so herrlich groß und opulent ist, dass das auch egal ist.  Und um deren Uni-Abschluss-Reden. Während bei uns ein wenig auf dem Klavier geklimpert wird und der diesjähige Studienstiftungsempfänger und Jahrgangsbeste, sowie irgendein Landespolitiker ein paar warme Worte verlieren, wird dort in die Vollen gegriffen. Wahrscheinlich auch nicht überall. Aber ein deutsches Äquivalent für die Steve Jobs-Rede will mir nicht einfallen. Und ich mag…

die beste Zeit

"...begriff ich, dass ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen war und dass es vermutlich der beste gewesen war. So geht es in unseren noch westlichen und sozialdemokratischen Gesellschaften allen, die ihr Studium beenden, nur ist es den meisten nicht oder nicht sofort bewusst, denn sie sind hypnotisiert vom Geld oder vom Konsum wie die Primitivsten, die die heftigste Sucht nach gewissen Dingen entwickelt haben (doch sie sind in der Minderzahl; die ernsthafterer und gemäßigtere Mehrheit entwickelt schlicht eine Faszination für Geld, diesen "unermüdlichen Proteus"). Noch willenloser sind sie ihrem Drang ausgeliefert, sich zu beweisen, sich einen beneidenswerten Platz in einer Gesellschaft…

Gebrauchsanleitung für das mittendrin

Mittendrin ist es immer am schwierigsten. Rückblickend hat für mich immer vieles Sinn gemacht und vorausschauend war auch alles klar. Aber so zwischendrin? Neblig, unklar, verworren. Was ich sagen kann: Ich habe noch nicht ansatzweise verstanden, was es ist, was da gerade passiert. Markiert mit dem Schlagwort Digitalisierung. Und das obwohl ich teilweise damit mein Geld verdiene es zu erklären. Ich weiß aber, dass ich mittendrin bin oder dazwischen, wie Richard Gutjahr es mal genannt hat. Und ich weiß es zwar noch nicht, aber habe vielmehr eine Ahnung, dass es etwas Großes ist, etwas sehr Großes, das da passiert. Dampfmaschinenvergleiche…

Nullsummenspiel

“In dieser Gesellschaft ist der Tod allgegenwärtig. Wo immer du hinblickst. Leute, die sich schminken lassen, liften, falsche Zähne einsetzen, kaufen, edelkaufen, ein unbeschreibliche Lebensgier, eine sich in Verdoppelung ausbreitende Sucht der Selbstverwirklichung, die nach einer Zweitwohnung, nach dem Zweitauto, Zweitfernseher, der Zweitfrau verlangt, denn man weiß, auch der Papst ahnt es, nicht, nichts kommt danach. Wir leben in der transzendentalen Obdachlosigkeit. Dies bißchen Erde. Das ist alles. Hier, hier, hier. Jetzt, jetzt, jetzt. Sonst nichts. Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht, also auf Schnäppchenjagd geht oder etwas anderes sucht.” aus: Rot von Uwe Timm…

Grund zu feiern

"Wir versuchten zu beweisen, dass wir alles hatten, weil wir ja Partys gaben, aber ich bekam allmählich das Gefühl, wir hatten außer Partys nichts." aus: Wie sollten wir sein? von Sheila Heti…