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Vom Beginn des Sommers

Amerikanische Universitäten geben eine Sommerbuchempfehlung. Die Idee dahinter ist die, dass die Studenten gleich zu Beginn des neuen Semesters über etwas Gemeinsames unterhalten können. Ich habe mein eigenes Sommerbuch. Nicht, um mich mit jemandem darüber zu unterhalten, wobei das auch immer nett ist. Aber ich habe immer ein Buch, das für mich den Sommer einläutet. Die Zeit, in der es ein wenig ruhiger zugeht, in dem allem das Tempo genommen ist, weil entweder immer jemand im Urlaub ist, weil klar ist, dass vor Anfang September sich eh nichts tun wird oder es einfach zu heiß ist für kühne Pläne und großen Eifer. Weil die Fenster immer geöffnet sind und zuviel Leben eindringt in die miefigen Büroräume, weil es alle Menschen nach draußen zieht. Weil ich mehr Energie habe, nochmals rausgehe, mich an die Isar setze, weil ich Radfahren kann und am Fluß sitzen und in die Berge und schwimmen und nichts tun und selbst wenn ich arbeiten muss fühlt es sich nicht so an. Und am Anfang zu alldem steht bei mir immer ein Buch. …

Keine Angst

Das Fürchten verlernen . Dazu muss man sich erst einmal eingestehen, dass da welche ist. Furcht nämlich. Die enorme Kraft, die aufgewendet wird, sie nicht zu sehr zu spüren und vor ihr davon zu laufen, lässt einen an manchen Tagen fast vergessen, dass sie existiert. Es gelingt umso schlechter nach der Lektüre dieses Buches. Das ist gut so. 7 Mutproben, die alles verändern, heißt der Untertitel. Sieben Kapitel. Die lauten „Nicht mehr liebenswert sein. Und nicht mehr lieben“ oder „Den Dämon kennenlernen“ oder „einen Elternteil verlieren.“ Wie kann ein Mensch so etwas schreiben, habe ich mich gefragt. Wie so genau hinsehen, wo wegsehen doch antrainiert, bequemer und angenehmer ist? Ich sehe das an mir selbst. Wie naheliegend ein neues Kleid, das immer auch ein Versprechen ist, zu kaufen statt zu betrachten, wer ich gerne darin wäre und was ich mir von der Person erhoffe, die ich in eine neue Verpackung stecke. Wie viel einfacher ist es mich mit Eis zu belohnen oder mit zuviel Pasta, mit irgendetwas das Geborgenheit gibt, wenn auch nur kurz, statt auszuhalten, was …

schutzlos ausgeliefert

Das Bild auf dem Umschlag ist von Peter Hujar. Es heißt „orgasmic man“ und zeigt genau das: Einen Mann während des Orgasmus. Der Fotograf hat die wenigen Sekunden, in denen ein Mann sein eigenes Bild nicht unter Kontrolle hat, in denen er in keine Posen verfallen, sondern völlig schutzlos und verletzlich ist, festgehalten. Es gäbe keinen passenderen Einband für das Buch Ein wenig Leben. Ein Buch, das von vier Männern handelt, die sich am College kennenlernen und das von ihrer lebenslangen Freundschaft erzählt. Davon, wie das Gefühl als Kind nicht gewollt zu sein, einen bis ins Erwachsenenleben verfolgt und gegen alle Fassaden, die man aufbaut und äußerlichen Schutzräume, die man schafft immer wieder an die Oberfläche schwappt. Es gibt ein Gedicht von Yrsa Daley-Ward, an das ich beim Lesen manchmal denken musste. „Loving someone who hates himself is a special kind of violence. A fight inside the bones. A war within the blood.“ Es ist ein Buch, das in einem kämpft. Ein wenig Leben handelt von einem, der sich selbst zerstört, der Glück nicht zulässt, weil es nicht sein darf. Dem es …

leise Bilder, ganz laut

„Die leisen Töne werden gehört“, bemerkte einmal ein Kollege, als ich mich und ihn fragte, ob ich in der lautstarken Männerrunde nicht anders hätte auftreten sollen. Der Satz hat mich lange begleitet und tut es heute noch. Es gibt eine sehr feine Art der Kommunikation, die reduziert, sehr treffend ist, die weglässt und gerade darum mehr sagt. Die Bilder von Christoph Niemann sprechen so. Sehr leise, sehr direkt. Christoph Niemann ist Illustrator. Er hat viele Cover des New Yorker gestaltet, einen herrlichen Instagram-Account (allein diese Illustration, wie Social Media funktioniert ist so herrlich), eine wunderschöne App für Kinder herausgebracht, ebenso wie diverse Bücher. Er hat eine ganz eigene Sicht auf die Welt. Einen liebevollen Blick. „Man würde gerne einmal einen Tag in seinem Kopf verbringen“, so hat es der Feuilleton-Chef der Süddeutschen in einem Artikel über ihn formuliert. Man merkt ich bin begeistert von ihm und nicht nur deswegen habe ich in den letzten Tagen und Wochen ganz viel in seinem neusten Buch „Sunday Sketching“ geblättert. In den Momenten, in denen es mir schwer fiel mit einer Aufgabe zu beginnen, weil ich immer …

