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Vom Beginn des Sommers

Amerikanische Universitäten geben eine Sommerbuchempfehlung. Die Idee dahinter ist die, dass die Studenten gleich zu Beginn des neuen Semesters über etwas Gemeinsames unterhalten können. Ich habe mein eigenes Sommerbuch. Nicht, um mich mit jemandem darüber zu unterhalten, wobei das auch immer nett ist. Aber ich habe immer ein Buch, das für mich den Sommer einläutet. Die Zeit, in der es ein wenig ruhiger zugeht, in dem allem das Tempo genommen ist, weil entweder immer jemand im Urlaub ist, weil klar ist, dass vor Anfang September sich eh nichts tun wird oder es einfach zu heiß ist für kühne Pläne und…

Keine Angst

Das Fürchten verlernen . Dazu muss man sich erst einmal eingestehen, dass da welche ist. Furcht nämlich. Die enorme Kraft, die aufgewendet wird, sie nicht zu sehr zu spüren und vor ihr davon zu laufen, lässt einen an manchen Tagen fast vergessen, dass sie existiert. Es gelingt umso schlechter nach der Lektüre dieses Buches. Das ist gut so. 7 Mutproben, die alles verändern, heißt der Untertitel. Sieben Kapitel. Die lauten "Nicht mehr liebenswert sein. Und nicht mehr lieben" oder "Den Dämon kennenlernen" oder "einen Elternteil verlieren." Wie kann ein Mensch so etwas schreiben, habe ich mich gefragt. Wie so genau hinsehen, wo…

schutzlos ausgeliefert

Das Bild auf dem Umschlag ist von Peter Hujar. Es heißt "orgasmic man" und zeigt genau das: Einen Mann während des Orgasmus. Der Fotograf hat die wenigen Sekunden, in denen ein Mann sein eigenes Bild nicht unter Kontrolle hat, in denen er in keine Posen verfallen, sondern völlig schutzlos und verletzlich ist, festgehalten. Es gäbe keinen passenderen Einband für das Buch Ein wenig Leben. Ein Buch, das von vier Männern handelt, die sich am College kennenlernen und das von ihrer lebenslangen Freundschaft erzählt. Davon, wie das Gefühl als Kind nicht gewollt zu sein, einen bis ins Erwachsenenleben verfolgt und gegen alle Fassaden, die man aufbaut…

leise Bilder, ganz laut

"Die leisen Töne werden gehört", bemerkte einmal ein Kollege, als ich mich und ihn fragte, ob ich in der lautstarken Männerrunde nicht anders hätte auftreten sollen. Der Satz hat mich lange begleitet und tut es heute noch. Es gibt eine sehr feine Art der Kommunikation, die reduziert, sehr treffend ist, die weglässt und gerade darum mehr sagt. Die Bilder von Christoph Niemann sprechen so. Sehr leise, sehr direkt. Christoph Niemann ist Illustrator. Er hat viele Cover des New Yorker gestaltet, einen herrlichen Instagram-Account (allein diese Illustration, wie Social Media funktioniert ist so herrlich), eine wunderschöne App für Kinder herausgebracht, ebenso wie diverse Bücher. Er hat…

frei zu lesen

Ich musste es kaufen. Es war der Titel. Es ist ein beeindruckendes Buch. Françoise Giroud war eine beeindruckende Frau. Sie hat vieles hinterlassen. Unter anderem einen Text, der 2013, da war sie schon zehn Jahre tot, auftauchte und vor drei Jahren veröffentlicht wurde. "Ich bin eine freie Frau". Girod schrieb in ihrem Leben über 30 Bücher. "Ich bin eine freie Frau" war nicht als ein solches geplant. Freunde rieten von der Veröffentlichung ab. Girod schrieb es nicht um ein weiteres Buch zu schreiben. Sie schrieb es nach einem gescheiterten Selbstmordversuch, um sich und das Geschehene besser zu verstehen. Ihr damaliger Geliebter,…

nicht den Erwartungen entsprechend

"Ist das das Neue von Capus? Ich mochte Léon und Louise so sehr. Ist es gut?" wurde ich oft gefragt, wenn jemand das Buch bei mir entdeckte. Ja, es ist das Neue von Capus. Ich mochte Léon und Louise auch sehr. Und ja, es ist gut. Es ist gut, aber ganz anders. Wenn man es nicht wüsste und es nicht auf dem Umschlag stünde, käme man nicht darauf, dass es ein und derselbe Mensch geschrieben hat. Das hat manche enttäuscht. Man hätte etwas anderes erwartet, heißt es. Es gibt eine Stelle in "Das Leben ist gut", dem neusten Buch von…

Vom Glück der Realitätsflucht zur Erkenntnissucht

Warum lesen wir? Um in Gedanken auszubrechen, um uns zu zerstreuen, zu unterhalten, zu amüsieren, um dem Alltag zu entfliehen. Bücher eröffnen eine andere Welt. Sie lenken ab, lassen einen alles außen herum vergessen, den ewig und immer gleichen Trott, die kleinen und großen Ängsten und Sorgen. Mit ihnen lassen wir die Anspannung im Büro hinter uns, das Gefühl es nicht mehr zu schaffen, nicht gut genug zu sein, nicht mithalten zu können. All das bleibt draußen. Abends und am Wochenende ein paar Stunden an etwas anderes denken. Das alles kann ein Buch. So funktioniert lesen.  Das gelingt nicht bei "Die Glücklichen" von Kristine Bilkau.…

lost in Schlummerland

Es gibt Menschen, die hören das erste Weckerklingeln und stehen auf. Und es gibt die Snoozer. Ich gehöre zu letzteren. Aus Überzeugung. Die snooze-Zeit am Morgen, dieser schöne Zustand zwischen den Welten  ist mir heilig. Noch nichts ganz. Noch nicht ganz wach, nicht mehr ganz schlafend, träumend zwischen der einen und der anderen Realität hin- und herwechseln. Irgendetwas dazwischen. Ein Zwischenraum. Und davor ein Raum der Möglichkeiten. Das ist der Unterschied zum Abend, an dem ich auch für mich alleine bin, wenn die ganze Welt außen herum schon schläft. Auch da schwanke ich zwischen den Zuständen. Schon müde, aber noch…