frei zu lesen

Ich musste es kaufen. Es war der Titel. Es ist ein beeindruckendes Buch. Françoise Giroud war eine beeindruckende Frau. Sie hat vieles hinterlassen. Unter anderem einen Text, der 2013, da war sie schon zehn Jahre tot, auftauchte und vor drei Jahren veröffentlicht wurde. „Ich bin eine freie Frau“. Girod schrieb in ihrem Leben über 30 Bücher. „Ich bin eine freie Frau“ war nicht als ein solches geplant. Freunde rieten von der Veröffentlichung ab. Girod schrieb es nicht um ein weiteres Buch zu schreiben. Sie schrieb es nach einem gescheiterten Selbstmordversuch, um sich und das Geschehene besser zu verstehen. Ihr damaliger Geliebter, mit dem sie gemeinsam das Nachrichtenmagazin „L´Express“ gegründet hatte, verlies sie und schmiss sie aus der Redaktion. Sie hatte beides verloren. Ihre Liebe und ihre Arbeit, die für sie immer mehr als nur Broterwerb war. Sie schrieb, um wieder ins Leben zu finden. Sie verfasste damals einen Text. Schonungslos, offen und ehrlich, wie ein Schreiben sein kann, wenn einer alles verloren hat und auf der Suche ist nach seinem Platz in der Welt. Sie analysiert, …

nicht den Erwartungen entsprechend

„Ist das das Neue von Capus? Ich mochte Léon und Louise so sehr. Ist es gut?“ wurde ich oft gefragt, wenn jemand das Buch bei mir entdeckte. Ja, es ist das Neue von Capus. Ich mochte Léon und Louise auch sehr. Und ja, es ist gut. Es ist gut, aber ganz anders. Wenn man es nicht wüsste und es nicht auf dem Umschlag stünde, käme man nicht darauf, dass es ein und derselbe Mensch geschrieben hat. Das hat manche enttäuscht. Man hätte etwas anderes erwartet, heißt es. Es gibt eine Stelle in „Das Leben ist gut“, dem neusten Buch von Capus, in der er sich fragt, warum er schreibt. „Es gibt doch schon so viele Bücher, auch sehr viele sehr gute; viel mehr jedenfalls, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen kann. Zudem scheint mir an machen Tagen, dass das Leben schon genug sei – dass es das Leben selbst sei, dem man Schönheit einhauchen müsse, statt es mit Kunst aufzuhübschen wie einen Weihnachtsbaum.“ Leon und Louise ist hübsch, sehr hübsche Kunst. „Das Leben ist …

Vom Glück der Realitätsflucht zur Erkenntnissucht

Warum lesen wir? Um in Gedanken auszubrechen, um uns zu zerstreuen, zu unterhalten, zu amüsieren, um dem Alltag zu entfliehen. Bücher eröffnen eine andere Welt. Sie lenken ab, lassen einen alles außen herum vergessen, den ewig und immer gleichen Trott, die kleinen und großen Ängsten und Sorgen. Mit ihnen lassen wir die Anspannung im Büro hinter uns, das Gefühl es nicht mehr zu schaffen, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. All das bleibt draußen. Abends und am Wochenende ein paar Stunden an etwas anderes denken. Das alles kann ein Buch. So funktioniert lesen.  Das gelingt nicht bei „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau. Zur Realitätsflucht ist es weniger geeignet. Zur Erkenntnissucht eher. Es geht um Versagen, um den Verlust des Jobs, darum was es mit einem macht, wenn auf einmal nicht mehr alles läuft wie geplant, was sich tut in einer Beziehung, wenn man sehr genau zählen muss am Monatsende oder schon am Anfang. Und sich dieser neuen Realität immer wieder verweigert, weil ein neues Kleid doch mal drin sein müsste, weil es ein Versprechen ist oder manchmal …