Ab jetzt wird alles anders

Eines seiner ersten Bücher hieß: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Ich könnte eines schreiben, das heißt: Wie Alain de Botton Ihr Leben verändern kann. Denn meines hat er. So ein Leben verändert sich nicht in zehn Tagen oder acht Wochen. Auch wenn ich das hin und wieder mal versuche und glaube, ab jetzt wird alles anders und ich ein neuer Mensch. Es ist der Versuch, der zählt. Aber das ist ja auch eine sehr große Sache, so ein Leben. Es prägt einen so einiges. Elternhaus, soziales Umfeld, die Umgebung, diejenigen mit denen wir uns umgeben. "The person you will be…

Gegenüberstellung

"... dieser Widerspruch, dem wir uns alle stellen müssen, etwas perfekt zu machen, unserer Arbeit, unser Wissen und unsere Gefühle, alles strebt dem Ideal nach, während die Wirklichkeit stets unrein ist. Das Vollkommene kann man nur bewundern, das Unvollkommene muss man erst verstehen lernen, und dann kann es Gegenstand unserer Liebe werden." Aus einem meiner liebsten Bücher: Rot von Uwe Timm…

Irritationsgefahr

Wenn es irritiert, ist es gut. Im Alltag mag das selten passieren und wenn ist es ein Ärgernis, weil alles darauf angelegt ist durchzurutschen, zu flutschen, reibunglos abzulaufen und zu funktionieren. Kinder wissen das noch nicht, fügen sich noch nicht ein in die vorgegebenen Abläufe und bringen sie so aus dem Takt. Kunst kann das oft. Und manches Mal Bücher. Eins im Andern ist so eines. Es irritiert nicht abrupt. Es beginnt mit dem Alltäglichen. Die Kinder müssen in den Kindergarten gebracht werden, der Hund ausgeführt, die Wäsche aufgehangen werden. Die Arbeit am Schreibtisch, ein kleiner Mittagsschlaf. Der normalen Lauf der Dinge.…

Schwache Momente und klarer Geist

Über das Für und Wider digitaler Bücher lässt sich vortrefflichst streiten. Den einen geht nichts über die Haptik des Gedruckten, die anderen preisen den Vorteil des leichten Reisens und wie viele Stücke Weltliteratur doch in so einen kleinen Kindle passen. Ich erinnere mich noch gut an meine Studententage und die Besuche bei Kommilitonen oder Freunden von Kommilitonen und mein Blick auf die Bücherregale, in dem sich sämtliche Goethe und Schillerausgaben neben Lessing, Schnitzler und Odysseus stapelten. Rilkes Sommergedichte lagen fein säuberlich neben dem Bett aufgeschlagen. Ein wenig ungebildet kam ich mir dann vor, weil mir während des Studiums durch den…

Zurück in die Vergangenheit: Zeitlos

Es gibt Bücher, deren Magie erschließt sich im Rückblick nicht mehr. Rausgewachsen ist man aus ihnen wie aus zu klein gewordenen Kleidern. Der Steppenwolf beispielsweise, den kann ich nicht mehr lesen so wie damals, weil ich eine andere geworden bin. Nicht mehr ganz so radikal, nicht mehr ganz so euphorisch. Milder bin ich mit dennoch gelegentlichen Ausbrüchen und das mag einer der Gründe sein, warum mir dieses Buch mittlerweile ein wenig fremd ist, so wie man etwas verwundert auf alte Liebschaften zurückblickt und nicht mehr sagen kann, was einen damals angezogen hat und den anderen so unwiderstehlich erscheinen lies. Aber es…

Austarierte Übergriffigkeit

"Einer liebt immer mehr". Keine Ahnung, wer mir das einmal gesagt hat, wem ich das erzählt habe, wo ich das gelesen oder gehört habe. Ich weiß nur, dass mich dieser Gedanke nicht losgelassen hat, wie es manches Mal eben so mit Gedanken ist, die eine Struktur erfassen oder ein tiefer liegendes Muster beschreiben. Jeder war schon einmal auf der einen oder auf der anderen Seite. Keine fühlt sich gut an. Und selbst in den Beziehungen, in denen die Seiten grundsätzlich einigermaßen austariert sind, gibt es zuweilen Überhänge und Überschüsse, Defizite. Der Unterschied zu den Brüchen ist nur, dass es sich…

Für und Wider eines Buches

I ch wäge ab, indem ich aufliste. Rechts plus, links minus. Soll ich oder soll ich nicht? Eine klare Auflistung dessen, was dafür und was dagegen spricht. So bringe ich Klarheit in den Kopf. Was habe ich mit dieser Methode schon Entscheidungen getroffen. Habe Männer aussortiert, Studienplätze gewählt, Umzüge beschlossen. So ein niedergelegtes Für und Wider zeigt schwarz auf weiß, was der Bauch schon längst entschieden hat. So eine kleine Plus-Minus-Liste habe ich auch schnell im Kopf angefertigt, bevor ich mich endlich für dieses Buch entschied. Das große Los. Was dagegen sprach: Der Spiegel-Bestseller Aufkleber. Wenn der auf einem Buchcover klebt, denke…