lost in Schlummerland

Es gibt Menschen, die hören das erste Weckerklingeln und stehen auf. Und es gibt die Snoozer. Ich gehöre zu letzteren. Aus Überzeugung. Die snooze-Zeit am Morgen, dieser schöne Zustand zwischen den Welten  ist mir heilig. Noch nichts ganz. Noch nicht ganz wach, nicht mehr ganz schlafend, träumend zwischen der einen und der anderen Realität hin- und herwechseln. Irgendetwas dazwischen. Ein Zwischenraum. Und davor ein Raum der Möglichkeiten. Das ist der Unterschied zum Abend, an dem ich auch für mich alleine bin, wenn die ganze Welt außen herum schon schläft. Auch da schwanke ich zwischen den Zuständen. Schon müde, aber noch wach. Nur ist da ist der Tag schon rum, das Tagwerk erledig. Er liegt nicht mehr wie ein Versprechen vor einem. Es geht ums Abschließen, nicht ums Aufbrechen. Am Morgen ist das Dahindämmern ein anderes, weil die kleine Möglichkeit besteht, dass die Träume auch wahr werden können. Viele Stunden liegen vor einem und wollen gefüllt sein. Statt der Bilanz dessen was-ich-alles-nicht-geschafft-habe, erstreckt sich der weite Möglichkeitsraum der das-will-ich-alles-heute-machen Gedanken. Yrsa Daley-Ward hat einmal geschrieben: „Find …

Ab jetzt wird alles anders

Eines seiner ersten Bücher hieß: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Ich könnte eines schreiben, das heißt: Wie Alain de Botton Ihr Leben verändern kann. Denn meines hat er. So ein Leben verändert sich nicht in zehn Tagen oder acht Wochen. Auch wenn ich das hin und wieder mal versuche und glaube, ab jetzt wird alles anders und ich ein neuer Mensch. Es ist der Versuch, der zählt. Aber das ist ja auch eine sehr große Sache, so ein Leben. Es prägt einen so einiges. Elternhaus, soziales Umfeld, die Umgebung, diejenigen mit denen wir uns umgeben. „The person you will be in five years depends on the people you surround yourself with and the books you read“, habe ich mal gelesen. Wenn nur ein Fünkchen davon wahr ist, sollte und muss Alain de Botton in den zu-lesen-Stapel geschoben werden. Warum ich das schreibe? Er hat gerade ein neues Buch herausgebracht. The course of love heißt es. Es geht um die Liebe, aber nicht nur um das Verlieben (dem hat er schon in Versuch über die Liebe ein ganz eigenes Buch gewidmet), …

Gegenüberstellung

„… dieser Widerspruch, dem wir uns alle stellen müssen, etwas perfekt zu machen, unserer Arbeit, unser Wissen und unsere Gefühle, alles strebt dem Ideal nach, während die Wirklichkeit stets unrein ist. Das Vollkommene kann man nur bewundern, das Unvollkommene muss man erst verstehen lernen, und dann kann es Gegenstand unserer Liebe werden.“ Aus einem meiner liebsten Bücher: Rot von Uwe Timm

Irritationsgefahr

Wenn es irritiert, ist es gut. Im Alltag mag das selten passieren und wenn ist es ein Ärgernis, weil alles darauf angelegt ist durchzurutschen, zu flutschen, reibunglos abzulaufen und zu funktionieren. Kinder wissen das noch nicht, fügen sich noch nicht ein in die vorgegebenen Abläufe und bringen sie so aus dem Takt. Kunst kann das oft. Und manches Mal Bücher. Eins im Andern ist so eines. Es irritiert nicht abrupt. Es beginnt mit dem Alltäglichen. Die Kinder müssen in den Kindergarten gebracht werden, der Hund ausgeführt, die Wäsche aufgehangen werden. Die Arbeit am Schreibtisch, ein kleiner Mittagsschlaf. Der normalen Lauf der Dinge. Dann kommt eine Nachricht, die des Selbstmordes ihrer ersten großen Liebe. Auf einmal geben Erinnerungen einen neuen Rhythmus vor. Sie erinnert sich an ihre vergangenen Lieben. Wie eine Matrojschka nimmt sie Schale um Schale auseinander und verfolgt den Weg, der sie dort hingeführt hat, wo sie heute ist. Sie verliert sich ein wenig dabei. Ich mochte dieses Buch. Es entwickelt einen Sog, weil es so verwoben ist. Die nächste Biebung, die die Geschichte nimmt, kann …

Schwache Momente und klarer Geist

Über das Für und Wider digitaler Bücher lässt sich vortrefflichst streiten. Den einen geht nichts über die Haptik des Gedruckten, die anderen preisen den Vorteil des leichten Reisens und wie viele Stücke Weltliteratur doch in so einen kleinen Kindle passen. Ich erinnere mich noch gut an meine Studententage und die Besuche bei Kommilitonen oder Freunden von Kommilitonen und mein Blick auf die Bücherregale, in dem sich sämtliche Goethe und Schillerausgaben neben Lessing, Schnitzler und Odysseus stapelten. Rilkes Sommergedichte lagen fein säuberlich neben dem Bett aufgeschlagen. Ein wenig ungebildet kam ich mir dann vor, weil mir während des Studiums durch den Zwang, unter dem ich nie gut funktioniere, zeitweise die Lust an der Literatur und Sprache abhanden gekommen war und als ich dann später etwas ganz anderes in Angriff genommen hatte, war der Kopf abends einfach zu voll als dass noch der deutsche Literaturkanon oder griechische Mythologie reingepasst hätten. Erst später ist mir aufgegangen, dass so mancher das auch nicht gelesen, sondern nur dekorativ im Regal zur Schau gestellt hat. Wobei ich nicht ausschließen will, dass …

Zurück in die Vergangenheit: Zeitlos

Es gibt Bücher, deren Magie erschließt sich im Rückblick nicht mehr. Rausgewachsen ist man aus ihnen wie aus zu klein gewordenen Kleidern. Der Steppenwolf beispielsweise, den kann ich nicht mehr lesen so wie damals, weil ich eine andere geworden bin. Nicht mehr ganz so radikal, nicht mehr ganz so euphorisch. Milder bin ich mit dennoch gelegentlichen Ausbrüchen und das mag einer der Gründe sein, warum mir dieses Buch mittlerweile ein wenig fremd ist, so wie man etwas verwundert auf alte Liebschaften zurückblickt und nicht mehr sagen kann, was einen damals angezogen hat und den anderen so unwiderstehlich erscheinen lies. Aber es gibt Bücher, die berühren mich noch immer an den immer gleichen Stellen. Vielleicht weil ich in ihnen mein Ich von damals sehe. Dshamilja ist so eines. Ich habe es gerade noch einmal gelesen. An einem Samstag Vormittag aus Verlegenheit. Ich hielt es beim Aufräumen auf einmal in der Hand, wollte mich nur kurz damit aufs Sofa setzen, um etwas reinzulesen und konnte dann kein Ende finden. Es war so, genau so, wie damals. Nicht umsonst, wird sie bezeichnet, als eine der schönsten …

Austarierte Übergriffigkeit

„Einer liebt immer mehr“. Keine Ahnung, wer mir das einmal gesagt hat, wem ich das erzählt habe, wo ich das gelesen oder gehört habe. Ich weiß nur, dass mich dieser Gedanke nicht losgelassen hat, wie es manches Mal eben so mit Gedanken ist, die eine Struktur erfassen oder ein tiefer liegendes Muster beschreiben. Jeder war schon einmal auf der einen oder auf der anderen Seite. Keine fühlt sich gut an. Und selbst in den Beziehungen, in denen die Seiten grundsätzlich einigermaßen austariert sind, gibt es zuweilen Überhänge und Überschüsse, Defizite. Der Unterschied zu den Brüchen ist nur, dass es sich abwechselt. Mal liebt der eine, mal der andere mehr und dann wieder von vorne. Nicht weil es ums Bilanzieren ginge im Zwischenmenschlichen, vielleicht eher weil Balance und Gleichgewicht sehr starke Kräfte sind und immer am Werk, weil Entwicklungen unterschiedlich schnell und langsam verlaufen. In Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson liebt eine nicht nur mehr, sie liebt übergriffig. Sie legt alles in die Waagschale. Sie zieht und zerrt am anderen. Sie versucht wieder und wieder ein Spiel zu …

Für und Wider eines Buches

I ch wäge ab, indem ich aufliste. Rechts plus, links minus. Soll ich oder soll ich nicht? Eine klare Auflistung dessen, was dafür und was dagegen spricht. So bringe ich Klarheit in den Kopf. Was habe ich mit dieser Methode schon Entscheidungen getroffen. Habe Männer aussortiert, Studienplätze gewählt, Umzüge beschlossen. So ein niedergelegtes Für und Wider zeigt schwarz auf weiß, was der Bauch schon längst entschieden hat. So eine kleine Plus-Minus-Liste habe ich auch schnell im Kopf angefertigt, bevor ich mich endlich für dieses Buch entschied. Das große Los. Was dagegen sprach: Der Spiegel-Bestseller Aufkleber. Wenn der auf einem Buchcover klebt, denke ich  mir oft: Nicht für mich. Wer fleißig bemüht ist sein Leben sorgfältigst zu kuratieren, kann doch nicht hinsichtlich Lektüre einfach blind dem Massengeschmack folgen. In einer Zeit, in der das Handgemachte en vogue ist als ein Ausdruck individualistischen anders-sein-wollens und als Gegenbewegung zur industriellen Massenfertigung, wie Melanie Kurz die Ästhetik des Handgemachten erklärt, vermittelt solch ein Sticker keine Sicherheit, sondern steht für Mainstream und gerade den gilt es zu verhindern, weil man in seiner Individualität …